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Dänische Minderheit Der Verbindungsmann

 ·  Der neue Oberbürgermeister von Flensburg gehört dem Südschleswigschen Wählerverband an, der Partei der dänischen Minderheit. Das gab es seit sechzig Jahren nicht mehr. Ein Stadtrundgang mit Simon Faber

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Die Duborgschule ist eines der beiden dänischen Gymnasien im äußersten Norden der Bundesrepublik, der für die Nachbarn in Dänemark freilich als der Süden gilt: Südschleswig. Hoch über der Förde liegt die 1920 eröffnete und seitdem immer weiter ausgebaute Schule mit herrlichem Blick über die Förde und die Stadt bis hinüber nach Mürwik, dem Flensburger Stadtteil, wo der schlanke Backsteinturm der gerade hundert Jahre alt gewordenen Marineoffiziersschule hervorragt. Ein solider Klinkerbau ist auch die deutsche Schule, ein rechtes Ungetüm mit nachempfundener Reichstagskuppel. Das Protzige war Programm.

Als die Schulen entstanden, herrschte Kulturkampf an der Förde. Es war nicht klar, welcher Einfluss, politisch und kulturell, obsiegen würde – der deutsche oder der dänische. 1920 erst wurde die deutsch-dänische Grenzfrage endgültig per Volksabstimmung entschieden: Nordschleswig kam zu Dänemark und hat seitdem eine deutsche Minderheit; Südschleswig zu Deutschland mit dänischer Minderheit. Flensburgs neuer Oberbürgermeister Simon Faber fühlt sich der dänischen Minderheit zugehörig, obgleich er nicht nur den deutschen Pass hat, sondern auch von deutschen Vorfahren abstammt. Und das ist hier keine Besonderheit. Das Bekenntnis zum Dänischen ist eben frei und nicht blutsgebunden. Nicht alle in Flensburg wünschen sich allerdings eine Mehrung des dänischen Einflusses in ihrer Stadt. Lebt der Kulturkampf wieder auf? Faber lacht: „Es gab hier und da Bedenken gegen mich wegen meiner Nähe zum Nachbarn. Aber die Kulturkampfzeiten sind wirklich vorbei.“

Faber steht auf der Aussichtsplattform vor der Duborgschule, die auch seine Schule gewesen ist. Er zeigt seine Stadt. Der Spaziergang mit ihm hat nur wenige Minuten von hier entfernt in der Norderstraße begonnen, im Flensborghus, wo er bislang sein Büro hatte. Der Weg mit ihm soll bis zum Rathaus führen, seiner neuen Wirkungsstätte für die nächsten sechs Jahre. Für so lange hat ihn eine Mehrheit der Flensburger im November gewählt. Faber ist Mitglied im Südschleswigschen Wählerverband (SSW), der Partei der dänischen Minderheit und der Friesen. Den Oberbürgermeister in Flensburg hat der SSW zuletzt vor sechs Jahrzehnten gestellt. Simon Fabers Wahl war deshalb ein Paukenschlag. Es gab insgesamt neun Kandidaten – bei derzeit sieben Parteien oder Bündnissen und einem Fraktionslosen im Rat.

Im ersten Wahlgang im Oktober lag Fabers Ergebnis noch deutlich hinter dem von Elfie Heesch, einer Verwaltungsbeamtin aus dem Hamburger Rechnungshof, die von einem schwarz-grünen Bündnis unterstützt worden war. Aber in der Stichwahl im November siegte Faber. Er hätte keine Chance gehabt und wäre auch nicht angetreten, hätte der amtierende Oberbürgermeister, Klaus Tscheuschner von der CDU, eine zweite Wahlperiode angestrebt. Aber Tscheuschner hatte Ärger mit der eigenen Partei, insbesondere mit der Kreisvorsitzenden, und so verzichtete er nach einer Wahlperiode schließlich schweren Herzens.

Der SSW sah darin seine Chance und fand Simon Faber genau den passenden Kandidaten: 42 Jahre alt, ein Deutscher mit dänischer Frau, nette Familie, zwei Kinder von acht und vier Jahren, in der Politik erfahren und doch kein Politiker, geboren in Flensburg, aber herumgekommen in der Welt mit längeren Stationen in Dänemark und Schweden, ein Mann der Kultur mit Verwaltungserfahrung. Ihm traute man das Amt ohne weiteres zu. Fehlte nur die Mitgliedschaft im SSW. Auch das Hindernis war dann rasch genommen. Denn Faber saß ja ohnehin schon im Flensborghus, einem Haus aus dem Jahr 1725, das zu einem großen Teil aus den Steinen des alten Flensburger Schlosses, der Duborg, errichtet worden ist, damals als Waisenhaus. Im Flensborghus hat die dänische Minderheit ihre Zentrale. Simon saß bislang in einem der schönen, reich mit Gemälden ausgestatteten Büros für den Südschleswigschen Verein, den Kulturverein der Minderheit, zu der sich insgesamt etwa 50.000 Bürger bekennen. Der SSW und die Fraktion des SSW im Kieler Landtag haben gleich nebenan ihre Büros.

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Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)

Anmerkung 
Jan K. (KJan) - 20.01.2011, 14:20 Uhr

17.01.2011, 14:18 Uhr

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