26.01.2007 · Kurz vor der Sitzung der Parteispitze verbreitet die CSU-Landtagsfraktion satirische Visionen - dass der Machtkampf um den Vorsitz abgesagt werden und Stoiber sagen könnte: „Dann bleib ich halt Vorsitzender.“ Von Albert Schäffer.
Von Albert Schäffer, MünchenGanz an der Spitze des Fortschritts marschiert die CSU in einer nicht ganz einfachen Disziplin: der Resozialisierung gestürzter Vorsitzender. Aus den Reihen der CSU-Landtagsfraktion wurden am Donnerstag Haltungsnoten für den gestrauchelten Edmund Stoiber vergeben, die medaillenverdächtig erschienen.
Der Abgeordnete Gerhard Waschler wurde mit der Feststellung zitiert, „einfach grandios“ sei es, wie sich Stoiber nach der Rückzugsankündigung verhalte - und dieses Lob gehörte noch zu den eher verhaltenen Prädikaten. Eine ganz neue Leichtigkeit zeichne Stoiber aus, schwärmten Abgeordnete. Die Übungen in der literarischen Gattung „Herrscherlob“ kulminierten in dem Wort, Stoiber sei auf dem besten Wege, vom blonden Fallbeil, wie er in seiner Zeit als CSU-Generalsekretär geschmäht worden war, zum „König der Herzen“ zu werden.
„Dann bleib ich halt Vorsitzender“
Satirische Zukunftsszenarien, in Bierlaunen auf Landtagsempfängen entworfen, wurden mit ernster Miene weiterverbreitet - etwa, dass der Zweikampf zwischen Bundeslandwirtschaftsminister Seehofer und dem bayerischen Wirtschaftsminister Huber um den CSU-Vorsitz vom Spielplan abgesetzt werden könnte. Weil Stoiber, gerührt von der neu erwachten Zuneigung in der Partei zu ihm, sagen könnte: „Dann bleib ich halt Vorsitzender.“ Ein Parteivorsitzender Stoiber, der die Ausbildung eines Ministerpräsidenten Beckstein überwacht und die Suche nach seinem idealen Nachfolger aufnimmt, einem dreißig Jahre alten neoliberalen Sozialpopulisten - Arbeitstitel Seehuber -, der in zehn bis fünfzehn Jahren reif ist für das Erbe Stoibers: Der Phantasie waren am Donnerstag keine Grenzen gesetzt.
Stoiber ließ zwar ein wenig spielverderberisch seine Staatskanzlei verbreiten, keinen Rückzug vom Rückzug zu planen. Dennoch überwogen am Donnerstag die freudvollen Augenblicke im Parteileben der CSU. Wissenschaftsminister Goppel bekräftigte seine Ambitionen, der große Paulibändiger der Partei zu werden. Schon in der jüngsten Vorstandssitzung habe er der Fürther Landrätin Pauli angekündigt, er werde Widerstand leisten, wenn sie als stellvertretende Parteivorsitzende kandidiere, gab Goppel zu Protokoll. Allerdings habe die Landrätin seinen Redebeitrag nicht gehört, weil sie vor der Tür des Sitzungssaales gewesen sei, „wie so oft“, beklagte Goppel, der anscheinend Frau Pauli immer fest im Blick hat. Die Absenz der Landrätin hemmte Goppels pädagogischen Furor aber nicht; er habe nach ihrem Eintreten seinen letzten Satz wiederholt, „damit sie wenigstens das Wesentliche mitkriegt“.
Auch die Worte, die Huber für die Geburtsgeschichte der Absprache zwischen ihm und Innenminister Beckstein fand, die Ämter Stoibers zwischen ihnen aufzuteilen, konnten golden genannt werden: „Es war ein gruppendynamischer Prozess aus der CSU-Landtagsfraktion heraus.“ Er könne „den eigentlichen Vater des Gedankens“ gar nicht benennen. Der Vorschlag sei in der „Herzkammer der CSU entstanden und nicht im Hinterzimmer“. Die Metapher von der CSU-Landtagsfraktion als Herzkammer der Partei gehörte zu den Lieblingsredensarten in Wildbad Kreuth, wo Stoibers Sturz inszeniert wurde.
Cäsar und Brutus in Personalunion?
Die Fraktion dürfte in jedem Fall eine Herzkammer des Humors sein, der grimmigen Spielart. Auch am Donnerstag war die Legende, Stoiber sei es gewesen, der Beckstein und Huber animiert hätte, seine Ämter unter ihnen aufzuteilen, noch auf dem besten Weg, Eingang in die Geschichtsbücher zu finden. Die Vorstellung, Stoiber hätte in Wildbad Kreuth die Rollen von Cäsar und Brutus in Personalunion wahrgenommen, sorgte zwar in Stoibers Staatskanzlei für Erheiterung, verhinderte aber nicht mediale Wiederverwertungsprozesse. Und es wurde schon die nächste Legende vorbereitet, als Huber das Ziel beschwor, alle CSU-Politiker zu einer Mannschaft zusammenzuschweißen. Wenn es das sei, was Seehofer als tragfähige Lösung bezeichnet habe, „dann stimme ich dieser Lösung zu“.
Damit war die Tonlage für die Sitzung der Parteispitze in der Staatskanzlei an diesem Freitag gesetzt. Die Hauptakteure werden bemüht sein, in ihren öffentlichen Äußerungen plausibel zu machen, warum die Mannschaftsleistung nur darin bestehen könne, sie zum Vorsitzenden zu küren. Huber ließ am Donnerstag treuherzig wissen, dass die nächste Aufgabe in der Politik immer die schwierigste sei - das sei eben die Kommunalwahl im Frühjahr 2008.
Die unausgesprochene Botschaft war mit Blick auf Seehofer nicht misszuverstehen; wer in Berlin und Brüssel sein muss, kann nicht in Bad Tölz und Bamberg die Massen begeistern. Seehofer wiederum warnte davor, das bundespolitische Standbein der CSU zu schwächen (siehe auch: Seehofer warnt CSU vor Bedeutungsverlust). Wer in der Partei wessen Stand- oder Spielbein ist, darüber dürften in der CSU noch manche Debatten geführt werden - zumindest in den Pausen zwischen den Lobpreisen für Stoiber, die jetzt neben dem Mitführen des Mitgliedsausweises bei CSU-Veranstaltungen zur Pflicht gehören.