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Plädoyer im NSU-Prozess : Böser, unschuldiger Nazi

Freispruch oder nicht? Ralf Wohlleben im NSU-Prozess. Bild: EPA

Die Verteidigerin Ralf Wohllebens bemüht sich, mit ihrem Plädoyer den Vorsitzenden Richter doch noch in letzter Sekunde zum Einlenken zu bewegen.

          Nichts Geringeres als den Zorn Gottes bringt die Verteidigerin von Ralf Wohlleben am Dienstag im NSU-Verfahren in ihrem Plädoyer ins Spiel, um den Vorsitzenden Richter Manfred Götzl doch noch in letzter Sekunde zur Räson zu bringen. Denn vor dem „Richterstuhl des Ewigen“ wird er sich ihrer Meinung nach einst verantworten müssen, wenn er wider besseres Wissen Ralf Wohlleben, der ja unschuldig und freizusprechen ist, im Sinne der Anklage verurteilt. Dass es zu diesem falschen, wenn auch wahrscheinlich revisionssicheren Urteil kommen werde, davon geben sich Wohllebens Anwälte Nicole Schneiders und Olaf Klemke überzeugt. Denn: „Nazis haben keine Lobby.“ Und der ehemalige NPD-Funktionär Ralf Wohlleben ist nach ihren Ausführungen „der böse Nazi“, der nun für die Verbrechen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos büßen müsse.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Schuld daran, dass Ralf Wohlleben seit sechs Jahren unschuldig in Untersuchungshaft sitzen muss, das Stottern angefangen hat, weil er zu Beginn in „Isolationshaft“ kam, sind nach ihren Worten die Medien, die Politiker und die Richter. Die „Lügenpresse“ habe Ralf Wohlleben vorverurteilt, die Politiker „harte Strafe“ gefordert, die Richter sich dem Druck gebeugt. Anders sei nicht zu erklären, warum alle ihre Beweisanträge abgeschmettert worden seien. Diese Beweisanträge hätten die „alternativen Wege der Tatwaffe“ aufgezeigt, von der die Bundesanwaltschaft indes überzeugt ist, dass Ralf Wohlleben sie organisiert hat, was als Beihilfe zum Mord zu werten sei. Das Gericht habe sich jedoch, so Schneiders, nie die Mühe gemacht, nach Entlastendem zu forschen. „Die Einwände der Verteidigung waren nur Schnee, der auf Zedern fällt.“ Ihre Plädoyers folgen der Strategie, die schon die Schlussvorträge der Verteidiger von Beate Zschäpe, Holger G. und André E. prägte: Natürlich hat der Angeklagte geholfen und unterstützt, aber nur als „Freundschaftsdienst“ für die Untergetauchten.

          Wie habe Ralf Wohlleben, der am Dienstag wieder händchenhaltend neben seiner als Beistand angereisten Ehefrau sitzt, ahnen können, dass Böhnhardt und Mundlos rassistisch motivierte Morde verüben würden, fragt seine Anwältin. „Ralf Wohlleben hat sich immer gegen Gewalt ausgesprochen.“ Das steht indes im Gegensatz zu den Angaben von Carsten Sch., der aussagte, dass sich Ralf Wohlleben bei der Waffenbegutachtung Handschuhe angezogen und dann den Schalldämpfer auf die Tatwaffe geschraubt habe.

          Sowohl Schneiders als auch Klemke gaben an, sie hätten „lange mit sich gehadert“, ob sie angesichts der Tatsache, dass das Urteil „längst geschrieben“ sei, „überhaupt plädieren“ sollten. Dann entschieden sie sich aber offenbar für die ausführliche Version und legten in aller Breite dar, welche Akten die Geheimdienste wann und wo vernichtet hätten, welcher traditionelle „Schuldkult“ in Deutschland vorherrsche und dass sich das „deutsche Volk“ in den eigenen Untergang manövriere.

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