Wie viel Islam verträgt Deutschland? Angesichts der jüngsten Debatte über die Äußerungen von Bundespräsident Wulff (CDU) scheint diese Frage brisanter denn je zu sein. Nun hat eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung ergeben, dass fast sechzig Prozent der Deutschen meinen, für Muslime solle die Religionsausübung „erheblich eingeschränkt“ werden. Was das praktisch bedeuten soll, wusste allerdings niemand zu sagen.
Auch wer solchen Umfragen misstraut – hängen die Antworten doch stark von der Art und Weise der Fragen ab –, kann beobachten, dass die Debatte über Wesen und Inhalt des Islams und darüber, welche Stellung er in der deutschen/europäischen Gesellschaft haben sollte, immer erregter, auch polarisierter geführt wird. Bei Diskussionsveranstaltungen in Sachen Islam zerfällt das Publikum häufig in geschlossene Lager (pro oder contra), die ihren Beifall nicht dem besseren Argument, sondern „ihrem“ Referenten spenden.
Auch das Wort „Aufklärung“ wird entlang den Linien dieser beiden Lager definiert. Während die einen gerade darüber „aufklären“ wollen, dass der Islam wegen seines Charakters als Gesetzesreligion vormodernen Zuschnitts (Stichwort: Scharia) nicht mit europäischen Werten vereinbar sei, bedeutet „Aufklärung“ für das andere Lager oft genug, ebendiese Behauptung als „Islamophobie“ und „pauschales Vorurteil“ abzuwerten. Immer seltener dringen Stimmen durch, die ein so komplexes Phänomen wie die Weltreligion Islam jenseits von Dämonisierung oder Beschönigung erklären und Chancen auf Veränderungen aufzeigen wollen.
Wenn sich sogar manche Muslime einen Islam wünschen, der zu europäischen Gesellschaften passt (Stichwort: Euroislam), dann muss es doch Mängel geben, die beseitigt werden müssen. Auf sie hinzuweisen, ist keine Islamophobie.
Die Vokabel „Islamophobie“ soll Kritik im Keim ersticken
Zunächst einmal wäre zwischen Vereinfachungen, Ängsten und begründeten intellektuellen Einwänden zu unterscheiden. Dies gilt ja nicht allein bei kritischen Betrachtungen des Islam. Manchmal hat man freilich den Eindruck, durch die Verwendung der Vokabel „Islamophobie“ solle jegliche Kritik am Islam im Keim erstickt werden. In diesem Sinn scheint der türkische Ministerpräsident Erdogan das Wort zu gebrauchen, dabei assistiert von manchen Deutschen, die Islamkritik sofort mit Ausländerfeindlichkeit gleichsetzen. Bei anderen Religionen, insbesondere der eigenen, christlichen, ist man da viel weniger zimperlich. Da kann jeder seine Feindbilder an den Mann und die Frau bringen und gilt dann als „unbequem“ – was geradezu ein Adelsprädikat innerhalb des intellektuellen Mainstreams ist.
Freilich: Auch Ängste sind ernst zu nehmen. Es gehört zu den unguten Entwicklungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte, dass in der öffentlichen Diskussion „unerwünschte Themen“ einer gewissermaßen nicht exakt fassbaren, doch wirksamen (Selbst-)Zensur ausgesetzt waren und lange Zeit beharrlich beschwiegen wurden. Dazu gehörte das Thema Einwanderung, dem man sich nicht wirklich stellte, aber auch die Frage, inwieweit eine fremde, als verhältnismäßig neues Phänomen in Mitteleuropa auftauchende Religionsgemeinschaft mit teilweise abweichenden Vorstellungen von Glaube, Gesellschaft und Lebenswelt in die deutsche Gesellschaft integriert werden könne. Das Aufkommen des Rechtspopulismus in den liberalen Niederlanden hing auch damit zusammen, dass selbst dort nur Leute, die als irgendwie randständig galten, sich in dieser Angelegenheit zu Wort melden konnten. Es waren – der Fall Geert Wilders zeigt es – häufig die Falschen.
In der deutschen Gesellschaft herrscht spirituelle Schwäche und Sinnleere
Das Unbehagen vieler am Islam kann allerdings nicht nur mit seiner dogmatischen Erstarrung erklärt werden, gegen die auch muslimische Reformdenker intellektuell ankämpfen. Es spielt schon auch ins Emotionale und Irrationale hinein. In einer sich immer mehr säkularisierenden christlichen Gesellschaft wie der deutschen, in der Kirchen verfallen oder in Restaurants und andere „nützliche“ Einrichtungen umgewidmet werden (im Sowjetkommunismus war dies Programm), herrscht ein verbreitetes Gefühl spiritueller Schwäche, Auszehrung, ja Sinnleere. Schon vor Jahrzehnten fand Gottfried Benn dafür die Formulierung von der „Leere und dem gezeichneten Ich“.
Da wirken die Muslime – obschon mit vier Millionen eine Minderheit und in Deutschland religiös ebenso unterschiedlich wie etwa in ihrer türkischen Heimat – als eine geradezu aufreizend präsente Gemeinschaft. „Die glauben wenigstens noch etwas!“ ist denn auch ein Seufzer, den man gelegentlich von Zeitgenossen zu hören bekommt.
In dieser Situation, die freilich dem einzelnen jede religiöse Freiheit lässt, müssen sich Christen, Juden, Muslime und die wachsende Zahl von Agnostikern in dieser Gesellschaft zusammenraufen. Der Philosoph Baruch Spinoza lehnte es ab, zu verurteilen oder zu lobpreisen; er wollte verstehen. Weder „Islamophobie“ noch „Islamophilie“, sondern nur ein offener, doch kritischer Realismus auf allen Seiten wird uns zusammen weiterbringen.
Wäre der Koran ...
fred lawrenz (fredlawrenz)
- 15.10.2010, 21:47 Uhr
@Hamdi Oeruen
Lill-Karin Bryant (kb26919)
- 15.10.2010, 23:46 Uhr
Jeder kann tun und lassen was er will
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 16.10.2010, 07:08 Uhr
Liebe Frau @ Bryant - ich habe da meine Zweifel
Hiep Van Tran (WatersToronto)
- 16.10.2010, 09:30 Uhr
Populismus
Harald Schröder (Logata)
- 16.10.2010, 10:48 Uhr