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Demonstrationen in Kandel : Eine Stadt in Geiselhaft

Rechtspopulisten marschieren durch Kandel. Bild: Anna-Lena Ripperger

Die pfälzische Stadt ist zum Schauplatz von Aufmärschen von Rechtspopulisten und Gegendemonstrationen geworden. Auf der Strecke bleiben die Bewohner.

          Kandel hat lange gewartet. Aber es war kein freudiges Warten. Die kleine Stadt in der Südpfalz bereitete sich seit Wochen auf auf die vielleicht größten Demonstrationen seit dem Mord an der 15 Jahre alten Mia V. am 27. Dezember des vergangenen Jahres vor. An diesem Tag erstach der afghanische Flüchtling Abdul D. in einem Drogeriemarkt seine ehemalige Freundin. Durch den Vorfall wurde Kandel bekannt. Politisch rechtsorientierte Kräfte machten in dem Ort schnell ein potentielles Symbol für die in ihren Augen verfehlte Flüchtlingspolitik der Bundesregierung aus.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Im Januar organisierten sie einen Kerzenmarsch in der Stadt; Anfang März folgte eine Demonstration mit mehr als 4000 Teilnehmern, organisiert von der baden-württembergischen AfD-Politikerin Christina Baum. „Kandel ist überall“, war der Slogan, der Schutz von Frauenrechten das erklärte Ziel. Mehr als 4000 Menschen kamen, darunter auch extreme Rechte, Hooligans, Neonazis, Identitäre. Und Gegendemonstranten. Die wollten den Flüchtlingsgegnern nicht die Deutungshoheit überlassen. Genauso wenig wie die Bewohner von Kandel. Das Bündnis „Wir sind Kandel“ entstand, im Logo ist das „wir“ in Großbuchstaben geschrieben – eine Absage an die Demonstranten von außen, gegen die „Flut rechter Netzwerke“, wie es auf der Facebookseite des Bündnisses heißt. Das Bündnis besteht aus etwa 80 Personen, unterstützt vom Verein Handel und Gewerbe e.V. Kandel.

          „Nach der letzten Demonstranten ist Kandel aufgewacht“, sagt Dietmar Muscheid, Vorsitzender des DGB Rheinland-Pfalz/Saarland. Da habe die Stadt ihre passive Haltung aufgegeben – angesichts der großen Zahl rechter Demonstranten. Etwa 4000 waren es, und 500 Gegendemonstranten. Dieses Mal wurden gleich drei Veranstaltungen angemeldet: Neben „Kandel ist überall“ der AfD-Politikerin Baum, demonstrieren auch „Wir sind Kandel“, das überparteiliche Aktionsbündnis, und die Kurfürstlich Kurpfälzische Antifa unter dem Motto „Rassismus ist kein Grund für Partys“. Bei den ersten beiden Veranstaltungen werden jeweils etwa tausend Teilnehmer erwartet.

          „Wir sind in Geiselhaft“, sagt die Verkäuferin eines Modegeschäfts und beschreibt damit wohl das, was derzeit viele in Kandel denken. Und einig sind sich viele auch darin, dass es bei den Protesten schon lange nicht mehr um den Fall Mia V. geht. In der Innenstadt haben viele Geschäfte die Plakate des Bündnisses „Wir sind Kandel“ in die Schaufenster gehängt. Gleichzeitig haben an diesem Samstag viele Geschäfte früher geschlossen. Aus Unsicherheit, aber auch, weil die Kunden wegbleiben. Das kennen sie schon von der Demonstration Anfang März. Und das wird sich wahrscheinlich wiederholen. Denn „Kandel ist überall“ hat schon für die kommenden Monate Demonstrationen angemeldet. Alle vier Wochen wollen sie wiederkommen.

