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DDR-Grenze Ausgefeilte Heimtücke

13.08.2007 ·  Die innerdeutsche Grenze war ein perfides Sicherheitssystem. Soldaten und Selbstschussanlagen brachten Flüchtlinge in Lebensgefahr. In der DDR wurde kolportiert, ein Kilometer solle eine Million Mark gekostet haben. Von Frank Pergande.

Von Frank Pergande
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Die Grenzpolizei im Osten wurde 1946 gegründet und bestand zunächst aus Freiwilligen. Nach dem Mauerbau wurde aus der Grenzpolizei das Kommando Grenze, das wiederum eine Einheit innerhalb der Nationalen Volksarmee (NVA) bildete. 1974 wurden die Grenztruppen eigenständig. So konnte die DDR die damals laufenden Abrüstungsverhandlungen unterlaufen.

Zur Grenztruppe wurden normale Wehrdienstleistende eingezogen. Sie wurden aber anscheinend besonders ausgesucht. Auch konnten sie sich gegen eine Einberufung an die Grenze nicht wehren. Grenzsoldaten im Grundwehrdienst hatten eine halbjährige Ausbildung zu absolvieren und kamen dann für ein Jahr an die Grenze. Sie standen in rollender Schicht jeweils für acht Stunden an der Grenze.

Einmal im Monat „Politunterricht“

Es gab festgelegte Postenpunkte, die jeweils mit zwei Soldaten besetzt wurden – einem Postenführer und einem Posten. Mit welchem Posten es auf welchen Postenpunkt ging, das erfuhren die Soldaten erst unmittelbar vor Dienstbeginn. Bewaffnet waren sie mit Kalaschnikow-Maschinenpistolen oder auch Maschinengewehren. Untereinander verbunden waren die Posten über ein sogenanntes Grenzmeldenetz.

Grenzsoldaten wurden besser verpflegt als NVA-Soldaten und wohnten besser – in sogenannten Grenzkompanien, die heute noch hier und da in der Landschaft auszumachen sind. Wie hoch die Belastungen für die Grenzsoldaten sein konnten, kam gerade in den Nachrufen auf den Schauspieler Ulrich Mühe zur Sprache: Mühe brach als neunzehn Jahre alter Soldat mit Magenbluten im Dienst zusammen. Den „Grenzern“ galt die besondere Aufmerksamkeit der politischen Schulung. Für den „Politunterricht“ wurden sie einmal im Monat vom Grenzdienst freigestellt.

Viele Soldaten unter „Grenzverletzern“

Zweifellos hatte auch die Staatssicherheit ein besonderes Interesse an der Truppe. Vor jedem Grenzdienst gab es eine sogenannte Vergatterung. Der Kompanieführer erläuterte vor der angetretenen Einheit die aktuelle Lage im jeweiligen Grenzabschnitt. Die Soldaten wurden bei dieser Gelegenheit auch aufgefordert, ihre Waffe allein zur Selbstverteidigung einzusetzen. Zugleich ging aber in der Truppe das Gerücht, dass wer im Fall des Falles bei einem Grenzdurchbruch nicht schießen würde, vor ein Militärgericht gestellt würde.

Eine besondere Rolle spielten sogenannte Grenzaufklärer (Gakl), Berufssoldaten, die sich im jeweiligen Grenzabschnitt frei bewegten. Sie dienten anscheinend auch der Kontrolle der Posten, kamen aber immer dann zum Einsatz, wenn ein „Grenzverletzer“ – so lautete die offizielle Bezeichnung für Flüchtende – aufgespürt werden sollte. Unter jenen, denen der Durchbruch durch die Grenze in Richtung Westen gelang, waren besonders viele Grenzsoldaten, weil sie die Möglichkeit dazu hatten.

Der Aufbau der Grenze änderte sich immer wieder. In der DDR wurde kolportiert, dass ein Kilometer Grenze eine Million Mark gekostet haben soll. Für jeden Grenzsoldaten war der Widerspruch offensichtlich, dass ihm einerseits im „Politunterricht“ gesagt wurde, er schütze an vorderster Front die DDR vor Nato und Bundesrepublik, andererseits aber der Aufbau der Grenze gegen die eigene Bevölkerung gerichtet war.

Stolperdrähte und Selbstschussanlagen

Die Grenze war ein weitläufiges, in verschiedene Zonen unterteiltes Gebilde. Man durfte diese Zonen nur mit besonderen Ausweisen betreten. Das galt besonders für Orte in unmittelbarer Nähe zur Grenze, die nur durch einen Schlagbaum erreicht werden konnten, wo Grenzsoldaten jeden Passanten kontrollierten.

Der eigentliche Grenzstreifen begann an einem Signalzaun, vor dem es eine zwei Meter breite, geharkte Fläche gab, um Spuren erkennen zu können. Der Abstand zwischen dem Signalzaun und dem eigentlichen Grenzzaun (der eben auch eine Mauer sein konnte) war unterschiedlich. Manchmal betrug er nur wenige Meter. An anderen Stellen konnte der Streifen sogar mehrere Kilometer breit sein.

Zwischen Signal- und Grenzzaun gab es Fahrzeugsperren und weitere Signalanlagen, Stolperdrähte, bei denen der Abschuss von Leuchtspurmunition ausgelöst wurde oder der von Platzpatronen. Hier standen die Grenztürme, von denen ebenfalls noch einige heute zu sehen sind. Unmittelbar vor dem eigentlichen Grenzzaun lagen eine Lichttrasse und der sogenannte Kolonnenweg, auf denen die Fahrzeuge der Grenztruppen entlangfuhren. In Berlin war der Grenzzaun zu großen Teilen eine Mauer. Eine Mauer konnte er auch dort sein, wo sich ein West-Dorf und ein Ost-Dorf an der „grünen Grenze“ gegenüberlagen, um jeden Kontakt zu unterbinden.

Der Grenzzaun erlangte eine traurige Berühmtheit durch die sogenannten Selbstschussanlagen vom Typ SM 70. Davon sollen 60.000 Anlagen in den siebziger Jahren aufgestellt worden sein. 1983 wurden sie auf Druck aus der Bundesrepublik wieder abgebaut. In der Mehrzahl der Fälle kam Wild durch diese perfide Waffe um. Michael Gartenschläger gelang es 1976, zwei dieser Anlagen von der Westseite her abzumontieren. Bei einem weiteren Versuch wurde er erschossen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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