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CSU-Klausurtagung Kreuthlein

Die CSU ist eine normale Partei, auch wenn Seehofer einen anderen Eindruck erwecken will. Das mediale Geplapper vom „Geist von Kreuth“ war schon immer wenig mehr als Dampf, der aus überhitzten Phantasien entwich.

© dpa Vergrößern Lichtgestalt: Horst Seehofer in Wildbad Kreuth, begleitet von Alexander Dobrindt (3. v. l.) und Gerda Hasselfeldt

Die CSU ist ein tapferer Indianerstamm. Jedes Jahr werden im Gebirgsreservat Kreuth die alten Bräuche inszeniert, als stünde die Zeit still. Unverdrossen wird der Kriegsgesang „Mir san die Mehrern, mir san die Schwerern“ intoniert, mag man auch in München schon lange mit einem bleichgesichtigen Koalitionspartner namens FDP regieren. Der Federschmuck aus der Zeit, in der die CSU für die Atomkraft, die Wehrpflicht und Studiengebühren stritt, wird noch einmal angelegt; dass es sich um ein Imitat aus dem Kostümverleih handelt, gleicht Horst Seehofer, ganz in der Rolle des „Crazy Horst“ aufgegangen, durch wilde Tänze um Marterpfähle aus Pappmaché aus. Wenn es dem Publikum schwarz-grün vor Augen wird, ist der Erfolg ohnehin garantiert.

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Richtig schön wird das Spektakel durch das mediale Geplapper vom „Geist von Kreuth“, der über Seehofer und den Seinen schwebe. Dieser Geist war schon immer wenig mehr als Dampf, der aus überhitzten Phantasien entwich. 1976 zerstoben separatistische Träume am Machtwillen des Pfälzers Helmut Kohl, der nur zu genau wusste, dass die Schlachtenrufe aus dem Süden die Flüchtigkeit alpiner Fallwinde hatten; aus der Auflösung der Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag wurde nichts außer Schlagzeilen in Archiven. Und das Königsdrama um Edmund Stoiber, das 2007 in Kreuth seinem Höhepunkt entgegenstrebte, entpuppte sich als bäuerliche Posse mit Günther Beckstein und Erwin Huber, welche die Partei die absolute Mehrheit kostete und in Seehofers Vorsitz mündete.

Zu früh für Jubelrufe

So gesehen, ist es heroisch, dass die CSU ihr Jahresanfangsritual nicht längst in eine gut geheizte, mit EU-Fördergeldern erbaute Mehrzweckhalle in Hinterpfuideifi verlegt hat, mit geliehenen Requisiten aus dem Musikantenstadl. Heroisch ist es auch, im nassen Kreuther Schnee herumzustehen und in die Mikrofone zu buchstabieren, wie wunderbar die Lage der CSU sei - wissend, dass die Umfragen, die der CSU gegenwärtig eine eigene Mehrheit im Landtag prophezeien, morgen schon Schall und Rauch sein können.

2008 ließen die Demoskopen die CSU blindlings ins Verderben laufen; es gab nicht den zartesten Hinweis, noch einmal die goldene Zeit der Alleinregierung auszukosten, bevor sie Geschichte sei. Nur besonders treue Anhänger dieser Glaubensrichtung können jetzt, neun Monate vor der Landtagswahl, schon in Jubelrufe ausbrechen und glauben, im CSU-Katechismus das ungeliebte Wort „Koalition“ zumindest aus den bayerischen Kapiteln streichen zu können.

Heroisch ist es schließlich, dass in Kreuth alljährlich umfangreiche Positionspapiere verabschiedet werden, die dann ruhen dürfen, bis sie nach zwölf Monaten wieder recycelt werden. Die Forderung nach Volksabstimmungen bei wichtigen europäischen Entscheidungen ist ein Kreuther Evergreen, den Crazy Horst und seine „Glühwürmchen“, wie er Mitstreiter liebevoll nennt, auch im Schlaf spielen können.

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In diesem Jahr schlägt das Heroische sogar in eine höhere Qualität um, ins Humoristische; eine Halbierung der Zahl der EU-Kommissare zu verlangen, mit der Folge, dass nicht mehr alle Mitgliedstaaten dort vertreten wären, dürfte nicht nur in bayerischen Bierzelten, sondern auch in Brüssel für Schenkelklopfen sorgen. Martin Schulz, der Sozialdemokrat auf dem Präsidentenstuhl des Europäischen Parlaments, hat schon freudig der CSU empfohlen, sie möge doch in Berlin eine entsprechende Initiative ergreifen. Nicht ungeahndet dürfte bleiben, dass das Zweite Deutsche Fernsehen die Forderung der CSU nach europäischer Sparsamkeit mit einem Bild der prächtigen bayerischen Vertretung in Brüssel konterkarierte - ein Stein gewordener Bürgertraum von einem Adelsschloss; hier könnte es noch die eine oder andere Watschen setzen, in der pädagogisch korrekten Form eines fürsorglichen Telefonanrufs.

Der CSU vorzuhalten, ihr Kreuth sei nur ein Kreuthlein, ist spaßverderberisch. Sie ist eine ganz normale Partei, auch wenn Seehofer sich nach Kräften müht, diesen Eindruck zu widerlegen. Mal sieht er sich von Charakterschwächlingen umzingelt, die ihm mit „Schmutzeleien“ das Leben vergällten; mal wähnt er sich von politischen Kraftnaturen gestützt, denen er nur „gratulieren“ könne, was für ein Titanenwerk sie vollbrächten. Seine Leichtfüßigkeit gibt den mehr der politischen Schwerkraft Unterworfenen in seiner Partei den Freiraum, auf alles, was gerade als fortschrittlich gilt, ein CSU-Etikett zu kleben, von einer Familienzeit bis zu einer Lohnuntergrenze in Branchen, in denen es keine Tarifabschlüsse gibt.

Das Verdikt von Franz Josef Strauß „Everybody’s Darling is Everybody’s Depp“ ist seiner Partei längst zur dialektisch gewendeten Verheißung geworden. Die CSU hatte in ihren besten Zeiten immer mehrere Pfeile in ihrem Köcher - konservative, liberale und soziale. Seehofer, vielleicht der letzte der großen CSU-Häuptlinge, glaubt, es brauchte gar keine Pfeile mehr - es reiche schon, den Bogen zu spannen und die Sehne surren zu lassen.

Umfrage: CSU könnte derzeit mit absoluter Mehrheit rechnen

Die CSU kann zum Start des Wahljahres 2013 auf eine Rückeroberung der absoluten Mehrheit der Landtagssitze in Bayern hoffen. Laut einer am Mittwoch vom Bayerischen Rundfunk veröffentlichten Umfrage läge sie bei einer derzeitigen Landtagswahl mit 47 Prozent klar vor einem Dreierbündnis aus SPD, Grünen und Freien-Wählern, das die CSU/FDP-Koalition ablösen will.

Die Sozialdemokraten kämen nach der Infratest-dimap-Befragung im Auftraug der Fernsehsendung „Kontrovers“ auf 19 Prozent, die Grünen auf 14 und die Freien Wähler auf 9 - zusammen fünf Punkte weniger als die CSU. Die FDP flöge mit drei Prozent aus dem Landtag. Draußen blieben auch die Piraten (3) und die Linke (2). Gewählt wird im Herbst. (dpa)

Quelle: F.A.Z.

 
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