http://www.faz.net/-gpf-6yy61

„Crystal Speed“ : Europäischer Binnenmarkt

30 bis 40 Euro je Gramm: Vom Zoll sichergestellte Tütchen mit Crystal Bild: F.A.Z.-Foto Tobias Schmitt

Oberfranken und die Oberpfalz werden mit dem Rauschgift „Crystal Speed“ überschwemmt. Behörden, Politik und Suchtmediziner in Bayern sind alarmiert.

          Nach einem Gramm gefragt, bietet er gleich fünf an. Fünf Gramm Crystal für zweihundert Euro. Der junge Asiate mit Baseballmütze, vielleicht sechzehn Jahre alt, steht vor seinem Stand voller Jeans und T-Shirts im westböhmischen Eger (Cheb). „Deutsch, ja? Kommen Sie, gibt noch mehr.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Auf einem riesigen Parkplatzareal direkt neben einem Einkaufszentrum liegt der „Dragoun Market“, einer der sogenannten Vietnamesenmärkte für Kleidung, Schuhe und Zigaretten, die sich am Rande der Tschechischen Republik häufen. Doch an diesem Nachmittag sind die wohl hundert Meter langen Reihen gähnend leer, nur wenige Kunden laufen herum. Die Verkäufer stehen sich die Beine in den Bauch. Einige von ihnen haben ihren Stand sogar verlassen und sich um eine Kiste versammelt, auf der tschechische Kronenscheine liegen. Daneben prasseln aus einer leeren Konservenbüchse gerade die Würfel auf den Pappdeckel. Das Interesse an kopierten Markenprodukten hat offenbar stark nachgelassen - die Nachfrage nach einer in Deutschland illegalen Substanz hingegen wird gern gestillt.

          Es ist kinderleicht, in Eger eines der härtesten Rauschgifte zu kaufen. Pico heißt das Zauberwort - und ein Tütchen mit durchsichtigen Kristallen wechselt den Besitzer. Es sind nur wenige Minuten bis zur deutschen Grenze, einen Schlagbaum gibt es seit Ende 2007 nicht mehr.

          Kontrollen gibt es aber, auch wenn sie nicht so auffallen. Im Nebel Oberfrankens wartet ein grün-weißes Fahrzeug am Straßenrand. Am Steuer sitzt Matthias Dürr, Leiter der Zollkontrolleinheit Selb. Als ein schwarzer Kleinwagen mit großem „Böhse Onkelz“-Schriftzug auf der Heckscheibe aus Richtung Tschechische Republik auftaucht, gibt Dürr Gas und hängt sich hintendran. An günstiger Stelle überholt er und lässt das Spruchband „Bitte folgen“ aufleuchten.

          Vier Gramm Crystal - Alltag

          Die Insassen des Böhse-Onkelz-Autos stehen wenig später auf einem Parkplatz neben ihrem Fahrzeug: zwei junge Männer in Tarnkleidung. Dürr durchsucht Wagen und Gepäck der beiden, während ein Kollege daneben steht und sichert. Die jungen Männer haben je vier Stangen Zigaretten dabei, die erlaubte Höchstmenge, sonst nichts: Sie dürfen weiterfahren. Erst wenige Stunden zuvor haben die Zollbeamten bei einem jungen Mann vier Gramm Crystal sichergestellt. Solche Funde gehören mittlerweile zu ihrem Alltag.

          In den vergangenen Jahren ist der Crystal-Speed-Konsum in Deutschland rapide gestiegen, und man vermutet, dass ein Großteil des Rauschgiftes aus der Tschechischen Republik kommt. Crystal Speed, Meth, Ice, Glass, Pico, Pervitin - die Amphetamindroge, manchmal auch Hitler-Speed genannt, weil Wehrmachtssoldaten sich damit aufputschten, ist unter vielen Namen auf der ganzen Welt bekannt. Sie ist um ein Vielfaches stärker als „normales“ Speed und macht sehr schnell süchtig. Die derzeitige Crystal-Welle wird vor allem mit der Liberalisierung des tschechischen Rauschgiftgesetzes im Jahr 2010 in Verbindung gebracht. Seither stellt der Besitz von bis zu zwei Gramm Crystal nurmehr eine Ordnungswidrigkeit dar. In Bayern und in Sachsen fallen den Fahndern immer größere Mengen des Rauschgiftes in die Hände.

          Im Fahndungsschleier zwischen Selb und Asch: Beamte der deutschen Zollfahndung beobachten den Grenzverkehr.
          Im Fahndungsschleier zwischen Selb und Asch: Beamte der deutschen Zollfahndung beobachten den Grenzverkehr. : Bild: F.A.Z.-Foto Tobias Schmitt

          Mit einem halben Gramm Crystal sei sie ein Wochenende lang „voll drauf“ gewesen, sagt Rosa M., die in einem Besucherzimmer der Suchtklinik Hochstadt-Marktzeuln in Oberfranken sitzt. Wie verrückt habe sie sich immer auf den Moment am Freitagabend gefreut, wenn sie die erste „Bahn ziehen“ würde. Dann kam die Zeit, in der sie auch am Montagmorgen schon eine brauchte. Man sieht der jungen Frau mit vollem, braunem Haar und makelloser Haut nicht an, dass sie sieben Jahre lang abhängig war. Das Abitur hat sie noch geschafft, das Studium nicht mehr. Jetzt ist sie 23.

          Weitere Themen

          Von Alligator bis Zebra Video-Seite öffnen

          London Heathrow : Von Alligator bis Zebra

          Nicht alles, was Reisende im Gepäck haben, kommt durch den Zoll. Einblicke in das Panoptikum der Skurrilität.

          Revision im Prozess um Scharia-Polizei Video-Seite öffnen

          BGH prüft Freigesprochene : Revision im Prozess um Scharia-Polizei

          Im Jahr 2014 war eine Gruppe von Männern durch Wuppertal patrouilliert und wollten junge Muslime ansprechen und sie ermahnen, nach der Lehre des Korans zu leben. Nachdem vor einem Jahr das Landgericht Wuppertal die Männer freigesprochen hat, ist die Staatsanwaltschaft in Revision gegangen.

          Topmeldungen

          SPD und Regierungsbildung : Stabile Gedanken

          Die Union blockt Forderungen der SPD schon jetzt ab. Das wird nicht einfach für Schulz. Immerhin vereint ihn ein stabiler Gedanke – ausgerechnet mit der CSU. Ein Kommentar.
          Schon das Software-Update aufgespielt?

          Diesel-Affäre : Zeit für Mogel-Volkswagen läuft ab

          Wer einen manipulierten Volkswagen besitzt, muss seine Ansprüche schnell geltend machen. Etliche auf Massenverfahren spezialisierte Kanzleien mahnen deshalb zur Eile.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.