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Debatte über Kika-Doku : Liebe ohne Schweinefleisch

„Malvina, Diaa und die Liebe“: Film über die Beziehung zwischen einem syrischen Flüchtling und einem Mädchen aus Fulda. Bild: Screenshot F.A.S.

Der Kinderkanal hat über ein deutsches Mädchen und ihren syrischen Freund einen wichtigen Film gezeigt. Doch der Sender kann ihn nicht einordnen.

          So eine Kontroverse hat der Kinderkanal noch nicht erlebt. „Kupplerin Kika“, „Islamisierer Kika“ und „Kikagate“ sind seit einer Woche Stichwörter in Hunderten Online-Kommentaren, kritischen Videos und Zuschriften an den Sender. Gestritten wird über eine Dokumentation des Kinderkanals von ARD und ZDF. In „Malvina, Diaa und die Liebe“ geht es um die Beziehung zwischen einem syrischen Flüchtling und einem Mädchen aus Fulda.

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als die beiden sich kennenlernten, war sie vierzehn und er siebzehn, erklärte der Hessische Rundfunk. (Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es: „Zum Zeitpunkt des Drehs war sie vierzehn und er sechzehn. Ganz klar war das Alter aber nicht.“ Entsprechend der Informationen des Hessischen Rundfunks haben wir die Stelle geändert.)

          Die Sendung zeigt, welche Probleme entstehen, wenn der junge Mann aus Aleppo von seiner Freundin möchte, dass sie seinen Wertvorstellungen entspricht. Und sie sich teils fügt und teils wehrt.

          Den Machern ist ein eindrucksvoller Film gelungen. Aus der Nähe zeigt er die junge Liebe und erreicht, dass die beiden offenbar ehrlich über ihre Hochgefühle und ihre Konflikte reden – ohne dass der Zuschauer sich als Voyeur empfinden muss. Und der Film ist wichtig, gerade weil Sätze wie diese fallen: „Ich hab das Problem mit ihm, dass ich oft in eine Richtung gelenkt werde, in die ich gar nicht kommen will.“

          Denn Diaa hätte es gern, dass Malvina keine Hotpants mehr trägt, kurze Röcke weglässt, ihre männlichen Freunde nicht mehr umarmt. Er wünscht sich, dass sie Kopftuch trägt und zum Islam konvertiert. Diaa sagt: „Die Religion gibt dir Regeln. Ohne diese Religion hast du keine Regeln, und ohne Regeln hast du kein Leben.“ Schweinefleisch hat Malvina für ihren Freund aufgegeben, und sie trägt meist lange Kleidung.

          Doch sie zieht auch Grenzen. Konvertieren will sie nicht. „Ich bin eine Christin. Und eine Emanze“, sagt das Mädchen. Das Kopftuch lehnt sie ebenfalls ab. Aber sie erzählt auch: „Ich hab so ein mulmiges Gefühl: Was will er gerade damit bezwecken? Ist das gerade der Anfang? Was kommt danach?“

          Im Fokus durch Blogger aus der rechten Szene

          Die Sendung wurde schon am 26. November ausgestrahlt, doch erst seit einer Woche nehmen viele Menschen an dem Film Anstoß. Da hatte ein Blogger aus der rechten Szene auf die Produktion aufmerksam gemacht. Bis dahin war der Film online 1700 Mal abgerufen worden. In den vergangenen sieben Tagen wurde er mehr als 80.000 Mal angeklickt. Denn seit November ist viel geschehen. Zum Beispiel der Mord an einem fünfzehn Jahre alten Mädchen in Kandel.

          Dort hatte ein angeblich gleichaltriger afghanischer Flüchtling seine Exfreundin in einer Drogerie erstochen. Eifersucht und gekränkte Eitelkeit sollen Motive gewesen sein. Nach der Tat wurde immer deutlicher, dass viele Flüchtlinge ein falsches Alter angeben, um Vorteile des Schutzes für Minderjährige auszunutzen. So erscheint die Dokumentation heute in einem anderen Licht.

