http://www.faz.net/-gpf-75ect
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 29.12.2012, 15:25 Uhr

DDR Koalition will heimliche Arzneitests aufklären

Westdeutsche Pharmaunternehmen sollen in den achtziger Jahren Medikamente an ahnungslosen Patienten in der DDR getestet haben. Das berichten mehrere ostdeutsche Zeitungen. Die DDR habe dafür Geld erhalten. CDU und FDP wollen den Vorwürfen nachgehen.

Union und FDP wollen Berichten über Medikamententests an DDR-Bürgern nachgehen. Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner (CDU), forderte Konsequenzen, falls westdeutsche Pharmaunternehmen tatsächlich Arzneimittel an ahnungslosen DDR-Patienten ausprobiert haben sollten. Thüringens FDP-Generalsekretär Patrick Kurth sagte, die Meldungen zeigten, dass die Machenschaften des SED-Regimes nicht nur Ostdeutschland beträfen.

Medienberichten nach haben westdeutsche Pharmaunternehmen in den achtziger Jahren Medikamente an offenbar ahnungslosen DDR-Bürgern getestet und dafür hohe Summen an die DDR gezahlt. Bergner sagte der „Mitteldeutschen Zeitung“ aus Halle: „Das kann auch heute noch Konsequenzen haben - im Sinne von Entschädigung, möglicherweise sogar von strafrechtlicher Verfolgung.“ Experimente ohne Einwilligung der Betroffenen seien ein Skandal. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Fälle, die jetzt Aufregung verursachen, im Einklang mit dem westdeutschen Recht gewesen sind“, sagte er.

Ostbeauftragter: „Vorwürfe treffen ins Mark“

Bergner plädierte gleichwohl für eine differenzierte Aufarbeitung. So seien viele Ärzte in der DDR froh gewesen, wenn sie überhaupt Medikamente bekommen hätten. Auch könne man die westdeutsche Pharmaindustrie nicht über einen Kamm scheren.

Kurth forderte einen schärferen Blick auf die Rolle der alten Bundesrepublik in dem Skandal. „Der Vorwurf geht ins Mark unseres gesellschaftlichen Gewissens und weckt beschämende Erinnerungen an die dunkelste Zeit der deutschen Geschichte im Nationalsozialismus“, sagte der Sprecher für Aufbau Ost der FDP-Bundestagsfraktion. Sollten die Vorwürfe zutreffen, dürfe es nicht bei einer gewichtigen Würdigung der Opfer bleiben. Daher wolle er sich für eine parlamentarische Behandlung der Vorfälle einsetzen.

Der Vorsitzende der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft, Rainer Wagner, sagte der „Mitteldeutschen Zeitung“: „Hier kommt westliche Profitgier zusammen mit kommunistischer Skrupellosigkeit. Die Vorgänge müssen lückenlos aufgeklärt und die Opfer entschädigt werden.“ Eine Entschuldigung sei das Mindeste.

Mehr zum Thema

Quelle: AP

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Medikamentenpreise Heilung nur für Reiche

Krebspatienten in ärmeren Ländern Europas müssen oft mehr für eine gute Therapie bezahlen als etwa Deutsche. Welche Rolle spielt dabei die Pharmaindustrie? Mehr Von E. Breitinger, A. Jolkina, S. Vaglenov, C. Niculescu, D. Leloup

22.05.2016, 20:01 Uhr | Gesellschaft
Amerika Pharmariese Pfizer blockiert Nutzung seiner Mittel bei Hinrichtungen

Das Pharmaunternehmen Pfizer unterbindet die Nutzung seiner Mittel bei Hinrichtungen in Amerika. Für bestimmte Produkte, die bei Exekutionen mit Giftspritzen genutzt werden oder deren Nutzung von Bundesstaaten erwogen wird, gelten nach Konzernangaben nun schärfere Lieferbeschränkungen. Mehr

16.05.2016, 20:11 Uhr | Wirtschaft
Neue gefährliche Pollen Angriff auf die Lunge

Sobald die Pflanzen blühen, läuft die Nase und die Augen tränen. Jetzt gibt es einen Neuling unter den gefährlichen Pollen. Mehr Von Monika Herbst

20.05.2016, 13:48 Uhr | Gesellschaft
#Nilsläuft Ein Schuh für alle Fälle

Wer 230 Kilometer ohne Probleme laufen möchte, braucht das richtige Schuhwerk. Für den Spendenlauf habe ich fünf Paar Joggingschuhe getestet. Und meinen Favoriten gefunden. Mehr

28.04.2016, 10:34 Uhr | Sport
Diabetes Arznei als Krebsrisiko

Der Verdacht steht seit mehr als zehn Jahren im Raum: Der Kampf gegen Diabetes könnte zu unerwünschten Kollateralschäden geführt haben. Gibt es trotzdem Hoffnung für ein altes Anti-Diabetesmittel? Mehr Von Martina Lenzen-Schulte

14.05.2016, 11:11 Uhr | Wissen

Integration als Pflicht, Einwanderung als Wunsch

Von Markus Wehner

Das Integrationsgesetz ist für Menschen gedacht, die wir aufgenommen, aber die wir uns nicht ausgesucht haben. Das ist auch der Unterschied zu einem Einwanderungsgesetz. Mehr 4