Home
http://www.faz.net/-gpf-78kma
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Daniel Cohn-Bendit in der Defensive Eine Ehrung voller Entschuldigungen

Daniel Cohn-Bendit, dessen Sätze über Sex mit Kindern nur „Fiktion“ gewesen sein sollen, erhält wütenden Protesten zum Trotz den Theodor-Heuss-Preis.

© dpa Sind sich immer noch grün: Kretschmann und Cohn-Bendit (rechts)

Es spielen sich ziemlich unschöne Szenen auf dem Stuttgarter Schlossplatz ab, der guten Stube der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Die Theodor-Heuss-Stiftung hat ins Neue Schloss geladen. Daniel Cohn-Bendit soll im Weißen Saal mit dem nach dem ersten Bundespräsidenten benannten Preis ausgezeichnet werden. Als er aus dem Taxi steigt, rufen einige der etwa siebzig Demonstranten: „Schämt euch!“ Die Junge Union und Missbrauchsorganisationen haben zu dieser Demonstration aufgerufen.

Rüdiger Soldt Folgen:

Auch der Oppositionsführer im Landtag, Peter Hauk (CDU), hat sich bei den Demonstranten eingereiht. „Heuss-Preis für Kindersex“ steht auf einem Transparent. Die Junge Union hat ein Plakat im Stil der Grünen vorbereitet: „Daniel Cohn-Bendit schwärmt von Sex mit Kindern - Winfried Kretschmann schwärmt von Cohn-Bendit.“ Als der Ministerpräsident ins Schloss geht, gibt es Buhrufe. Ein Missbrauchsopfer aus der Odenwaldschule stürmt mit einem Transparent die Treppen des Schlosseingangs empor. Polizisten werfen den Mann zu Boden.

Dann gibt es Grußworte, Festreden, eine Laudatio auf den 68 Jahre alten grünen Politiker. Es sprechen: der Vorsitzende der Heuss-Stiftung, Ludwig Theodor Heuss, der Enkel des Bundespräsidenten; Ministerpräsident Kretschmann, ein alter Weggefährte des Preisträgers; Roger de Weck, ein Schweizer Publizist; und schließlich Cohn-Bendit selbst. Die Laudatoren und der Preisträger müssen so viele Worte zur Rechtfertigung dieser Preisvergabe verwenden, dass man sich fragt: Warum bekommt jemand einen Preis, wenn hierfür so viel Entschuldigungsprosa nötig ist?

Äußerungen sollten schockieren

Cohn-Bendit hat 1975 in dem Buch „Der große Basar“ Pädophilie als Teil der sexuellen Befreiung gerechtfertigt. „Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln. Das stellte mich vor Probleme... Da hat man mich der Perversion beschuldigt... Ich hatte glücklicherweise einen direkten Vertrag mit der Elternvereinigung, sonst wäre ich entlassen worden.“ Cohn-Bendits spätere Erklärung lautete immer, die Beschreibungen dieser pädophilen Vorkommnisse seien „Fiktion“ gewesen, „schlechte Literatur“, es habe kein Missbrauch von Kindern „stattgefunden“.

Als Persilschein für diese Version hatte sich der grüne Politiker stets auf einen Brief aus dem Jahr 2001 berufen. Darin hatten einige von Cohn-Bendits früheren Zöglingen und deren Eltern erklärt, dass es keinen Missbrauch gegeben habe. „Wir wissen, dass er niemals die Persönlichkeitsgrenzen unserer Kinder verletzt hat. Im Gegenteil, er hat sie geschützt“, heißt es in diesem Brief, der auch von der grün-roten Landesregierung zur Entlastung Cohn-Bendits zitiert wurde.

Proteste gegen Preisverleihung an Cohn-Bendit © dpa Vergrößern Mitglieder der Jungen Union demonstrieren auf dem Schlossplatz in Stuttgart

Kurz vor der Verleihung des Heuss-Preises waren nach Recherchen und einem Vorabbericht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (F.A.S.) Zweifel an der Entlastung durch diese Aussagen aufgekommen. Die Initiatorin des Solidaritätsbriefes, Thea Vogel, hatte der F.A.S. gesagt, dass sie mit Cohn-Bendit nie über mögliche Vorfälle diskutiert habe. Sie habe ihn aus politischen Gründen entlastet: „Ich war empört darüber, dass daraus eine Kampagne gegen Dany gemacht wurde, um ihn politisch zu diskreditieren. Ich fand auch die Anschuldigung gegen Dany, dass er pädophil sei, vollkommen haltlos“, sagte Frau Vogel der F.A.S. Sie musste zugeben, dass ihr Sohn zur fraglichen Zeit gar nicht von Cohn-Bendit in der Universitäts-Kita betreut worden war. Auch habe sie Cohn-Bendits Buch nicht „so genau“ gelesen.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kitas und Krippen in Hessen Ein bisschen besser betreut

In Hessen hat sich die Betreuung in den Kitas und Krippen leicht verbessert. Statt im Schnitt 4,1 Krippenkinder kümmern sich die Erzieher nur noch um 3,8 Kinder. Trotzdem steht Hessen ziemlich schlecht da. Mehr

24.08.2015, 17:01 Uhr | Rhein-Main
Kita-Streik Eltern und Kinder besetzen Kölner Rathaus

In der dritten Woche Kita-Streik haben sich mehrere Eltern in Köln zusammengetan und das Rathaus besetzt. Das Foyer wurde kurzerhand in einen Kindergarten umfunktioniert, die Amtsleiterin des Rathauses zur stellvertretenden Kita-Leiterin gekürt. Mehr

26.05.2015, 15:52 Uhr | Wirtschaft
Bertelsmann-Studie Personal in Kitas noch immer nicht ausreichend

Die Zahl der Erzieher in deutschen Kindertagesstätten hat zugenommen - aber nicht ausreichend. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Zwischen den einzelnen Bundesländern gibt es große Unterschiede. Mehr

24.08.2015, 10:33 Uhr | Politik
Big Bang Stipendium Big Bang Theory-Stiftung vergibt Stipendien

Schauspieler und Produzenten der US-Sitcom Big Bang Theory wollen einen Teil ihres Erfolges an Studenten aus den Bereichen Mathematik, Wissenschaft, Ingenieurwesen und Technologie weitergeben. Mehr als vier Millionen Dollar haben der Produzent der Serie Chuck Lorre und die Schauspieler schon beigesteuert. Mehr

30.05.2015, 14:07 Uhr | Feuilleton
Projekt Krebsmühle Gewinn ist kein Tabu mehr

Am Anfang des alternativen Betriebs Krebsmühle in Oberursel standen Zeiten von Versuch und Irrtum. Aber das Unternehmen gibt es noch heute – und Hilfe zur Selbsthilfe ist immer noch ein Ziel. Mehr Von Jochen Remmert und Cornelia Sick (Fotos)

23.08.2015, 14:00 Uhr | Rhein-Main

Veröffentlicht: 21.04.2013, 18:13 Uhr

Hell und Dunkel

Von Jasper von Altenbockum

Das Wort vom „Dunkeldeutschland“ hat weder Hilfsbereitschaft noch Aufnahmekapazitäten wachsen lassen, sondern ideologische Gräben. Die verlaufen mitten unter Demokraten. Mehr 406