29.04.2009 · Christoph Fischer kämpft gegen die grüne Gentechnik. Sein Bündnis „Zivil Courage“ kommt in Bayern einer Kulturrevolution gleich, in Scharen laufen ihm die Leute zu. Dieser Erfolg nötigt Seehofer und die CSU zu einem Politikwechsel, der vielleicht schon zu spät kommt.
Von Albert Schäffer, SöchtenauAuch Homer wäre zunächst ratlos in Söchtenau. Beschaulich geht es in dem kleinen Ort in Oberbayern nahe des Simssees zu: Auf der Anzeigetafel gegenüber der Kirche lädt die katholische Frauengemeinschaft zum Abendlob ein, die CSU vermeldet die Ehrung langjähriger Mitglieder und am Gasthof zur Post ist die frohe Botschaft nachzulesen, dass die Grillsaison bald beginnt. Kein Hauch ist davon zu spüren, dass hier ein Schauplatz eines erbitterten Kampfes um die grüne Gentechnik ist – eines Kampfes, in dem die einst so festgefügten Reihen der CSU in einer Weise durcheinander gewirbelt werden, die auch ein leidgeprüfter Held der Ilias als gefährliche Turbulenzen empfinden könnte.
In Söchtenau ist Christoph Fischer zu Hause; er hat das Bündnis „Zivil Courage“ gegen die grüne Gentechnik initiiert, das in Bayern einer Kulturrevolution gleichkommt. In den Reihen von „Zivil Courage“ finden sich nicht nur die üblichen Aktivisten in den umweltpolitischen Schlachten und Scharmützeln der Republik. Fischer ist es gelungen, auch Kräfte hinter sich zu scharen, die nicht in die traditionellen politischen Muster passen: Trachtenverbände, Gebirgsschützen, Pfarrgemeinderäte. Fischer hat sie mit der Forderung geeint, Bayerns Fluren frei von Gentechnik zu halten – und raubt den CSU-Oberen damit den Schlaf. Sie müssen feststellen, dass Fischer mitten in ihre Stammwählerschaft eingebrochen ist.
Eine Graswurzelbewegung im Freistaat
Der Kurswechsel, den der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Seehofer seiner Partei bei der grünen Gentechnik verordnet hat, hat seine Wurzeln in Söchtenau – in dem kleinen Anwesen, dass sich der Landwirtschaftsberater Fischer an einem sanften Hang der Alpen geschaffen hat. Fischer ist kein zorniger Agamemnon des Gentechnikzeitalters; ruhig schildert er am breiten Gartentisch vor der herrlichen Kulisse der bayerischen Berge, wie es dazu gekommen ist, im Freistaat eine Graswurzelbewegung auf die Beine zu stellen, die sich den gängigen Stereotypen entzieht – und die für CSU-Strategen in einem Wahljahr ein Alb ist, den auch homerische Götter nicht einfallsreicher hätten ersinnen können.
Gerade einmal drei Jahre alt ist „Zivil Courage“, die zunächst als partei- und verbandsunabhängige Plattform für Informationen über die grüne Gentechnik gedacht war. Anfangs machten alte Weggefährten Fischers mit, die sich aus einem landwirtschaftlichen Arbeitskreis kannten. Fischer und seine Mitstreiter zogen über die Dörfer, hielten Vorträge und zeigten Filme. Nach und nach stießen Bürger zu ihnen mit anderen lebensweltlichen Bezügen – aus den Kirchen, den Trachtenvereinen, den Kompagnien der Gebirgsschützen, den Gartenbauvereinen und anderen Organisationen. Auch aus dem Bauernverband, lange Zeit mit vielfältigen personellen Verbindungen eng an der Seite der CSU, erhielt Fischer Zuspruch.
