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Veröffentlicht: 30.10.2011, 17:12 Uhr

CSU Schlimmer als Guttenbergs Fall

Der junge bayerische Finanzminister Georg Fahrenschon will Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands werden. Glaubt er nicht mehr an die CSU?

von , München
© dpa Fahrenschon (links) neben Ministerpräsident Seehofer: Zerfallserscheinungen im Kabinett?

Die Bewerbung des bayerischen Finanzministers Georg Fahrenschon (CSU) um das Amt des Präsidenten des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands befeuert in seiner Heimat die Phantasien. Die Opposition sieht sich auf dem Weg zur Regierungsmacht weiter voranschreiten und spricht von Zerfallserscheinungen im Kabinett Seehofer.

Albert Schäffer Folgen:

Der Spitzenkandidat der SPD für die Landtagswahl 2013, der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude, bescheinigt süffisant Fahrenschon einen bemerkenswerten „Realitätssinn“. In der CSU wiederum schießen Personalspekulationen ins Kraut, zumal der Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Seehofer binnen weniger Tage einen Nachfolger für Fahrenschon benennen will, auch wenn die Wahl im Sparkassen- und Giroverband erst Ende November geplant ist.

Verführerische Position

Aus dem Abgang Fahrenschons zu schließen, dass in der CSU eine Untergangsstimmung herrscht, in der die Devise lautet: „Rette sich, wer kann“, ist freilich verfrüht, auch wenn Ude darin schwelgt, dass der Finanzminister erkannt habe, wo einem CSU-Politiker eine glückliche Zukunft winke, nämlich außerhalb Bayerns. Die Position an der Spitze des Sparkassen- und Giroverbands wäre auch in der goldenen Zeit der CSU mit absoluten Mehrheiten verführerisch gewesen, das ergibt schon ein einfacher Vergleich des Einkommens eines Ministers mit dem eines obersten Verbandsfunktionärs.

Christian Ude © dpa Vergrößern SPD-Spitzenkandidat Christian Ude: Bemerkenswerter „Realitätssinn“

Allerdings verlässt mit Fahrenschon nicht ein im Amt ergrauter Minister das Kabinett, der seine letzten Berufsjahre in einer gutdotierten, stressfreieren Position verbringen will. Der 43 Jahre alte Fahrenschon galt als ein möglicher Nachfolger Seehofers in der Staatskanzlei.

In letzter Zeit wurden solche Spekulationen zwar seltener; dazu trug auch bei, dass Fahrenschon den Vorsitz des einflussreichen Parteibezirks Oberbayern kampflos Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner überließ; in seiner Partei wurde das als Indiz gewertet, dass ihm der Wille zur Macht fehle.

Atemberaubende Vita

Ganz aus dem Spiel um Posten und Positionen in der ersten Reihe war Fahrenschon damit freilich nicht. Seine sachliche Art, Politik zu betreiben, blieb eine Option für die Zeit nach Seehofer, auch im Vergleich zu anderen möglichen Kandidaten, etwa Umweltminister Markus Söder, der manchen in der CSU immer noch zu sehr auf mediale Wirkungen fokussiert ist. Zugute kam Fahrenschon, dass er bei seinem Aufstieg nicht allzu viele Konkurrenten aus dem Feld hatte drängen zu müssen; die Zahl seiner innerparteilichen Gegner war überschaubar.

Er diente nach seiner Zeit im Bundestag (2002 bis 2007) nur ein Jahr dem bayerischen Finanzminister und CSU-Vorsitzenden Erwin Huber als Staatssekretär. Als Huber nach dem Verlust der absoluten Mehrheit auf seine Regierungs- und Parteiämter verzichten musste, konnte Fahrenschon im Finanzministerium in einem Alter an die Spitze rücken, in dem andere in seiner Partei sich noch auf eine längere Verweildauer in den hinteren Rängen der Politik einstellen müssen.

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Wer 2008, als er zum Finanzminister avancierte, Fahrenschons Vita in den Blick nahm, dem konnte es den Atem verschlagen; nicht einmal zehn Jahre lag es zurück, dass er sein Studium der Wirtschaftswissenschaften mit dem Diplom abgeschlossen hatte. Angesichts der Aufgaben, die seiner im Finanzressort harrten, mochte Jugendlichkeit ein Vorteil sein; reifere Jahrgänge hätten die Herausforderung, das Debakel der Bayerischen Landesbank mit Milliarden öffentlicher Gelder auszugleichen, möglicherweise als erdrückend empfunden. Fahrenschon brachte die Bank wieder in ruhige Gewässer, ihm gelang dabei das Kunststück, mitunter sogar freundliche Worte von der Opposition zu erhalten. In dieser Zeit kam in der CSU die Einschätzung auf, ein solcher Mann könne vielleicht nicht nur eine Bank, sondern auch die Partei sanieren und ihr wieder zu einer absoluten Mehrheit verhelfen.

Wähler werden nachdenklich

Als in diesem Jahr mit Karl-Theodor zu Guttenberg ein anderer jüngerer CSU-Politiker, mit dem es die politischen Schicksalsgötter zunächst überaus gut gemeint hatten, sich zurückziehen musste, sah es zumindest einige Stunden so aus, als werde Fahrenschon die nächste Karrierestufe nehmen und ins Bundeskabinett aufrücken. Fahrenschon entschied sich, in Bayern zu bleiben; dass sogleich kolportiert wurde, seine Frau, mit der er zwei kleine Töchter hat, hätte mit einer dramatischen Intervention den Ausschlag gegeben, dürfte nicht zu den angenehmsten Erfahrungen in seinem Leben als Berufspolitiker gehört haben.

Wenig deutete aber darauf hin, dass Fahrenschon schon wenige Monate später der Politik den Rücken kehren würde; es wurde zwar gemunkelt, es bereite Fahrenschon immer weniger Freude, die steuerpolitischen Vorstöße Seehofers fachlich zu unterfüttern - aber von einer inneren Kündigung Fahrenschons war nichts zu erkennen.

Mit Fahrenschon verliert die CSU nach Guttenbergs Rückzug binnen weniger Monate einen zweiten jüngeren Amtsträger, der Zukunft symbolisierte. Für die Partei ist Fahrenschons freie Entscheidung zu gehen noch beunruhigender als Guttenbergs Fall. Das Amt des bayerischen Finanzministers, das Fahrenschon verlässt, ist kein beliebiges in der politischen Hierarchie des Freistaats; ihm untersteht auch die Schlösserverwaltung. Das Privileg, sich als Hausherr in Kontinuität zu den Wittelsbachern zu sehen, einzutauschen gegen eine gehobene Verbandstätigkeit in Berlin wird manche Wähler in Bayern nachdenklich stimmen.

Quelle: wahlrecht.de
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