http://www.faz.net/-gpf-98gto

Demonstrationen in Kandel : Nach dem Protest ist vor dem Protest

Die Polizei war mit etwa tausend Kräften vor Ort. Bild: Anna-Lena Ripperger

Beim Aufeinandertreffen von Islam-Gegnern und ihren Gegendemonstranten blieb dieses Mal alles weitgehend friedlich. Doch der Demonstrationstag mit mehr als 1000 Polizisten war nur ein Vorgeschmack.

          Um halb sieben ist der Spuk vorbei. Ein Polizist kippt den Kaffee aus zwei blauen Thermoskannen in den Gully. Die meisten Mannschaftswagen sind schon abgefahren, die Demonstranten sowieso. Und der Bahnhofsvorplatz von Kandel, auf dem sich wenige Stunden zuvor zahlreiche Menschen versammelt haben, liegt verlassen da. Nur ein aufgebrachter Demonstrant streitet sich noch mit einem DGB-Funktionär.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          „Wir kommen wieder“, skandierten die Demonstranten des politisch rechtsorientierten Bündnisses „Kandel ist überall“ am Nachmittag auf dem Platz zwischen Stadthalle und Georgskirche – gegen das offenkundig gegen sie gerichtete Glockenläuten. Eine leere Drohung ist das nicht, die nächste Demonstration ist schon angemeldet.

          Auslöser für die Proteste in der Kleinstadt im südpfälzischen Landkreis Germersheim war der Mord an einem 15 Jahre alten Mädchen Ende Dezember. Mia V. wurde in einem Drogeriemarkt erstochen. Der mutmaßliche Täter war ihr ehemaliger Freund, ein Flüchtling aus Afghanistan, der damals für gleichaltrig gehalten wurde. Nach Zweifeln an seinem wahren Alter stufte ein medizinisches Gutachten ihn später als etwa fünf Jahre älter ein. Der Fall löste eine Debatte über Gewalt unter Flüchtlingen und die Notwendigkeit von Alterstests aus. Nach Kandel kamen bereits Anfang Januar erstmals Angehörige aus dem rechten politischen Spektrum zu einem Gedenkmarsch für Mia V.

          „Die Kandeler haben noch nicht kapiert, dass sie sich wehren müssen“, sagt ein Bewohner der Stadt, während draußen vor dem Café Männer, Frauen und Kinder Anti-Merkel-Plakate vorbeitragen und „Jeder hasst die Antifa“ rufen. „Da müssten noch viel mehr Menschen von hier auf die Straße gehen gegen die Rechten“, sagt der Rentner. Er glaubt, dass die Flüchtlingsgegner wieder in der Überzahl waren, wie schon Anfang März.

          Doch bei der Mobilisierung war das überparteiliche Bündnis „Wir sind Kandel“ dieses Mal erfolgreicher. Die Polizei schätzt die Zahl der Teilnehmer am Abend auf ungefähr 2000, die der Gegenseite auf etwa 1000. Um sie, aber auch die Bewohner Kandels und prominente Gäste wie die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer zu schützen, war die Polizei mit etwa 1000 Mann vor Ort. Ein Hubschreiber kreiste über der kleinen Stadt.

          „Hier ist es doch friedlich, oder?“

          „Schauen Sie sich um, hier ist es doch friedlich, oder?“, sagt eine Besucherin der „Kandel ist überall“-Kundgebung im Anschluss an den Demonstrationszug durch die Innenstadt. Die Gewalt ginge von den Linksextremen aus, behauptet die Frau, die aus Karlsruhe angereist ist, um gegen eine zunehmende Islamisierung Deutschlands zu protestieren. „Ich will nicht, dass meine Enkelinnen irgendwann mit einem Kopftuch in die Schule gehen müssen oder dass sie ihr Kotelett nicht mehr essen dürfen“, sagt sie.

          Wer ist denn nun Kandel?