CSU verpasst Debatte über Gentechnik
Der Landkreis Rosenheim, in dem Söchtenau liegt, war der Nukleus der Bewegung, die nach und nach in andere bayerische Regionen ausgriff – bis nach Unterfranken, wo der gentechnisch veränderte Mais „Mon 810“ angebaut werden sollte. Es war ein Kunstgriff, der Fischer und seine Mitstreiter von Erfolg zu Erfolg, von einem Festzelt zum nächsten Pfarrgemeindesaal trug: Er schlug eine argumentative Brücke von der grünen Gentechnik zur Bewahrung der Heimat und ihrer tradierten Werte. Mit gentechnisch veränderten Pflanzen, auf deren Saatgut internationale Unternehmen die Patente hielten, werde das bäuerliche Bayern der Vergangenheit angehören, lautete und lautet seine zentrale Losung.
Fischer ist kein Demagoge; nicht nur an seinem heimischen Gartentisch sucht er das ruhige Gespräch über die grüne Gentechnik. Er will mit Argumenten überzeugen, worin er die Gefahren der grünen Gentechnik sieht. Es dürfte zu den größeren Versäumnissen der CSU der vergangenen Jahre gehören, dass sie nicht rechtzeitig in diese Debatte gegangen ist und nicht ausreichend für ihre Haltung bei der Gentechnik geworben hat, bei der sie noch vor kurzem die Vor- die Nachteile überwiegen sah. Dass sie nicht bemerkte, dass Fischers Bewegung traditionelle Milieus aufschloss, dass sie nicht eine Sprache abseits der fachlichen Begrifflichkeiten fand, um für die grüne Gentechnik zu werben und Befürchtungen entgegenzutreten – das lastet auf der CSU in diesem Wahljahr und dürfte schon zu dem Debakel bei der Landtagswahl im vergangenen Herbst beigetragen haben.
Mit Hilfe des Internets einen Sturm entfacht
Eine entscheidende Rolle zum Erfolg von „Zivil Courage“ kommt dem Internet zu. Fischers Bewegung steht auch dafür, welche Durchschlagskraft das Netz verleihen kann, ohne dass es großer Organisationsstrukturen und Ressourcen bedarf – und warum es in Söchtenau so beschaulich geblieben ist, obwohl von dort aus ein Sturm entfacht worden ist, der die einst so festgefügte Schlachtordnung der CSU in der grünen Gentechnik zur Makulatur gemacht hat. Mit den Kommunikationsmöglichkeiten des Netzes ist es Fischer gelungen, Menschen in einer Zahl zu mobilisieren wie es früher nur mit starken Arbeitsstäben möglich war.
Das Fanal für die CSU war eine Veranstaltung von „Zivil Courage“ im Februar in der Inntalhalle in Rosenheim. Dazu reiste auch die indische Bürgerrechtlerin Vandana Shiva, eine Bannerträgerin gegen die grüne Gentechnik, nach Bayern an. Nicht nur die Zahl von 3500 Zuhörern haftet im Gedächtnis der Region – auch die Bilder der Trachtenträger, die zu dem Vortrag geströmt waren, der Mädchen, die im Dirndl begeistert dem Gast applaudierten, der älteren Bürger, die im Wortsinne gut behütet an den Biertischen saßen. Und noch aufschlussreicher war ein Blick in die Liste der Sponsoren und Unterstützer, die vom Kreisverband Rosenheim des Bauernverbands über ein Thermenhotel bis zu einer Gärtnerei reichte.
Distanz zur CSU nicht hinderlich
Spätestens nach diesem Abend konnte es nicht überraschen, dass die CSU, die Europa- und die Bundestagswahl fest im Blick, bei der grünen Gentechnik einen Kurswechsel einleitete, mit Seehofer als Herold eines gentechnikfreien Bayern. Alles andere hätte von politisch-suizidalen Neigungen gezeugt – mag in politikwissenschaftlichen Seminaren noch so sehr geklagt werden, die Parteien dürften auf der Jagd nach Stimmen nicht allzu sehr Stimmungen nachgeben. Wer nach einem Besuch bei Christoph Fischer, der die gegenwärtige Zahl der Unterstützer von „Zivil Courage“ mit 31.000 angibt, daran noch letzte Zweifel hegt, kann weiter nach Tuntenhausen fahren – auf den Hof von Josef Bodmaier.
