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Das neue Gotteslob : Großer Wurf

Ein künftiger Bestseller? Das neue 1300 Seiten starke „Gotteslob“ Bild: Foto Deutsche Bischofskonferenz

Nach zehn Jahren Vorarbeit haben die deutschen Bischöfe das neue Gotteslob vorgelegt. In Form und Inhalt soll es dem Strukturwandel der Kirche Rechnung tragen. Vom ersten Adventssonntag an wird es als Gebet- und Gesangbuch in Deutschland und Österreich verwendet.

          Die Startauflage beträgt mehr als drei Millionen Exemplare, der Umfang etwa 1300 Seiten - das Buch hat das Zeug, von diesem Spätherbst an die Liste der bestverkauften Bücher für lange Zeit anzuführen. Doch wird man dieses Werk wohl kaum im Eingangsbereich von Bahnhofsbuchhandlungen oder Buchfilialisten finden, geschweige denn in den sogenannten Bestsellerlisten.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Denn das weiterhin damenhandtaschentaugliche Buch, das seit wenigen Wochen gedruckt wird, heißt „Gotteslob“. Vom ersten Adventssonntag 2013 an, also zu Beginn des neuen Kirchenjahres, soll es als Gemeinsames Gebet- und Gesangbuch der Bistümer in Deutschland und Österreich sowie der südtiroler Diözese Bozen-Brixen (Italien) das erste „Gotteslob“ aus dem Jahr 1975 ersetzen.

          Der Erstling hat in den vergangenen vier Jahrzehnten seinen Dienst getan - gerade weil er den Bedürfnissen der Gläubigen Rechnung trug, die im Hochgefühl des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) und der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland auf einen neuen Frühling des Glaubens hofften. Ein erstes Gemeinsames Gebet- und Gesangbuch sollte her, das mit einem Stammteil mit Gebeten und Gesängen das Zusammengehörigkeitsgefühl der Katholiken stärken und mit jeweiligen Diözesanteilen die regionalen Mentalitäten bewahren sollte. Zugleich galt es, manchen Ballast an Liedern und Ritualen abzuwerfen, der vermeintlich überlebten Frömmigkeitsformen geschuldet war. Vor allem die Kirchenmusik der Romantik galt als nicht mehr zeitgemäß. Sacro-Pop und Neue Geistliche Lieder, im Fachjargon „Neue Geilis“ genannt, galten als Errungenschaften der Moderne.

          Mittlerweile sind fast zwei Generationen deutschsprachiger Katholiken mit diesem Gotteslob aufgewachsen. Daher stand bei der Planung eines neuen Gebet- und Gesangbuches niemals zur Debatte, zum Status quo ante in Gestalt eines bunten Flickenteppichs diözesaner Gebet- und Gesangbücher zurückzukehren. Allerdings galt es auch, aus den Erfahrungen mit der Nutzung des Gotteslobes zu lernen und den Veränderungen im Leben der Gläubigen und der Kirchengemeinden Rechnung zu tragen. Das zwischen Aufbruch und Beharrung schwankende Lebensgefühl des deutschen Katholizismus der frühen siebziger Jahre, das sich in der Auswahl von Gebeten, Andachten und Liedern des ersten Gotteslobes spiegelte, wird mit dem Zusammenbruch der Pfarrstrukturen des 19. und 20. Jahrhunderts in den kommenden Jahren endgültig der Vergangenheit angehören.

          Auf der Höhe der Zeit

          Das neue Gotteslob sollte in Form und Inhalt diesem inneren und äußeren Strukturwandel der Kirche Rechnung tragen. So war es den zahllosen Kommissionen und Arbeitsgruppen aufgegeben, die sich seit Herbst 2001 daranmachten, im Auftrag der Bischöfe ein neues Gebet- und Gesangbuch zu konzipieren. Nach einer Auswertung sowohl der Akzeptanz des „alten“ Gotteslobs sowie einer „Probepublikation“ im Jahr 2007/2008 mit ersten neuen Elementen war das neue Gebet- und Gesangbuch im Herbst vorvergangenen Jahres so weit gediehen, dass die Bischöfe es, wie sie glaubten tun zu müssen, nach Rom schickten. Dort sollten die in der Liturgie zu verwendenden Teile Wort für Wort und Lied für Lied „rekognosziert“ werden. Anschließend sollten die Gläubigen und die Kirchengemeinden fast ein Jahr lang auf die Einführung des neuen Gotteslobs zum ersten Advent vorbereitet werden.

          Doch es kam anders als erhofft. Weil sich die Kurie mehr als ein Jahr Zeit ließ, um die Rechtgläubigkeit der deutschen Bischöfe zu prüfen, traf das römische Placet erst im vergangenen Herbst in Deutschland ein. Die Druckfreigabe durch die Bischöfe erfolgte im November. Da war es fast zu spät, um Druckereien und Buchbindereien zu bewegen, gewissermaßen aus dem Stand auf die Schnelle mehr als drei Millionen Bücher zu drucken. Auch die Planungen der Bistümer, die Gläubigen nach und nach mit dem Gotteslob vertraut zu machen, waren erst einmal Makulatur. Ende Januar jedoch konnte der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann als Vorsitzender der Unterkommission Gotteslob der Deutschen Bischofskonferenz vermelden, dass die Druckmaschinen angelaufen seien. Am Mittwoch präsentierte Hofmann während der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Trier sichtlich erleichtert der Öffentlichkeit einen Vorabdruck.

          Denn das Buch ist wirklich der große Wurf geworden, der den Gläubigen versprochen wurde. Mit seinen geistlichen Impulsen für das tägliche Leben, mit Psalmen, Gesängen und Liedern, die im Gegensatz zum derzeitigen Gotteslob alle Epochen und Stile von der Gregorianik bis zur Gegenwart berücksichtigten, sowie mit Vorlagen für eine Vielzahl gottesdienstlicher Feiern in größerem oder kleinerem Kreis ist das neue Gotteslob im besten Sinn des Wortes auf der Höhe der Zeit - bis dahin, dass die Hälfte der Lieder des neuen Gotteslobs in ökumenisch abgestimmten Fassungen vorliegen. In diesem Sinn gab Hofmann seiner Hoffnung Ausdruck, dass das neue Gotteslob nicht nur in der Kirche ausgelegt werde, sondern zu einem Hausbuch werde: „In dem Buch liegt ein Schatz, der darauf wartet, gehoben zu werden.“

          Nicht bestätigen konnte Hofmann indes Informationen dieser Zeitung, wonach die vatikanische Gottesdienstkongregation nicht mit allem einverstanden war, was die deutschen Bischöfe für das neue Gotteslob vorgesehen hatten: Sämtliche Gesänge, deren Text von dem zeitgenössischen niederländischen Dichter Huub Oosterhuis stammt, wurden nicht gutgeheißen. Doch die sogenannten Oosterhuis-Lieder zählen in vielen Gemeinden nicht nur längst zum Kernbestand der Gesänge, die in der Liturgie verwendet werden. Davon unabhängig zählen die Texte zu den theologisch anspruchsvollsten und zugleich schönsten geistlichen Dichtungen der Gegenwart. Doch Oosterhuis ist mancherorts nicht mehr gelitten, auch nicht in Rom, seit er sein Priesteramt aufgegeben hat. Die Acht sämtlicher Oosterhuis-Gesänge wollten sich die deutschen Bischöfe dann doch nicht bieten lassen. Die meisten stellten sie allen Widerständen zum Trotz in den Stammteil des neuen Gotteslobs ein.

          Quelle: F.A.Z.

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