          Politiker kritisieren, dass die Sendung das Gezeigte nicht genügend einordnet. Der familienpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Marcus Weinberg, sagte der „Bild“-Zeitung: „Die Darstellung von Problemen in Beziehungsfragen aufgrund verschiedener kultureller Herkunft ist wichtig. Aber sie muss auch in einen Kontext einer bestehenden gesellschaftlichen Erwartung eingebettet werden, zum Beispiel, dass man darauf hinweist, dass bei uns uneingeschränkt die Gleichberechtigung gilt.“ Wolfgang Kubicki von der FDP kritisierte, dass Kindern „ohne pädagogische Begleitung kulturelle Konflikte anhand einer Liebesbeziehung“ nahegebracht werden sollen.

          Der Bundestagsabgeordnete von der AfD Dirk Spaniel wirft dem Kinderkanal von ARD und ZDF „unverantwortliche Manipulation und Indoktrination Minderjähriger“ vor. Er hatte der Kritik an der Sendung über seine Facebook-Seite große Öffentlichkeit verschafft. Im Kern lautet sein Argument: Hier wird Kindern ein Zustand als normal dargestellt, der alles andere ist. Anstatt rückschrittliche Werte, denen Malvina sich fügen soll, als solche explizit zu benennen, vermittelt der Film, dass Freiheit verhandelbar ist. In ähnlichen Liebesbeziehungen sei es zu tödlicher Gewalt gekommen. Kinder müssten gewarnt, nicht gewöhnt werden.

          „Das mit dem Heiraten wird nichts“

          Doch Medienpädagogen widersprechen der Einschätzung, dass Jugendliche den Film missverstehen würden. Im Gegenteil, sagt Kathrin Mertes von der Universität Mainz. Gerade dadurch, dass die eloquente und reflektierte Hauptperson Malvina sich selbst verteidigen kann und klare Grenzen zieht – „Kopftuch trag ich nicht“ – „Das mit dem Heiraten wird nichts“ –, mache sie einen viel stärkeren Eindruck auf Jugendliche, als die Stimme eines erwachsenen Erzählers aus dem Off es könnte. Durch die O-Töne ihrer Eltern und eines Freundes würden auch die Positionen von Erwachsenen und Außenstehenden artikuliert. Risiken der Situation würden klar. „Ohne dass das mit der Brechstange geschieht.“

          Ein Problem für Grundsatzkritiker wie Spaniel, der die Sendung als „gefährliche Propaganda“ geißelt, ist, dass sie einen Alltag in Deutschland zeigt. Es gibt viele Verhältnisse wie das zwischen Malvina und Diaa. Infolge des Zuzugs Hunderttausender junger Männer und des Engagements vieler junger Frauen in Flüchtlingsunterkünften, Sprachkursen und Begegnungsstätten sind zwangsläufig Beziehungen entstanden. Es handelt sich ja oft um Teenager. Jugendlichen das nicht zu zeigen würde bedeuten, diese Beziehungen zu verleugnen. Sie zu zeigen, ohne die tiefgreifenden Probleme, die sie mit sich bringen, hieße, sie zu verfälschen.

          Seine Frau soll Kopftuch tragen. Und wenn sie nicht will? Szene aus der Kika-Reportage  „Malvina, Diaa und die Liebe“

          Dennoch hat „Malvina, Diaa und die Liebe“ ein grundlegendes Problem. Die präzise und intime Dokumentation von Autor Marco Giacopuzzi ist zwar in sich überzeugend, doch hat der Sender es versäumt, sie richtig einzubetten und damit einzuordnen. Außerdem hat er das sensible Thema anscheinend nicht ernst genug genommen.

          Es fängt damit an, dass Kika das Alter von Diaa am Montag auf seiner Website korrigierte. Erst hieß es dort, der Syrer sei siebzehn. Dann wurde sein Alter auf neunzehn Jahre korrigiert. Danach musste der Kinderkanal auch noch erklären, wieso der junge Mann, in der Dokumentation Diaa genannt, in einem anderen Video auf der Kika-Website plötzlich Mohammed hieß. Schließlich wurde dieses zweite Video ohne Erklärung gelöscht.

          Es wurde auch nie richtig erläutert, dass die Sendung sich nicht an die übliche Zielgruppe des Senders richtet, also an Drei- bis Dreizehnjährige. Denn einmal im Jahr – im Rahmen einer Themenwoche – kann in der letzten Stunde vor Sendeschluss eine Sendung ausgestrahlt werden, die für Jugendliche bis 16 geeignet ist. Das war 2017 „Malvina, Diaa und die Liebe“. Zu viele Fehler für eine sensible Thematik.

