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Aktualisiert: 04.12.2014, 11:38 Uhr

Demo gegen Rot-Rot-Grün Biermanns wütender Brief

Der Liedermacher Wolf Biermann legt noch einmal nach: In einem fulminanten Brief wendet er sich vehement gegen die Wahl von Bodo Ramelow zum ersten Ministerpräsidenten der Linkspartei. Auch SPD und Grüne bekommen ihr Fett weg.

© AFP, Bundestag Gedenkstunde im Bundestag: Biermann greift „Linke“ frontal an

Wolf Biermann hat sich entschieden, nicht an einer Demonstration teilzunehmen, zu der Gegner der geplanten Wahl Bodo Ramelows zum ersten Ministerpräsidenten der Linkspartei aufgerufen haben. „Das falsche Ding ist da gelaufen“, schreibt der Liedermacher an den Bürgerrechtler Matthias Büchner, der die Protestveranstaltung an diesem Donnerstagabend in Erfurt mit organisiert und ihn eingeladen hatte. FAZ.NET dokumentiert das vollständige Schreiben.

Lieber Matthias Büchner, es ist reiflich überlegt: Nein, ich mache mich nicht auf die Reise zu Eurer Demonstration nach Erfurt am 4. Dezember. Ich will weder ansingen noch anreden gegen diese rot-rot-grüne Gespensterhochzeit! Das falsche Ding ist da gelaufen. Sollen doch die linksalternativen Thüringer Würstchen sich von Gysi & Co in die Pfanne hauen lassen!

Wirklich Leid und auch weh tut mir die Rolle der SPD in dieser Provinzposse. Mein Herz schlug immer für die Erben von August Bebel und Ferdinand Lassalle, ich achte Wilhelm Liebknecht, den klugen Vater des ermordeten Märtyrers. Zu meinen Helden gehört auch der todesmutige Sozialdemokrat Otto Wels, der in der allerletzten Rede im Reichstag der braunen Bestie beherzt in den Rachen griff, als er die Zustimmung der SPD zu Hitlers Ermächtigungsgesetz verweigerte. Das waren zehn Wörter, die eingraviert sind in mein Gedächtnis: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“ Heute passiert es umgekehrt, man könnte sarkastisch sagen, es sei ein Fortschritt: Ja, Freiheit und Leben kann den Sozialdemokraten in der Demokratie zum Glück keiner mehr nehmen. Und nur noch sie sich selbst: die Ehre.

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Die SPD wurde nach der Nazi-Diktatur vom antistalinistischen Widerstandskämpfer wieder aufgebaut und später vom Visionär Willy Brandt zu neuen Ufern geführt: die vertrackte Ostpolitik. Ich habe als Kommunistenkind die Propagandaphrase aufgeschnappt und nachgeplappert: „Wer hat uns verraten? – Sozialdemokraten!“ – aber das war ungerecht und sogar niederträchtig. Die Geschichte hat es bewiesen: Sozialdemokraten waren fast immer die zuverlässigen Kärrner des Fortschritts, sozial gesinnt und treu demokratisch. Tolerante Linke eben, und keine großmäuligen Welterretter, sondern unermüdliche Weltverbesserer.

„Ein Albtraum!“

In der Zeitung las ich nun die Schreckensnachricht: 90 Prozent der SPD in Thüringen haben für eine Koalition mit der SED-PDS-Linke gestimmt. Mensch Büchner, hättest Du Dir das je träumen lassen, als Ihr 1989 mit dem Neuen Forum in Erfurt die Stasi-Zentrale stürmtet? Ein Albtraum! Nach der großen Friedlichen Revolution 1989 erleben wir jetzt also eine kleine friedliche Konterrevolution. Es ist keine Katastrophe, aber doch ein Kummer. Ach, lieber Freund, Dein genialer Namensvetter kannte diese irren Bocksprünge unserer Welt. Zu seinem Drama über die Jakobiner-Diktatur in Paris, „Dantons Tod“, schrieb Georg Büchner: „Ich studiere die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem Gräßlichen Fatalismus der Geschichte.“

Die fatale Liaison der SPD mit dieser reaktionären Partei Die Linke ist ein schändlicher Frevel gegenüber der eigenen Geschichte oder, wie ein Talleyrand spotten würde: Kein Verbrechen, es ist noch schlimmer, es ist ein großer Fehler! Das Drama heißt: „Die falschen Roten fressen die echten Roten.“ Jetzt spielen die im Provinztheater – nach der Tragödie von 1946, also nach der Zwangsvereinigung von KPD und SPD in Ost-Berlin – in Erfurt eine Reprise als Farce.

Koalitionsvertrag in Thüringen unterzeichnet © dpa Vergrößern In Erfurt unterschrieben derweil am Donnerstag Andreas Bausewein (SPD), Anja Siegesmund (Grüne), Stephanie Erben (Grüne), Susanne Hennig-Wellsow (Die Linke), Dieter Lauinger (Grüne) und Bodo Ramelow (Die Linke, von links nach rechts) den Koalitionsvertrag.

Ach! Und wie kann ich diesen verwelkten Grünen noch grün sein! Sie haben ausgerechnet in Erfurt verdrängt, dass sich die westdeutsche Partei Die Grünen 1990 mit den Bürgerrechtsbewegungen Neues Forum, Demokratie Jetzt und Initiative Frieden und Menschenrechte im Bundestag als Bündnis 90/Die Grünen vereinigt haben. Wenigstens aus einem Rest von alter, naiver Nostalgie sollten sie nicht gemeinsame Sache machen mit den totalitären Untoten der Stalinzeit.

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Quelle: wahlrecht.de
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