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CSU-Parteitag Galaxien von Kreuth entfernt

29.09.2007 ·  Die CSU ist keine normale Partei. Sie weiß ihre Vorsitzenden nicht nur zu stürzen, sondern auch zu feiern. Auf dem Parteitag in München huldigen die Königsmörder ihrem scheidenden Monarchen. Edmund Stoiber erledigt vor seinem Abtritt - wie immer - seine Pflicht. Von Albert Schäffer.

Von Albert Schäffer, München
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In Bayern ist alles ein wenig anders - der Himmel über den Seen, die Volksfeste und die Demokratie. Am Freitagmorgen schreckte der Bayerische Rundfunk seine Hörer mit der Meldung auf: „CSU nimmt Abschied von Edmund Stoiber.“ Nein, dem Mann aus Wolfratshausen, der Bayern mehr als vierzehn Jahre regiert hat und die CSU fast neun Jahre geführt hat, war nichts zugestoßen. Aber Wechsel an der Spitze der ewigen Mehrheitspartei haben ihr eigenes Gepräge - und inspirieren seine Institutionen, zu denen der Bayerische Rundfunk gehört, auf ihre eigene Weise. Dazu gehört, dass ein Wechsel in der Parteiführung in einer demokratischen Partei in einer Weise inszeniert wird, die manche der verbliebenen europäischen Erbmonarchien doch nachdenklich stimmen könnte, wie es um ihre dramaturgische Kraft bestellt ist.

Noch bevor der CSU-Parteitag am Freitagnachmittag in den Hallen der Münchner Messe begann, stieg die Spannung zum Siedepunkt. Bei anderen Parteien sind die Zulassungshürden, die zu einem Delegiertenabend überwunden werden müssen, meist nicht so hoch wie für einen Parkettplatz bei den Münchner Opernfestspielen - aber die CSU ist eben keine normale Partei, sondern, wie es einer der Kandidaten für den Parteivorsitz in den vergangenen Wochen immer wiederholte, eine Volksbewegung.

Als gebe es keinen Samstag mit der Nachfolgerwahl

Und da mochte es irgendwie dazu gehören, dass das Passepartout zum Delegiertenabend, auf dem Stoiber verabschiedet wurde, in Form eines kleinen Ansteckers am Freitag so begehrt war, als ginge es um den Zugang zum Elysium. Die CSU weiß ihre Vorsitzenden nicht nur zu stürzen, sondern auch anschließend zu feiern - in der Kulturgeschichte des Putsches dürfte der Partei mehr als eine bloße lobende Erwähnung sicher sein.

Vielleicht gehört auch das Paradox dazu, dass eine solch vitale, lebensfrohe Partei fast eine Generationenspanne lang von einem Pflichtmenschen wie Stoiber geführt wurde. Am Freitag führte der in die Beratungen des CSU-Grundsatzprogramms ein, als gebe es keinen Samstag, an dem sein Nachfolger im Parteivorsitz gewählt wird, als gebe es keinen Sonntag, an dem er als Ministerpräsident zurücktreten wird, als gebe es keinen 9. Oktober, an dem er endgültig der Staatskanzlei den Rücken kehren wird. Gewohnt unerbittlich arbeitete er sich an seinem 66. Geburtstag durch sein Manuskript, während die meisten Delegierten plauderten, Zeitung lasen oder anderer Kurzweil nachgingen; während Günther Beckstein am Eingang der großen Messehalle Interviews gab; und während sich Werner Schnappauf, bislang Umweltminister, künftig Hauptgeschäftsführer des BDI, an einem Unternehmensstand fotografieren ließ.

Stoibers Akribie

Die Partei lässt es sich gut gehen, Stoiber werkelt - es war am Freitag fast, wie es so oft in den vergangenen Jahren gewesen ist. Für Stoiber schloss sich mit seiner Programmrede allerdings ein ganz persönlicher Kreis: Das bislang geltende Grundsatzprogramm aus dem Jahr 1993 hatte Stoiber als Leiter der CSU-Grundsatzkommission erarbeitet und diese Aufgabe genutzt, um sich, wie es später neudeutsch heißen sollte, in der Partei zu vernetzen, und damit das Fundament für seinen Sturm auf die Staatskanzlei gelegt.

