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Debatte über Gasförderung : Fracksausen

  • -Aktualisiert am

Schon im Dezember protestierten in Erfurt zahlreiche Menschen gegen die umstrittene neue Erdgasfördermethode Bild: dpa

An diesem Mittwoch entscheidet die Bundesregierung über schärfere Vorschriften für die Gasförderung durch Fracking. Doch in den betroffenen Landkreisen ist die Debatte komplexer, als es der Politik lieb ist.

          Vor wenigen Jahren wurde der Mineralölkonzern Exxon Mobil in Deutschland noch für seine ingenieurtechnischen Meisterleistungen gefeiert. Weil es Exxon Mobil mit dem sogenannten Fracking-Verfahren im niedersächsischen Söhlingen gelungen war, ein Reservoir mit Erdgas zu erschließen, wurde der Konzern 2006 von der Initiative „Deutschland - Land der Ideen“ als großes Beispiel heimischer Ingenieurskunst geehrt. Der Leiter der Unternehmenskommunikation von Exxon Mobil, Norbert Stahlhut, erinnert sich, wie 250 Menschen zu einem Festakt kamen, um dem Fracking zu huldigen, unter ihnen zahlreiche Politiker. Auch Klaus Dreyer erinnert sich an die ungetrübte Stimmung. Dreyer ist Bürgermeister der Nachbargemeinde Hassendorf, nur wenige Kilometer vom Söhlinger Bohrloch entfernt. Über Jahrzehnte hätten die Konzerne in Deutschland „gefrackt und gefeiert“.

          Für die Kommunen war es eine Zeit der Geschenke. Exxon Mobil half - als „guter Nachbar“ - mit Spenden von 500 bis 5000 Euro und finanzierte damit ein Zentrum für Reittherapie, ein Kinderhospiz und die Anschaffung von Feuerwehrautos. Politiker und Projektträger freuten sich über die Spenden und nahmen sie öffentlich in Empfang. Man lebte gut von den Bodenschätzen. „Erst kamen die Bohrtürme, und dann floss richtig Geld“, sagt der Bürgermeister des Rotenburger Ortsteils Waffensen, Hartmut Leefers (CDU). Das Land Niedersachsen nahm 2011 knapp 700 Millionen Euro Förderabgabe von der Gas- und Ölindustrie ein. Hinzu kamen die Einnahmen der Kommunen durch die Gewerbesteuer. Allein Exxon Mobil zahlt in Niedersachsen an bis zu 80 Gemeinden Gewerbesteuer.

          Auf Distanz zur Ölindustrie

          Die Stimmung im Landkreis Rotenburg war gut, bis viele tausend Kilometer entfernt, im amerikanischen Bundesstaat Colorado, ein Mann ein Feuerzeug an seinen Wasserhahn hielt und damit einen Feuerball aus brennendem Gas erzeugte, der sich auch in das Bewusstsein der Deutschen einbrannte.

          Die Szene aus dem amerikanischen Dokumentarfilm „Gasland“ erzeugte nicht nur in den Vereinigten Staaten eine Furcht vor der komplizierten Fördermethode. Der Film aus dem Jahr 2010 suggerierte, dass durch die Fracking-Förderung an vielen Stellen Gas und giftige Chemikalien in das Grundwasser der Amerikaner gesickert seien. Unter dem Eindruck der Bilder begannen sich auch die Norddeutschen dafür zu interessieren, was unter ihnen und um sie herum geschah. Es tat nichts zur Sache, dass der Autor des Films eingestehen musste, dass der Feuerball nicht im Zusammenhang mit Fracking stand - sondern mit natürlichen Methanvorkommen im Grundwasser. Doch allein der Gedanke, dass Ölkonzerne das poröse Gestein tief unter ihren Füßen mit hydraulischem Druck zum Bersten bringen - das „Fracturing“ -, um das im Stein eingeschlossene Erdgas entweichen zu lassen, war den Deutschen mit einem Mal unheimlich.

          Fracksausen: Bei der Premiere von „Promised Land“ - einem Spielfilm über Fracking - demonstrierten im Februar auf der Berlinale Mitglieder der Bürgerinitiative „Gegen Gasbohren“ am roten Teppich gegen die Fördertechnik
          Fracksausen: Bei der Premiere von „Promised Land“ - einem Spielfilm über Fracking - demonstrierten im Februar auf der Berlinale Mitglieder der Bürgerinitiative „Gegen Gasbohren“ am roten Teppich gegen die Fördertechnik : Bild: AFP

          Mittlerweile sind Politik und Verwaltung auf Distanz zur Ölindustrie gegangen. Die Kommunalpolitiker lehnen die kleinen Spenden der Konzerne ab, und im Kreishaus von Rotenburg weiß der Erste Kreisrat, Torsten Lühring, nicht einmal zu sagen, wie viele Arbeitsplätze oder welche Gewerbesteuereinnahmen in der Region von der Energiewirtschaft abhängen. Im Nachbarort Bötersen ist am Bohrplatz Z 11 derweil alles still. Ein Schieber am oberen Ende des 500 Tonnen schweren Rohrstrangs, der mit 500 Kubikmeter Zement im Gebirge verankert ist, riegelt die Verbindung zur Lagerstätte ab. Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie hat weitere Nachweise zur Unbedenklichkeit der Fördertechnik gefordert, und „auch die öffentlichen und politischen Diskussionen führen“, nach Angaben der Behörde, „zu Verzögerungen“. Mit bemerkenswerter Geschwindigkeit ist in Niedersachsen die Stimmung zugunsten der Fracking-Gegner gekippt. Der letzte „Frack“ wurde hier im Juli 2011 genehmigt.

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