          „Was das kostet“, klagt die Kandeler Verkäuferin. „Und was man mit dem Geld für die Integration tun könnte …“ Sie meint damit das große Polizeiaufgebot, das sichern soll, dass die Demonstration friedlich bleibt, aber auch die Maßnahmen des Ordnungsamtes, den Aufwand, den die Stadt Kandel betreiben muss, um sich instrumentalisieren zu lassen. Was die richtige Reaktion auf die rechten Kräfte ist – auf diese Frage haben die Bewohner Kandels noch keine abschließende Antwort gefunden.

          Da kommen die Nächsten. Demonstranten für ein weltoffenes Kandel sammeln sich.

          Heute steht in Kandel auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) auf der Bühne, um zusammen mit dem Bündnis „Wir sind Kandel“, Vertretern der Kommunal-, Landes- und Bundespolitik, der Kirchen und der Gewerkschaften ein Zeichen zu setzen. Die Ruhe, die sich viele Kandeler seit Wochen wünschen, kehrt mit diesen prominenten Besuchern erst einmal nicht ein. Das gab auch den Organisatoren der Kundgebung und der Demonstration von „Wir sind Kandel“ zu denken.
          „Wir lassen uns jetzt nicht auf einen Demonstrationswettlauf mit den Rechten ein“, sagt Dietmar Muscheid vom DGB. „Aber gerade deshalb haben wir uns entschieden, heute ein deutliches Zeichen setzen.“ Zumindest dieses Ziel dürfte er auch mit den Demonstranten von „Kandel ist überall“ teilen.

          Das Wichtigste in Kürze

          Kandel
          Wegen des Mords an der 15 Jahre alten Mia V. rückte Kandel ab Dezember in den Fokus der Berichterstattung – und in den der rechten Szene. Denn das Mädchen wurde von ihrem ehemaligen Freund, dem afghanischen Flüchtling Abdul D., getötet. Daraufhin wurde die südpfälzische Stadt mit ihren etwa 9000 Einwohnern für die einen zum Symbol für die verfehlte Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Für die anderen ist Kandel der Beweis dafür, wie Parteien und Organisationen aus dem rechten politischen Spektrum ein tragisches Ereignis für ihre Ziele missbrauchen.

          Die Hintergründe
          Am 27. Dezember des vergangenen Jahres hat der afghanische Flüchtling Abdul D. seine Ex-Freundin in einem Drogeriemarkt mit einem Brotmesser erstochen. Wie das Mädchen wurde er damals ebenfalls für 15 Jahre alt gehalten. Doch bald gab es Zweifel am wahren Alter des Jungen, die unter anderem der Vater des erstochenen Mädchens äußerte. Laut einem Ende Februar veröffentlichten Gutachten war Abdul D. zur Tatzeit schon zwanzig Jahre alt. Er war 2016 als Flüchtling nach Deutschland eingereist. Nach seiner Registrierung in Frankfurt wurde er als unbegleiteter minderjähriger Schutzsuchender dem rheinland-pfälzischen Landkreis Germersheim zugeteilt, wo er zunächst in einer Einrichtung mit 24-Stunden-Betreuung lebte und später in eine betreute Wohngemeinschaft wechselte. Während er in Kandel die Schule besuchte, lernte er Mia V. kennen. Einige Monate waren die beiden ein Paar. Der Asylantrag von Abdul D. wurde im Februar 2017 abgelehnt. Doch wegen eines Abschiebeverbots konnte er in Deutschland bleiben.

          Die Folgen
          Schon kurz nach der Tat organisierten Gruppen aus dem rechten politischen Spektrum einen Kerzenmarsch durch Kandel. Der Bürgermeister, der einen Flüchtlingstreff organisiert hatte, wurde in den sozialen Netzwerken als „Kuppler von Kandel“ verunglimpft und erhielt Morddrohungen. Sozialarbeiter, die Abdul D. betreut hatten, fühlten sich unsicher. Anfang März kamen dann etwa 4.000 Demonstranten aus dem rechten Spektrum nach Kandel – und etwa 500 Gegendemonstranten. (alri.)

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