          Der Sender entschuldigte sich am Montag für die Alterskorrektur. Und beim Namen handle es sich um ein Missverständnis. Diaa sei der zweite Vorname, der Rufname, Mohammed der erste. Das versichert die verantwortliche Redakteurin der Sendung, Tanja Nadig. „Ich habe mir ein Bild von seinem Pass schicken lassen. Da stehen beide Namen drin. Und sein Geburtsdatum ist 1998“, sagt die Redakteurin vom Hessischen Rundfunk, der diese Folge der Serie „Schau in meine Welt“ produziert hat.

          Auch Hass ist Teil des Zusammenlebens

          Abgesehen davon würde Nadig alles noch mal genauso machen. Was an dem Thema überhaupt sensibel sei, könne sie nicht nachvollziehen. Doch selbst ohne die vermeidbaren Fehler hätte der Film wohl nicht grundlegend besser dagestanden. Denn er dürfe nicht als Einzelstück gesehen werden, wie Nadig erklärt, und war eigentlich auch nie so gedacht. „Die Liebesgeschichte war nur eine von vielen Sendungen zum Zusammenleben“, sagt sie. Sie gehörte zu Kikas Themenschwerpunkt 2017 unter dem Motto „Respekt für meine Rechte! – Gemeinsam leben.“ „Die Liebesgeschichte war eine Facette“, sagt Nadig.

          Im Rahmen des Schwerpunkts wurden jedoch in allererster Linie Rechte von Migranten und Gefahren für sie in den Blick genommen. Die Gefahren des Zusammenlebens und die Risiken für die einheimische Bevölkerung kamen im Kinderkanal nicht vor. Dieser Kritik hat Kika nichts zu entgegnen. Es gab keine Sendung über die Schwester von Diaa, die im Film schweigend und mit strengem Kopftuch zu sehen war. Hat auch sie Wünsche nach Selbstbestimmung? Die Kindernachrichtensendung Logo erwähnte den Mord von Kandel nicht. Über Einzelfälle werde nicht berichtet, heißt es dort. Dass auch Hass Teil des Zusammenlebens ist, wurde bei Kika nicht thematisiert.

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          Leicht könnten die Verantwortlichen solche Kritik in Zukunft entkräften. Dafür braucht es eben Sendungen mit neuen Protagonisten, die andere Lebensentwürfe zeigen, emanzipierte junge Musliminnen, mit deutschem Freund beispielsweise, wären hilfreich. Die Macher sagen zwar, sie seien gar nicht auf der Suche nach der Konstellation gewesen, bei der ein Partner Flüchtling sei, der andere aus Deutschland stamme. Es habe sich so ergeben. Den umgekehrten Fall, ein Deutscher mit einem weiblichen Flüchtling, das finde sich aber kaum. Und wenn doch, ließen die Paare sich nicht filmen.

          Ob sich der Film dann nicht vielleicht eher für ein anderes Programm geeignet hätte? Die Verantwortlichen sehen es nicht so. Das könnte daran liegen, dass niemand eine gelungene Sendung aus der Hand geben will. Viele Kollegen aus anderen ARD–Sendern sollen die Hessen zu dem Werk beglückwünscht haben.

          Am Samstagnachmittag ging der Hessische Rundfunk in die Offensive. „Malvina, Diaa und die Liebe“ wurde dort nochmals ausgestrahlt. Im Anschluss folgte eine Diskussion. Eingeladen war auch Dirk Spaniel von der AfD. Neunzig Minuten räumte der Sender alledem ein. In Zukunft sei man entschlossen, die Augen vor einer negativen Wendung nicht zu verschließen. Giacopuzzi hat Malvina und Diaa gefragt, ob er sie auch begleiten dürfe, falls sie sich trennen. Die beiden haben vorläufig zugesagt.

          Die Debatte um das Alter der Protagonisten

          Nach Informationen des Hessischen Rundfunks vom 15.01.2018 waren Malvina und Diaa zu Drehbeginn 16 beziehungsweise 19 Jahre alt und kannten sich zu diesem Zeitpunkt seit 17 Monaten.

          Weitere Informationen zum Alter der Protagonisten und zu anderen Fragen, die im Zusammenhang mit der Dokumentation aufgeworfen wurden, finden Sie auf der Erklärseite des Kinderkanals und der Infoseite des Hessischen Rundfunks.

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