http://www.faz.net/-gpf-xp9w

„Das Amt und die Vergangenheit“ : Ein Kommissionsproblem

Setzte als Außenminister die Kommission ein: Joseph Fischer bei der Vorstellung von „Das Amt und die Vergangenheit” Bild: Helmut Fricke / F.A.Z.

Niemand im Ministerium will von der Ankündigung Westerwelles abrücken, dass „Das Amt und die Vergangenheit“ Pflichtlektüre für Auslandsvertretungen sei - dabei äußern Fachleute Zweifel am ersten Teil der Studie. Die höchst unterschiedliche Qualität der Ergebnisse geht auch auf die Berufung der Kommission zurück.

          Wie lange hält die Euphorie für den Bestseller „Das Amt und die Vergangenheit“ noch an? Im Amt will niemand von der Ankündigung des Außenministers Westerwelle (FDP) abrücken, dass sich das Buch als Bestandteil der Diplomatenausbildung und als Pflichtlektüre für die Auslandsvertretungen eigne. Dabei äußern Fachleute ernstzunehmende Zweifel am ersten Teil der Studie über die Phase bis 1945. So sprach Hans Mommsen, einer der besten Kenner der Innen- und Rassenpolitik des Nationalsozialismus, von der problematischen und „allenthalben durchbrechenden Tendenz der Autoren, die Pläne zur Deportation der jüdischen Bürger oder zur Schaffung von ,Judenreservaten' mit der später praktizierten Massenvernichtung zu identifizieren. Das ist im Endresultat zutreffend, war aber vor der Wannseekonferenz nicht die konkrete Handlungsorientierung der NS-Elite.“

          Rainer  Blasius

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Um die Einbeziehung des Auswärtigen Dienstes in die Vernichtung erklären zu wollen, bedürfe es einer „präzisen Nachzeichnung“ des erst nach der Wannsee-Konferenz „abgeschlossenen Radikalisierungsprozesses. Stattdessen wird mit vereinzelten Enthüllungsdokumenten argumentiert, wie der vielzitierten Reisekostenrechnung des Judenreferenten Rademacher, aus der die nachgeordnete Bürokratie schwerlich folgern konnte, nun sei die allgemeine Judenvernichtung in Gang gekommen.“ Überhaupt bringe „Das Amt“ für die Zeit bis 1945 „keine neuen Einsichten“, die über die Edition der „Akten zur deutschen auswärtigen Politik“ entscheidend hinausgingen.

          Die Rolle des konservativen Feigenblatts

          Immerhin gewinnt Mommsen dem Teil der Studie über das frühe Auswärtige Amt (AA) der Bundesrepublik viel Positives ab. Doch auch hier ist das, was die „Unabhängige Historikerkommission“ liefert, von höchst unterschiedlicher Qualität. Dies liegt auch an Merkwürdigkeiten, die schon auf die Berufung zurückgehen. Als Mitglieder gewann Minister Fischer die Professoren Eckart Conze (Marburg), Norbert Frei (Jena), Klaus Hildebrand (Bonn), Henry Ashby Turner (Yale) und Moshe Zimmermann (Jerusalem). Noch bevor die Kommission die Arbeit aufnahm, zog sich Turner (der kurz darauf verstarb) zurück, so dass ihm sein Schüler Peter Hayes (Evanston) folgte. Nicht ersetzt wurde Hildebrand, dem wohl die Rolle des konservativen Feigenblatts zugedacht war. Gerade er brachte beste Voraussetzungen für die Kommissionsarbeit mit: als führender Diplomatiehistoriker, als Verfasser eines in viele Sprachen übersetzten Handbuchs zur Geschichte des „Dritten Reiches“, als Mitherausgeber wichtiger Akteneditionen. Doch der Gelehrte erkrankte bereits Anfang 2008 so schwer, dass er sich bis heute nicht mehr in die Diskussion einzubringen vermag.

          In der Fischerkommission übernahm jeweils ein Mitglied eine Zuständigkeit: „Die Zeit des Nationalsozialismus bis 1939 (Hildebrand), Zweiter Weltkrieg und Holocaust (Zimmermann), Ende und Beginn 1945/51 (Hayes), Das Auswärtige Amt und die Vergangenheit (Frei), Das Auswärtige Amt der Bundesrepublik (Conze)“. Zwölf „Mitautoren“, die im Politischen Archiv des AA über den Quellen brüteten, standen zur Verfügung. Leicht versteckt in „Nachwort und Dank“ werden ihnen Seitenangaben zugewiesen, die verdeutlichen, wer was beitrug. Zudem arbeiteten vierzehn wissenschaftliche Rechercheure, sieben studentische und wissenschaftliche Mitarbeiter haben „vor der Drucklegung Unglaubliches geleistet“.

          Kräftig nachgewürzt und zugespitzt?

          Viele Köche verderben den Brei. Um dies abzuwenden und das Ergebnis der 1,5 Millionen Euro kostenden Recherche- und Schreibtruppen als lesbare Gesamtdarstellung vorzulegen, war die Kommission auf Thomas Karlauf angewiesen. Ihm ist man für die „ebenso energische wie meisterhafte Redaktion“ zu größtem Dank verpflichtet. Der gelernte Verlagskaufmann, langjährige Verlagslektor, Hobbyhistoriker und Inhaber einer Agentur für Autoren firmiert in der Titelei des Buchs unter „Endredaktion“. Ob diese Aufgabe - wie ein Spötter scherzte - vor allem „im kräftigen Nachwürzen“ bestand? Ob Karlauf als eigentlicher „Zuspitzer“ fungierte, wird sich zeigen, wenn die Kommission ihrer vertraglichen Verpflichtung nachgekommen ist und sämtliche Materialien an das Politische Archiv übergeben hat.

          Weitere Themen

          Tausende demonstrieren gegen neue Regierung Video-Seite öffnen

          Rechtsruck in Österreich : Tausende demonstrieren gegen neue Regierung

          Bei der Zeremonie der Vereidigung der neuen Regierung in der Wiener Hofburg unterstrich Bundespräsident Alexander Van der Bellen die Einhaltung von Grund- und Freiheitsrechten. Hintergrund ist die Beteiligung der rechtspopulistischen FPÖ an der Regierung.

          Israel beschießt Gazastreifen Video-Seite öffnen

          Nahost-Konflikt : Israel beschießt Gazastreifen

          Die israelische Armee hat nach eigenen Angaben ein Ausbildungslager der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen angegriffen. Militante Palästinenser in dem von der Hamas kontrollierten Gebiet haben ihre Raketenangriffe auf Israel intensiviert, nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hatte.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.