          Ihre zwei Begleiterinnen pflichten ihr bei. Sie bemühen sich, genau zu erklären, warum sie an „Kandel ist überall“ teilnehmen. Sie hätten Angst, ihrer Kinder allein auf die Straße zu lassen, weil die dort angepöbelt oder begrapscht würden. Sie fänden es ungerecht, dass eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern lange auf eine Sozialwohnung warten müsse und für die Flüchtlinge in kurzer Zeit jede Menge Wohnraum geschaffen worden sei. Sie beklagen, dass sie als Deutsche zahlreiche Regeln beachten und Anträge ausfüllen müssten, um unterstützt zu werden und die Flüchtlinge alles bekämen – obwohl sie nie in die deutschen Steuer- und Sozialkassen eingezahlt hätten.

          Die drei sind frustriert. „Damit sind wir hier auf dem Platz nicht allein.“ Und der brandenburgische AfD-Politker Andreas Kalbitz, der als Redner auftritt, scheint die Anwesenden nach Kräften in ihrem Frust auf Migranten, die Medien, die „vermerkelte“ Regierung und Politiker im Allgemeinen bestärken zu wollen. „Das ist der Querschnitt der Gesellschaft“, spricht er die auf dem Platz Versammelten direkt an, „nicht die da unten.“ Mit „die da unten“ meint er nicht nur die Antifa, auf deren Kosten er Witze macht, sondern auch das Bündnis „Wir sind Kandel“.

          „Die sind laut, aber die haben hier nichts zu suchen“

          Auf der richtigen Seite fühlen sich aber auch die – und schimpfen auf die Gegenseite. „Die sind laut, aber die haben hier nichts zu suchen“, sagt Ministerpräsidentin Malu Dreyer in ihrer Ansprache mit Blick auf die rechten Demonstranten. Der friedliche Protest des Bündnisses „Wir sind Kandel“ sei die richtige Antwort auf die rechten „Spalter und Hetzer“, für die es in Rheinland-Pfalz keinen Platz gebe.

          Die so Beleumundeten wiederum wollen sich nicht „bunttot“ machen lassen von ihren „Gegnern“, weder von dem überparteilichen regionalen Bündnis, das Kandel als vielfältige, offene und tolerante Stadt beschwört, noch von der Antifa, die etwa 250 Menschen mobilisieren konnte. Die gerät noch mit der Polizei aneinander. Wegen Gewalt gegen Polizisten in Form von Pyrotechnik, Flaschenwürfen und Beleidigungen wird deren Protestzug am späten Samstagnachmittag gestoppt. Vier Personen werden vorläufig festgenommen. Alle Teilnehmer des Blocks erhalten Platzverweise und werden nach einer längeren Wartepause und vereinzelten Personenkontrollen von der Polizei zum Bahnhof eskortiert.

          Noch wirken Bilder wie diese wie ein Ausnahmezustand in der kleinen Stadt. Doch wenn die Proteste tatsächlich noch monatelang weitergehen sollten, könnten sie bald zur Regel werden – ob die Kandeler wollen oder nicht.

          Weitere Themen

          Merkel will „Lage neu bewerten“ Video-Seite öffnen

          Maaßen-Affäre : Merkel will „Lage neu bewerten“

          Sie halte dies für richtig und für notwendig, so die Kanzlerin. Zuvor hatte SPD-Chefin Andrea Nahles eine Neubewertung der Übereinkunft von SPD, CDU und CSU vom Dienstag gefordert.

          Nahles will Maaßen-Deal neu verhandeln Video-Seite öffnen

          Koalitionsstreit : Nahles will Maaßen-Deal neu verhandeln

          „Die durchweg negativen Reaktionen aus der Bevölkerung zeigen, dass wir uns geirrt haben“, schrieb Nahles am Freitag an die Vorsitzenden von CDU und CSU, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesinnenminister Horst Seehofer.

          Topmeldungen

          Deutsche-Bank-Türme in Frankfurt

          Digitaler Marktplatz : Wie die Deutsche Bank von Amazon und Airbnb lernt

          Internetkonzerne bauen eigene Bezahlsysteme auf – und sind damit Vorbild und Bedrohung zugleich. Die Deutsche Bank gibt sich aber nicht geschlagen und arbeitet an einer eigenen Finanzplattform, die mehr als die eigenen Produkte zeigen soll.

          Brexit-Verhandlungen : Schlichtweg inakzeptabel

          Die Zurückweisung auf dem EU-Treffen in Salzburg hat die Briten schockiert. Premierministerin Theresa May reagiert trotzig. Die Gegner ihres Plans im Land sehen sich aber bestätigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.