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Debatte um Auftrittsverbote : „Man sollte Erdogans Minister ruhig auftreten lassen“

Erdogan-Anhänger feiern im Juli 2016 in Stuttgart die Niederschlagung des Putsch-Versuchs durch den türkischen Präsidenten Bild: dpa

Türkischen Ministern zu verbieten, in Deutschland für Erdogans Verfassungsreform zu werben, sei der falsche Weg, findet der Türkei-Experte Haci Halil Uslucan. Warum, erklärt er im FAZ.NET-Interview.

          Herr Uslucan, der Justizminister in Gaggenau, der Wirtschaftsminister in Frechen, Köln und Leverkusen: Vor den Absagen der meisten Auftritte plante die Erdogan-Regierung eine regelrechte Wahlkampf-Tournee durch Deutschland, bei der sie für die umstrittene Verfassungsreform werben wollte. Warum sind die in Deutschland lebenden Türken für Erdogan so wichtig?

          Sie sind schon rein zahlenmäßig sehr bedeutsam für ihn. Von den insgesamt fünf Millionen Auslandstürken leben allein drei Millionen in Deutschland, 1.4 Millionen davon haben einen türkischen Pass. Davon sind bei der letzten Wahl zwar nur rund 580.000 zur Wahl gegangen, aber zwischen 50 und 70 Prozent haben die AKP gewählt. Gerade in Deutschland haben die Auslandstürken eine deutliche Neigung zu Erdogans Partei, sie ist hier viel höher als in der Türkei selbst, wo sie nur bei knapp 50 Prozent liegt. Für Erdogan macht es deshalb durchaus Sinn, um diese Stimmen der Türkeistämmigen in Deutschland zu kämpfen. Für die geplante Verfassungsänderung muss er die 50-Prozent-Hürde überschreiten – es kommt also auf jeden Prozentpunkt an.

          Woran liegt es, dass die Türken in Deutschland so klar hinter Erdogan stehen?

          Interessant ist, dass die Auslandstürken nicht überall in Europa so AKP-nah sind wie in Deutschland. In Skandinavien vertreten sie beispielsweise deutlich linksliberalere Positionen, weil die Türken dorthin eher als Flüchtlinge gekommen sind, also aus politischen Gründen. Die deutschen Türken kamen hingegen vor allem durch zwei starke Migrationswellen. Die Gastarbeiter stammten eher aus ländlichen Regionen in der Türkei, die sehr konservativ geprägt sind.

          Dieses konservative, religiöse Leben haben viele von ihnen auch in Deutschland fortgesetzt. Für die AKP ist das ein großes Reservoir. Die zweite, kleinere Migrationswelle nach den 80er Jahren bestand vor allem aus Kurden, die vor der Bombardierung kurdischer Dörfer flohen. Darunter waren viele Linksliberale und Linksintellektuelle, die gegen die damalige Regierung waren. Sie sind auch in Deutschland bis heute eher gegen Erdogan. Zahlenmäßig ist die Generation der AKP-nahen Gastarbeiter aber deutlich überlegen.

          Das heißt, wie man zu Erdogan steht, ist eine Generationenfrage?

          Nicht unbedingt. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Werte an die nächste Generation weitergegeben werden, ist in konservativen Haushalten deutlich größer als in liberalen. Das ist nicht nur in türkischen Haushalten so. Viele Studien auch aus unserem Zentrum zeigen, dass bei den Nachkommen der Gastarbeitergeneration in Deutschland der Wert von Religion und Tradition nach wie vor sehr hoch ist. Diese konservativen, traditionellen Werte halten sich in vielen Familien über Jahrzehnte, deshalb gehen auch viele junge Türken in Deutschland für Erdogan auf die Straße.

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          Ist die von Erdogan geplante Verfassungsänderung also doch nicht nur eine innertürkische Frage, wie immer wieder gesagt wird, sondern auch eine der gelungenen Integration hier in Deutschland?

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