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DDR-Heime Lehrbuchweisheiten der Kollektiverziehung

 ·  Ein 1995 gehaltener und 2001 veröffentlichter Vortrag eines früheren DDR-Pädagogen ist jetzt zu einem Streitfall geworden, in den sich jüngst auch der Unionsfraktionsvorsitzende Volker Kauder eingeschaltet hat.

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Ein 1995 gehaltener Vortrag, der 2001 in einem Buch veröffentlicht wurde, ist auf einmal zu einem Streitfall geworden, in den sich sogar der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Volker Kauder, eingeschaltet hat. Der Vortrag wurde an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie in Hamburg, dem „Rauhen Haus“, gehalten. Unter dem Titel „Rückblick auf die soziale Arbeit in der DDR“ wurde er in dem Sammelband „Grundkurs soziale Arbeit - Sieben Blicke auf Geschichte und Gegenwart sozialer Arbeit“ auch veröffentlicht.

Der Vortragende war Eberhard Mannschatz, inzwischen 84 Jahre alt und früher Leiter der Abteilung Jugendhilfe im Ministerium für Volksbildung der DDR - einer der wichtigsten Mitarbeiter von Bildungsministerin Margot Honecker also. Mannschatz war unter anderem für die Spezialheime für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche zuständig. Dazu gehörte auch der geschlossene Jugendwerkhof Torgau, die schlimmste Einrichtung dieser Art. Deren frühere Insassen dürfen nach einem Urteil des Berliner Kammergerichts eine strafrechtliche Rehabilitierung beanspruchen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass dort systematisch Unrecht begangen wurde.

„Verharmlosender Rückblick“

Zunächst war es der sächsische Landesbeauftragte für die Unterlagen der DDR-Staatssicherheit, der Dichter Lutz Rathenow, der kritisierte, dass ein Mannschatz-Text als Lehrmaterial genutzt wurde und das Buch immer noch im Umlauf ist. Im April schrieb er einen entsprechenden „offenen Brief“ an die Hamburger Hochschule. Inzwischen folgte Kauder, der sich an den Schleswiger Bischof Gerhard Ulrich - Vorsitzender der Kirchenleitung der eben gegründeten Nordkirche - wandte und der Hochschule einen „rechtfertigenden und verharmlosenden Rückblick auf die DDR-Heimerziehung“ vorwarf.

Dass der Fall nach so vielen Jahren solche Wellen schlägt, hängt mit zwei Faktoren zusammen: zum einen mit der Diskussion über die Heimkinder allgemein und besonders im Osten. Gerade haben sich der Bund und die Ost-Länder darauf geeinigt, in einem Fonds 40 Millionen Euro für Entschädigungszahlungen für frühere Ost-Heimkinder bereitzustellen. Dabei wurde auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt, wie die Kollektiverziehung unangepasster Kinder und Jugendlicher funktionierte - in den Kinderheimen wie auch den Jugendwerkhöfen, wo die älteren Jugendlichen gemaßregelt wurden.

Wie weit geht die Freiheit in diesem Fall?

Der zweite Faktor ist der erste echte Ost-West-Zusammenschluss evangelischer Kirchen zur „Nordkirche“, zu der das „Rauhe Haus“ mit seinen Einrichtungen nunmehr gehört. Dass nun ausgerechnet dort der wichtigste Funktionär der DDR-Jugendhilfe auftreten durfte, sieht vor diesem Hintergrund aus wie eine Demütigung der Opfer.

Bischof Ulrich hat Kauder in der vergangenen Woche ausführlich geantwortet. Er betonte zwar die Eigenständigkeit der Hochschule, sagte aber auch: „Ich halte den Abdruck des Vortrags von Herrn Mannschatz ohne ausreichende Kommentierung für einen Fehler, für den mir jedes Verständnis fehlt.“ Er teilte mit, dass Rektor Andreas Theurich zusammen mit Professoren und Studenten Ende Juni die Gedenkstätte Torgau besuchen will.

Im Herbst wolle die Hochschule eine öffentliche Tagung organisieren, in der aktuelle Forschungsergebnisse zur Praxis der DDR-Jugendhilfe vorgestellt würden. Auch soll es in der Zeitschrift „Widersprüche“ eine Debatte darüber geben, „wie mit diesem Erbe der DDR-Sozialpädagogik und ihren Protagonisten umzugehen sei“. Theurich freilich hatte zuvor noch im Zusammenhang mit dem Mannschatz-Beitrag die Freiheit von Forschung und Lehre verteidigt.

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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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