Der heutige Stoiber musste sich am Freitag vor dem damaligen Stoiber nicht verstecken; akribisch nannte er den Fundort, an der im SPD-Grundsatzprogramm dem demokratischen Sozialismus gehuldigt werde: „Das steht in Zeile drei der Einleitung!“

Nicht einmal eine Stunde Autofahrt ist das Kreuther Hochtal, in dem im Januar Stoiber gestürzt worden ist, vom Münchner Messegelände entfernt - am Freitag waren es unterschiedliche Galaxien, weil die CSU selbstverständlich das Bibelwort beherzigte, dass alles seine Zeit hat - die Intrigen in einer Partei, die ihres Vorsitzenden trotz seiner Erfolge überdrüssig geworden war, und die Hochrufe, wenn es gilt, den Gestürzten zu feiern.

Auch Skurriles hat seinen Platz

Um auch letzte Zweifel zu überwinden, lag auf jedem Delegiertenplatz eine Sonderausgabe der Parteizeitung „Bayernkurier“ aus, in der die schon versunken geglaubte Kunst des Herrscherlobs zu neuen Höhen geführt wurde. „Der Mann und das Werk“ - „Wissen, Leidenschaft und Überzeugungskraft“ - „Er forderte und gab“. Wer nach einer solchen Einstimmung immer noch nicht wusste, was die Stunde geschlagen hatte, war zumindest in der CSU-Welt nicht mehr zu helfen.

Es ist auch am Freitag eine Welt gewesen, in der neben Erhabenem auch Skurriles Platz hatte. So dass nicht nur die Rede Stoibers zum Grundsatzprogramm, in der er das Motto des Parteitags „Konservativ. Liberal. Sozial“ in der ihm eigenen Art erschöpfend behandelte, zu würdigen war; so dass nicht nur die Rede der CDU-Vorsitzenden Merkel zu verfolgen war, die selbstverständlich wusste, was an einem solchen hohen CSU-Feiertag von ihr erwartet wurde; sondern auch ein Antrag des Kreisverbands München-Land zur Beratung vorlag, doch alle bayerischen Behörden anzuweisen, künftig ausschließlich Pergamynfenster-Kuverts zu verwenden. In der Begründung hieß es, dass die derzeit üblichen Polystyrol-Kuverts „erhebliche Probleme beim Recycling“ verursachten, da „diese komplett transparenten Fenster aus Kunststoff gefiltert und gesondert entsorgt werden müssen.“

Medialer Magnetismus

Vielleicht lag darin zumindest am Freitag das Geheimnis der CSU - auf einem Parteitag, der eine Zäsur in ihrer Führung bedeutet, sich auch noch mit den Briefkuverts in den Behörden zu kümmern. Und mit einer generellen Lichtpflicht auf deutschen Straßen, wie sie die Junge Union forderte. Und der Grundtenor bei vielen Gesprächen auf den Gängen der Messe war schließlich auch so, dass nichts gegen die Beschäftigung mit dem Brief- und Straßenverkehr sprach. Denn zu Stoiber, zu den Putschisten Beckstein und Huber, zu dem Gegenputschisten Seehofer, ja und natürlich zur Primadonna aller Putschisten, der Fürther Landrätin Pauli, war schon in den Tagen und Wochen vor dem Parteitag alles gesagt worden - und zwar von allen. Was die großen Repetitoren der Neuzeit, die Medien, selbstverständlich nicht abhielt, ihrer Aufgabe nachzukommen.

Das mochte die größte Befriedigung der CSU-Granden am Freitag sein: Der mediale Magnetismus ihrer Partei ist ungebrochen. Mehr als sechshundert für den Parteitag akkreditierte Journalisten bei 1006 Delegierten - das gab schließlich eine Betreuungsrelation wie auf einem Kreuzfahrtschiff der obersten Kategorie. Und wirkte als Seelenbalsam, um die größte Sorge der Partei zu mildern - dass die Beckstein-Huber-Seehofer-CSU gegenüber der Stoiber-CSU an bundespolitischer Strahlkraft einbüßen könnte.

Skeptiker mochten zwar einwenden, dass Königsstürze schon immer die Massen begeistert hätten. Doch für leise Zwischentöne sind Parteitage ohnehin der falsche Ort - schon gar nicht zur Münchner Oktoberfestzeit und erst recht nicht bei der CSU.

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Jahrgang 1957, politischer Korrespondent in München.

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