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Veröffentlicht: 18.11.2014, 21:00 Uhr

Anti-Islamisierungs-Demo Von einer diffusen Angst beseelt

In Dresden demonstriert eine Bewegung namens „Pegida“ gegen die „Islamisierung des Abendlandes“. Sie findet viel Zulauf, auch von Neonazis.

von , Dresden
© dpa Bloß ein Spaziergang? Tausende Demonstranten laufen durch Dresden

Montagabend im Dresdner Zentrum: Ein Mann mit Deutschlandfahne steht neben einem weißen Verkaufswagen, von dem herunter ein weiterer eine Art Manifest vorträgt. „Gegen Glaubenskriege auf deutschem Boden“, „Für unsere Kultur“ und „Mut zur Wahrheit“ steht auf Transparenten. Rund 3500 Zuhörer haben sich versammelt, doppelt so viele wie vor einer Woche und deutlich mehr als die etwa 200 Leute, mit denen Ende Oktober alles begann. Da tauchte plötzlich eine Gruppierung namens „Pegida“ auf, was ein Akronym für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ ist, hielt eine kurze Kundgebung ab und demonstrierte anschließend durch die Stadt.

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Statt vom „Demonstrieren“ sprechen die Veranstalter, die sich vor allem über das soziale Netzwerk Facebook organisieren, lieber von einem „Abendspaziergang“, der „friedlich und gewaltfrei“ ablaufen soll, was bisher stets gelang. Ordner mit weißen Armbinden schreiten sofort ein, wenn Parolen gerufen werden oder es zu kleineren Rangeleien kommt. Die Initiative spaziert, von der Polizei eskortiert, einmal rund um das Dresdner Zentrum und löst sich dann nach gut einer Stunde und einer Abschlusskundgebung, auf der sie ihre Forderungen vom Beginn noch einmal wiederholt, auf.

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An diesem Montag trägt René Jahn, einer der Mitveranstalter, die stets mehr oder weniger gleichen acht Forderungen vor, die sich vor allem um die Zuwanderungspolitik drehen. Kanada, die Schweiz und Südafrika werden als Vorbilder gepriesen, „Null Toleranz“ gegenüber „radikalreligiösen Gruppierungen“ und „straffällig gewordenen Zuwanderern“ verlangt sowie mehr Polizei gefordert. Jeden Satz quittiert die Menge mit großem Jubel, nur bei der Forderung nach „Bewahrung und Schutz unserer Identität und christlich-jüdischen Abendlandkultur“ mischen sich Buhrufe in den Beifall.

Fragen werden nicht beantwortet

Die Veranstalter wehren sich dagegen, als Nazis diffamiert zu werden, doch distanzieren sie sich ausdrücklich nicht von Neonazis und gewaltbereiten Hooligans, die unübersehbar in der Menge mitspazieren und auch ihre Parolen auf der Internetseite der Vereinigung unverhohlen äußern. Die Mehrzahl der Spaziergänger sind keine Rechtsradikalen, aber auch kein Durchschnitt des Dresdner Bürgertums. Wenige Familien mit Kindern laufen mit, wenige Frauen, viele junge und ältere Männer. Gründe für ihre Teilnahme sind nur schwer zu erfahren. Sie reden nicht mit Journalisten; Jahn hatte davor auch ausdrücklich gewarnt: „Gebt keine Interviews, euch wird das Wort im Mund herumgedreht.“

Auch Jahn beantwortet keine Fragen, weder zu seinen Beweggründen und Zielen noch zu denen seiner Mitstreiter. Der Presse unterstellen sie einen links-liberalen Mainstream, von dem man nicht abweichen dürfe. Ein Mann hält ein Plakat mit der Forderung nach Meinungs- und Redefreiheit hoch, offenbar ohne zu merken, dass er und die anderen Teilnehmer dieses Recht gerade wahrnehmen.

Breites Gegenbündnis formiert sich

Es geht, so viel wird dann aus vereinzelten Äußerungen klar, vor allem um die Angst vor Asylbewerbern, um die Sicherheit oder auch um den Wert der eigenen Wohnung, in deren Nähe Flüchtlinge untergebracht werden sollen, sowie um die unübersichtlich gewordene Welt im Allgemeinen. Man sei nicht gegen Flüchtlinge, sondern gegen Asylmissbrauch, nicht gegen den Islam, aber gegen die Islamisierung Europas, hatte Jahn gesagt und beklagt, dass sich niemand „mit unseren Sorgen“ beschäftige.

Dass die Sorge vor Überfremdung ausgerechnet in Dresden auftritt, verwundert angesichts der offiziellen Zahlen: Ende Oktober lebten knapp 28.000 Ausländer unter den gut 500.000 Einwohnern – gerade mal fünf Prozent. In diesem Jahr erwartet die Stadt 1600 Flüchtlinge, doppelt so viele wie vor einem Jahr, aber bei weitem weniger, als andere Städte aufnehmen. Auch deshalb formiert sich nun ein breites Gegenbündnis aus Kirchen, Künstlern und Gewerkschaften. Aus verborgener Angst könnte schnell Hass entstehen, warnen die Initiatoren. Auch warnen sie, dass die Radikalisierung Einzelner nicht auf die Religion als Ganzes übertragen werden dürfe. „Pegida“ phantasiere eine Untergangsstimmung und einen Kampf der Kulturen herbei, sagte ein Sprecher des Sächsischen Flüchtlingsrates auf einer Gegenveranstaltung vor der Frauenkirche.

Der Dresdner Stadtrat und die Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) veröffentlichten unterdessen eine Resolution, in der sie sich mit den Flüchtlingen solidarisch erklären. „Die Frage, wie wir mit Menschen in Not umgehen, ist die Nagelprobe für uns alle“, schreiben die Unterzeichner, die sich zudem gegen die Umdeutung des Satzes „Wir sind das Volk!“ wehren, mit dem „Pegida“ ihre Veranstaltungen stets beendet. Der berühmte Ruf des Herbstes 1989 stehe vielmehr für Freiheit, Menschenwürde und Demokratie.

Die neue Partei

Von Jasper von Altenbockum

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