25.03.2009 · Erst 20 Jahre nach dem Ende der DDR sind viele Stasi-Opfer in der Lage, über die Vergangenheit zu reden. Doch auch viele Täter leiden - am Untergang ihres Systems. Mitunter sitzen Täter und Opfer in derselben Therapiegruppe.
Von Frank Pergande, SchwerinFindet das Gespräch über die DDR zwei Jahrzehnte nach ihrem Ende vor allem in den psychotherapeutischen Praxen statt? Zumindest haben die Psychotherapeuten Zulauf. Viele ihrer Patienten sind überhaupt erst nach so langer Zeit in der Lage, sich mit der DDR-Vergangenheit auseinanderzusetzen. Das betrifft nicht nur jene, die unter der DDR gelitten haben, im Gefängnis saßen oder durch die Staatssicherheit einer psychischen „Zersetzung“ unterworfen waren, also die Opfer, sondern auch jene, die den Staat stützten und mit seinem Zusammenbruch an der Seele krank wurden, Täter also.
Mitunter sitzen Opfer und Täter in der Therapie nebeneinander, denn die Art der Behandlung ist durchaus gleich. Jochen-Friedrich Buhrmann, der Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in der Schweriner Helios-Klinik, meint: „Dass so etwas passieren konnte, war für uns zunächst ein Schock. Es kann glücken, muss gut vorbereitet sein. Bei den geglückten Versuchen ist es erstaunlich, wie feinfühlig die Annäherung passiert, auch wenn es unmöglich ist, die Täter-Opfer-Beziehung als solche in den Gesprächen zum Thema zu machen.“
Kongress: Warum so wenig Diskussion über DDR?
Buhrmann stammt aus Westfalen. Seine Erfahrungen in der Klinik veranlassten ihn, ein Symposion über die Frage „Warum ist die DDR-Geschichte so wenig Thema?“ anzuregen. Sein Ziel war es, das Gespräch darüber wieder mehr in die Öffentlichkeit zu bringen. Der öffentliche Raum war der Festsaal des Schweriner Schlosses, der Zulauf war erheblich. Dabei hatte sich gerade die Helios-Klinik gegen das Thema lange gesperrt.
Jedenfalls sieht das Jörn Mothes so, der bis 2008 der Landesbeauftragte für die Unterlagen der DDR-Staatssicherheit war. Nicht mit Schwerin, sondern mit der Greifswalder Universität zusammen hatte er in den zurückliegenden Jahren Material sammeln lassen, das den Bundestag bei der Vorbereitung des dritten „SED-Unrechtsbereinigungsgesetzes“ unterstützen sollte. Mothes ging es vor allem um die Opfer „staatlichen Mobbings“, die Opfer der „Richtlinie 1/76“ des Ministeriums für Staatssicherheit. Sie ist ein umfangreicher Katalog psychischer Methoden zur „Zersetzung“ einer Persönlichkeit.
Offene und versteckte Repression
Neben die offene Repression trat die hinterhältige. Viele Opfer erfuhren erst nach dem Ende der DDR aus ihren Akten, dass ihr Versagen, ihre berufliche Hoffnungslosigkeit, der Knick in der Karriere gar nicht ihre Schuld war, sondern Teil der staatlichen „Zersetzung“. Das paranoide System schaffte es, aus seelisch gesunden Menschen paranoide zu machen. Die Folgen sind bis heute zu merken. Als der Bundestag 2007 über das Gesetz entschied, wurden die Opfer mit psychischen Folgen wieder einmal nicht berücksichtigt.
Zum einen sind solche Folgen tatsächlich schwer zu fassen. Mancher Patient kommt mit Beschwerden wie Angststörungen in die psychotherapeutische Praxis und ahnt zunächst gar nicht, dass die Ursachen in der DDR-Zeit wurzeln. Zum anderen sind es gerade diese Opfer, die kaum eine Lobby haben. Zumal ihr Misstrauen gegen Bürokratie, Gerichte, Ärzte, ja sogar die Kirchen mitunter unüberwindbar ist.
Zehntausende an Leib und Seele Geschädigte
Immerhin hat sich der Landesbeauftragte als Anlaufstelle etabliert. Etwa 400 Betroffene kommen allein in Mecklenburg-Vorpommern jedes Jahr in die Beratungsstelle. Die hohe Zahl muss nicht verwundern, wenn man bedenkt, dass nach Ende des Krieges allein im sowjetischen Speziallager Fünfeichen in Neubrandenburg 15.000 Menschen inhaftiert waren. Praktisch jede mecklenburgische Familie ist von diesem Schicksal betroffen. Sechstausend Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern wurden in die Sowjetunion gebracht.
Es gab 20.000 Inhaftierte in der DDR-Zeit in den drei politischen Gefängnissen des Landes. Fünftausend Menschen waren vom Befehl „1/76“ betroffen. „Die Entscheidung des Bundestages damals hat bestimmt den Erfolg von sieben Therapiestunden vorher in Nichts aufgelöst“, meinte Karl-Heinz Bomberg sarkastisch, der selbst im DDR-Gefängnis saß und seine Erfahrungen auf doppelte Weise verarbeitet hat - als Arzt, der nach dem Ende der DDR noch eine psychoanalytische Ausbildung machte, und als Liedersänger.
Geschätzt 100.000 therapiebedürftige Stasi-Opfer
Bomberg sprach auf dem Symposion vor allem über die Opfer aus der Haft. 300.000 Inhaftierte gab es in der DDR, ein Drittel davon, so wird geschätzt, hat eine psychotherapeutische Betreuung nötig. Unter seinen 1500 Patienten in den zurückliegenden fünfzehn Jahren seien 150 mit politischen Traumatisierungen gewesen. Auch die Berechnungen in der Schweriner Helios-Klinik ergeben, dass bei etwa zehn Prozent der Patienten die seelischen Störungen ihre Wurzeln in der DDR-Repression oder umgekehrt im Zusammenbruch des Systems haben.
Sowohl Bomberg als auch der namhafteste Gast des Symposions, der durch sein Buch „Der Fremde ins uns“ bekannt gewordene Züricher Psychoanalytiker Arno Gruen, sprachen darüber, wie aus Opfern auch Täter werden konnten. Bomberg berichtete über einen ehemaligen KZ-Häftling, der als DDR-Offizier maßgeblich den Repressionsapparat leitete. Mothes machte darauf aufmerksam, dass die Opfer vor allem jene sind, die in der DDR für Freiheit und Demokratie eingetreten waren und nun von der Bundesrepublik enttäuscht seien.
„Richtiges Leben im falschen System“?
Das habe Konsequenzen für die demokratische Kultur im Land. Es fehle im Osten die Bereitschaft, sich in den Parteien, Organisationen, Vereinen und in politischen Funktionen für das Gemeinwohl einzusetzen. Buhrmann sagte, die Arbeit in der Klinik helfe nicht nur den Patienten, sondern habe auch unter den Kollegen mehr Offenheit im Gespräch über die DDR-Vergangenheit erreicht.
Bemerkenswert offen und lebhaft wurde nicht nur über die Spätfolgen der DDR gesprochen und über ein „richtiges Leben im falschen System“, sondern auch über das schwierige Verhältnis zwischen West- und Ostdeutschen, doch auch darüber, dass ein offenes Gespräch über die DDR-Vergangenheit bis heute an den Ost-Familientischen kaum möglich ist. „Im Westen gibt es für unser Thema überhaupt kein Interesse“, sagte Buhrmann.
Frank Pergande Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.
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