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Ein Dorf empfängt Flüchtlinge : „Bei mir käm’ die alle ins Arbeitslager“

Im Anmarsch: Die Flüchtlinge bekommen in Häslich von ehrenamtlichen Helfern den Weg zum nächsten Supermarkt gezeigt. Bild: Helmut Fricke

In einem kleinen Dorf in Sachsen werden 32 Asylbewerber in einer alten Dorfschule untergebracht. Für die Einwohner bricht eine Welt zusammen. Aber in der rechten Ecke will in Häslich niemand stehen.

          Bald sind sie da. In einigen Minuten vielleicht, oder erst in ein paar Stunden, aber ganz sicher an diesem Tag. Seit Monaten hatten die Häslicher gehofft, dass dieser Moment nie kommen würde. Sie hängten Bettlaken mit Parolen über ihre Zäune, sie stritten mit dem Landrat bei einer Bürgerversammlung, sie schwenkten Deutschlandfahnen auf den Protestmärschen durch ihr Dorf. Irgendjemand, wer auch immer, versuchte gar den Keller des Asylbewerberheims mit Wasser zu fluten. Genutzt hat das alles nichts. Die Flüchtlinge werden in die alte Dorfschule an der Reichenbacher Straße einziehen, so viel ist sicher.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Einige der Männer aus dem Ort stehen schon auf dem Bürgersteig und warten. Breitbeinig auf Sandalen, mit kurzen Hosen und prächtigen Bäuchen. Der Wind weht Stroh über das Kopfsteinpflaster, es riecht nach warmem Heu, im Minutentakt donnern Traktoren vorbei. Das Leben hier hat seinen Rhythmus, genauso wie die Straßen: Haus, Garage, Garten, Zaun – Garten, Garage, Haus. Es ist jetzt zwei Uhr, und immer noch kein Flüchtling zu sehen. Da kommt Jens Opitz über die Straße geschlendert. Seine Haare hat er lila gefärbt, den Pony grellrot, und zu den sehr kurzen Jeanshosen trägt er eine dicke Silberkette über dem ärmellosen Shirt. Er nickt den Männern zu. „Na – sind die Kanaken schon da?“

          Solche Sätze hört man in Häslich. Genauso wie: „Bei mir käm’ die alle ins Arbeitslager.“ Oder: „Wir leben in einer fremdgesteuerten Diktatur, die das Ziel hat, Deutschland und das Volk zugrunde zu richten.“ Oder: „Ich bin ma’ betrunken durch Köln gefahren und dacht’, ich wär’ in Johannesburg.“ Oder: „Die NPD erzählt keen Schleim, das is’ alles knallerharte Wahrheit.“ Oder: „Da willste hald ni’ so junge Hengste aus Nordafrika hinbringen.“ Oder: „Die sin’ schon mit de’ Religion ni’ in Ordnung.“ Oder: „Die Moslems halten sich so lang’ ans Gesetz, wie se in der Minderheit sind.“ Oder: „Wenn das so weitergeht, gibt es bald ein neues ’89 – aber diesmal kein friedliches.“

          Historische Postkarte aus Häslich
          Historische Postkarte aus Häslich : Bild: Archiv

          Opitz hat nichts gegen Ausländer. Seine Nachbarn auch nicht. Niemand will hier in der rechten Ecke stehen. Das sagen sie einem in Häslich oft, das soll man schreiben, weil alle Angst haben, dass ein falscher Eindruck entsteht. Der Eindruck etwa, dass es hier ein Problem geben könnte. Dann wäre die Geschichte schnell erzählt: Häslich, das verlorene Kaff mitten in Sachsen. Doch die Häslicher sehen das anders. Nichts ist einfach. Und die anderen, die verstehen nicht, warum die Menschen in Häslich so wütend sind – auf die Regierung, die Medien, die Ehrenamtlichen und die 32 Flüchtlinge in der alten Dorfschule. Deshalb beginnt die Geschichte hier erst.

          Häslich ist nicht die große Welt. 1828 haben sie hier begonnen, Granit aus der Erde zu schlagen. Überall gab es bald Steinbrüche, und die Arbeiter bauten für sich und ihre Familien Häuser. Als der Ort schließlich ein wenig wuchs, wurde 1884 für 340 Mark ein Grundstück gekauft und eine Schule darauf gebaut. Die erste und einzige Schule im Dorf. Zwei Etagen und ein Dachgeschoss, hellgrauer Putz und dunkle Dachziegel. Eine Postkarte aus dem Jahr 1914 zeigt sie im Zentrum, dahinter türmen sich am Horizont die Abraumhalden zu einem kleinen Gebirge auf. Irgendwann hat es sich nicht mehr gelohnt, Granit aus der Erde zu schlagen, und so schloss eine Grube nach der anderen. 1982 wurde aus der Schule eine Kinderkrippe, die Anwohner halfen beim Umbau mit, „Volkswirtschaftliche Masseninitiative“ hieß das in der DDR. Kinderkrippe „Wilhelm Pieck“ steht noch heute am Eingang. Genauso wie der Schriftzug „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ über der Tür.

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