http://www.faz.net/-gpf-7sbky
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 04.08.2014, 10:44 Uhr

Debattenbeitrag Linke Heuchler

Sie protestieren gegen Chlorhühnchen, aber nicht gegen Putin. Während sie ihre eigene Verbürgerlichung leugnen, halten sie sich für eine kritische Minderheit. Dieser spießige linke Mainstream in unserem Land verachtet die Demokratie. Ein Debattenbeitrag.

von Reinhard Mohr
© Robert Bochennek Stefan Zweig hätte den neuen Spießer wohl als „Kaffeehaus-Komplotteur“ bezeichnet

Jüngst stand ein einsamer Demonstrant vor der chinesischen Botschaft in Berlin und hielt ein Plakat hoch. Es zeigte das berühmte Foto vom 4. Juni 1989 mit dem ebenfalls einsamen Mann vor dem Panzer auf dem Pekinger Tiananmen-Platz. Außer dem Demonstranten vor der Botschaft ließ sich am Jahrestag der mörderischen Niederschlagung der Protestbewegung niemand blicken. Schon gar nicht zeigten sich jene bekenntnisfreudigen Prominenten, die sich stets gern für eine gute Sache ablichten lassen, ebenso wenig die Berufsprotestler von Campact & Co., weder Ostermarschierer noch die Antifa, weder Gregor Gysi noch Margot Käßmann. Das von der Kommunistischen Partei Chinas befohlene Massaker, mit dem vor einem Vierteljahrhundert der chinesischen Freiheitsbewegung ein brutales Ende gesetzt wurde, interessiert in der deutschen Party-Hauptstadt 2014 keinen Menschen.

Mehr zum Thema

Auch vor der russischen Botschaft sieht man die auf Protest und Betroffenheit abonnierten Politaktivisten und Talkshow-Promis nicht. Unmittelbar nach der Okkupation der Krim hatten sich dort gerade mal ein paar hundert Menschen, überwiegend Exilukrainer, versammelt. Selbst die planvolle Zersetzung der Ostukraine, Putins Lügenpropaganda und der ebenso unverschämte wie zynische Machtanspruch Moskaus sorgen für keinerlei demokratische Erregung in der deutschen Wutbürgerszene. Im Gegenteil. Statt Putins aggressives Vorgehen anzuprangern, werden dem Westen, der EU und der Nato „Kriegstreiberei“ und „Kumpanei mit Faschisten“ vorgeworfen - genau das also, was Putin betreibt. Verkehrte Welt, eine klassische Projektion.

Morbus Kreuzberg im fortgeschrittenen Stadium

Dafür haben all die Putinversteher, Freiheitsverächter, Kabarettprediger, Montagsdemonstranten, Hassblogger, Meinungsagenten und Verschwörungstheoretiker von rechts bis links eines gemeinsam: eine tiefsitzende Verachtung der westlichen Demokratie. Sie haben deutlich mehr Verständnis für den Macho-Autokraten Putin als für die frei gewählten Regierungen Westeuropas. Osteuropa, vor allem Polen, die Tschechische Republik und die baltischen Staaten, einst die ersten Opfer Hitlers, sind ihnen herzlich egal.

Erschütternd ist vor allem das schamlose Verwischen der Unterschiede, besser: der Gegensätze von Demokratie und Diktatur, Freiheit und Unfreiheit - ein zynischer Relativismus, der die Prinzipien der europäischen Aufklärung an den denkbar dümmsten Obskurantismus verrät. Während die halbe Welt voller Erwartung nach Europa schaut, blüht hierzulande eine bedrohliche Geschichts- und Selbstvergessenheit. Inmitten von Zuständen, die im weltgeschichtlichen Vergleich paradiesisch zu nennen sind, wächst eine Ignoranz heran, deren Schwester der Wahnsinn ist. Einzelne Motive erinnern an die zwanziger Jahre, als viele den Untergang des verhassten demokratischen „Systems“ gar nicht erwarten konnten. Am Ende führte eine reaktionär-missgelaunte Gleichgültigkeit zum verheerenden Triumph des Nazi-Fanatismus, der Europas Freiheit unter sich begrub.

Bei allen historischen Unvergleichbarkeiten - auch heute ist das irrlichternde antiparlamentarische und antiwestliche Ressentiment nicht zuletzt der Reflex eines eigentümlichen Selbsthasses, der die Gesellschaft, in der man lebt, einschließt. Gerade weil man sich die offenkundige Verbürgerlichung der eigenen Existenz nicht eingesteht, hält man an den Positionen von früher fest, als alles noch schön klar war, mit und ohne Che Guevara. Im Extremfall kann das zum akuten Ströbele-Syndrom führen, zum Morbus Kreuzberg: Denkfaulheit im fortgeschrittenen Stadium.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wahlkampf der AfD Erregungsabend in Schwarzrotgold

Die AfD empfängt den früheren tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Klaus in Schwerin. Sie will ihn im Wahlkampf vor ihren Karren spannen. Doch was passiert? Das Gegenteil. Mehr Von Paul Ingendaay

24.08.2016, 20:42 Uhr | Feuilleton
Libyen IS in Sirte zurückgedrängt

Libysche Streitkräfte haben nach eigenen Angaben am Sonntag weitere Teile der Stadt Sirte erobert. Seit etwa drei Monaten kämpfen sie dort gegen Extremisten des Islamischen Staates. Die Truppen kontrollierten den Großteil der Stadt, der IS könne sich nur noch in einem kleinen Teil der Innenstadt bewegen, sagte ein Sprecher. Mehr

22.08.2016, 14:15 Uhr | Politik
Bilanz der Spiele in Rio Russland ist der heimliche Olympiasieger

Staats-Doping! Na und? Putins Reich bekommt in Rio auffällig oft seinen Willen. Auch die Erfolge bleiben nicht aus. Eine weitere bittere Pointe dieser Groteske könnte es am Dienstag geben. Mehr Von Evi Simeoni, Rio de Janeiro

22.08.2016, 12:42 Uhr | Sport
Filmkritik El Olivo Politisch engagiertes Arthouse-Kino aus Spanien

Icíar Bollaíns El OIivo bietet politisch engagiertes Arthouse-Kino über eine junge Frau auf der Suche nach einem verloren geglaubten Olivenbaum. Die für ihre Generation archetypische Protagonistin überzeugt durch Hartnäckigkeit und Idealismus. Bert Rebhandl hat den Film bereits gesehen. Mehr Von Bert Rebhandl

24.08.2016, 09:37 Uhr | Feuilleton
Rückzug aus der Politik Das Erfolgsrezept WoBo

Wolfgang Bosbach will seine politische Karriere 2017 beenden. Er hat verstanden, wie unangenehme Wahrheiten und Popularität zusammen funktionieren. Abschied von einem ungewöhnlichen Politikertypus. Mehr Von Anna Reuß

23.08.2016, 17:41 Uhr | Politik

Unter der türkischen Fahne

Von Berthold Kohler

Keine Loyalitätskonflikte? Es steht zu befürchten, dass Aydan Özoguz, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, in vielen Fällen recht hat. Mehr 275