Bei ihm können nicht nur Feldtafeln erworben werden, mit denen „Zivil Courage“ für einen Verzicht auf den Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft wirbt. Josef Bodmaier ist auch Kreisobmann des Bauernverbands im Landkreis Rosenheim. Das ist hier ein einflussreiches Amt, was sich schon darin zeigt, dass sein Vorgänger für die CSU im Landtag saß. Bodmaier ist aber politisch ungebunden und gehört zu einer neuen Führungsgeneration im Bauernverband, die eine gewisse Distanz zur CSU nicht als hinderlich empfindet. Nicht dass Bodmaier ämterscheu wäre, im Gegenteil: Er sitzt auch noch im Gemeinderat und als Kirchenpfleger muss er gerade größere Renovierungsarbeiten stemmen.
Konventionelle Bauern und Biolandwirte sind sich einig
Wer mit Bodmaier auf der breiten Bank vor seinem Hof sitzt, muss nicht lange danach fragen, welche Befürchtungen die bayerischen Bauern gegenüber der grünen Gentechnik hegen. Es sind Ängste, mit gentechnisch veränderten Pflanzen in die Abhängigkeit großer Konzerne zu geraten. Bodmaier ist Biobauer. Vierzig Milchkühe hält er auf seinem Hof, die mit dem gefüttert werden, was auf seinem Land wächst. Bei der Bewertung der grünen Gentechnik gebe es in seinem Landkreis kaum einen Unterschied zwischen Biolandwirten und konventionell arbeitenden Bauern, sagt Bodmaier; allenfalls beim Einkauf von gentechnikfreiem Soja und andere unveränderter Futtermittel vermisse er eine gewisse Einigkeit.
Bodmaier versteht sich auf seinem Hof als Platzhalter für die nächste Generation – das jüngste seiner sieben Kinder versucht gerade, einer Kuh sanft den Weg in den Stall zu weisen; auch die Nachkommen sollen noch ihren Platz in einer bäuerlich geprägten Landwirtschaft finden. Es sind diese Ängste gewesen, den die CSU lange Zeit nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt haben. Ängste, die nicht einer generellen Technikfeindlichkeit entspringen. Nach dem Weg zu seinem Hof gefragt, verweist Bodmaier darauf, dass es mit einem „Navi“ keine Schwierigkeiten gebe, ihn zu finden; und das Internet gehört für ihn zum Alltag, auch wenn er immer noch auf einen schnellen Anschluss wartet.
Aigner, die Schuldige?
Es ist für die CSU eine ungewohnte Erfahrung: Dass sich in ihren traditionellen Milieus Meinungsströme bilden, die sie erst richtig wahrnimmt, wenn der Hochwasserpegel erreicht ist. Welche Brisanz sich für die Partei damit verbindet, zeigt das Kräftemessen innerhalb der CSU: Kaum hatte Agrarministerin Aigner das Verbot des Genmaises „Mon 810“ als Einzelfallentscheidung deklariert, war in München von einer Leitentscheidung gegen die grüne Gentechnik die Rede. Kaum hatte sie die Versuche mit der Genkartoffel „Amflora“ erlaubt, bekundete Seehofers Umweltminister Söder seine heftige Enttäuschung über die Entscheidung.
Viel Zeit bis zur Europawahl wird der CSU nicht bleiben, zu einer einheitlichen Linie in der grünen Gentechnik zu finden. Agrarministerin Aigner stammt aus Feldkirchen-Westerham, einer Gemeinde im Landkreis Rosenheim. Wo Söchtenau, Tuntenhausen und andere Zentralorte im Kampf um die grüne Gentechnik sind, dürfte ihr bestens bekannt sein. Es bedarf gar keiner größeren Anleihen bei Homer, um vorauszusagen, wer als Hauptschuldige gelten könnte, wenn die CSU bei der Europawahl scheitert.