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Mitgliederverluste der Kirchen : Eine doppelte Zäsur

Pastor Friedhelm Blüthner schöpft beim Pfingstgottesdienst der Bremischen Evangelischen Kirche einen Krug Wasser aus der Weser. Die Evangelische Kirche verzeichnet längst nicht so viele Taufen wie Todesfälle. Bild: dpa

Die Kirchen verlieren Mitglieder ohne Ende. Aufhalten lässt sich das Ganze nicht – aber die Grundhaltung der nächsten Jahre wird entscheidend sein. Ein Kommentar.

          Die Evangelische Kirche in Deutschland wartete vor kurzem mit einer bemerkenswerten Rechnung auf. Bei der Vorlage ihrer jährlichen Statistik rechnete die EKD vor, mit 180.000 Taufen und 25.000 Eintritten seien im Jahr 2017 abermals mehr Menschen in die evangelische Kirche eingetreten als aus ihr ausgetreten. Formal betrachtet, ist diese Rechnung korrekt. Der Sache nach handelt es sich aber um Schönfärberei, die einer Kirche unwürdig ist. Der tatsächliche Saldo wird nämlich erst sichtbar, wenn man den 25 000 Eintritten die 200.000 Austritte entgegenhält und den 180.000 Taufen die 350.000 Todesfälle. Dann wird auch erkennbar, dass die evangelische Kirche von zwei etwa gleich starken Entwicklungen in die Zange genommen wird: von einer stark negativen demographischen Entwicklung und von der weiterhin hohen Zahl von Austritten.

          Die Situation der katholischen Kirche ist nur geringfügig besser. Zwar profitiert die katholische Kirche nach wie vor von der geringeren Austrittsneigung ihrer Mitglieder sowie von einwandernden Katholiken. An der prekären Lage des organisierten Christentums in Deutschland ändert aber auch das wenig. Binnen eines Jahres haben beide Kirchen zusammen etwa 660.000 oder 1,8 Prozent ihrer Mitglieder verloren. Dramatisch muss man diese Zahlen auch deshalb nennen, weil die Stimmungslage bezüglich der Kirchen keineswegs von Negativschlagzeilen geprägt war. Im Jahr 2017 herrschte angesichts des Reformationsjubiläums, eines weiterhin beliebten Papstes und einer um sich greifenden abendländischen Gestimmtheit eher Wohlwollen vor.

          Organisation der Mitarbeit stärken

          Mit den neuen Zahlen ist die Wahrscheinlichkeit gewachsen, dass die beiden großen Kirchen in etwa fünf Jahren vor einer zweifachen Zäsur stehen. Zum einen dürften dann erstmals weniger als die Hälfte der Deutschen einer der beiden großen Kirchen angehören. 1990, im Jahr der Wiedervereinigung, waren es noch mehr als siebzig Prozent. In der EKD waren damals 29,5 Millionen Protestanten organisiert. Heute ist die evangelische Kirche mit 21,5 Millionen Mitgliedern inzwischen sogar kleiner als die katholische mit 23,3 Millionen.

          Die zweite Zäsur betrifft die finanzielle Lage der Kirchen. Die gegenwärtigen Rekordeinnahmen bei der Kirchensteuer in Höhe von rund zwölf Milliarden Euro beruhen darauf, dass der Mitgliederschwund bislang von der guten Konjunkturlage überkompensiert wurde. Sobald aber die nach 1955 geborene Generation der Babyboomer in den Ruhestand tritt, die derzeit aufgrund ihrer hohen Kirchenbindung und ihrer hohen Einkommen überproportional zur Finanzierung der Kirchen beiträgt, wird sich auch deren finanzielle Ausstattung schlagartig verschlechtern. Aus wohlsituierten Mehrheitskirchen werden bedürftige Minderheitskirchen.

          Für die Kirchen kommt es darauf an, diesen Wandel sowohl organisatorisch als auch geistig zu bewältigen. Denn stoppen werden sie ihn nicht. Dafür sind die Triebfedern der Säkularisierung zu mächtig. Für die Kirchen wäre schon viel gewonnen, wenn sie ihrer Mitarbeiterschaft halbwegs trennscharf vermitteln könnten, an welchen Stellen man die Entwicklung hinnehmen muss und wo man alle verbliebene Energie aufbieten muss, weil sich durch Anstrengung etwas erreichen lässt. In diese Kategorie fallen teils ganz einfache Dinge: eine bessere Erreichbarkeit der Hauptamtlichen vor Ort, die sorgfältige Vorbereitung von Trauungen, Taufen und Beerdigungen, verstärkte Bemühungen um Face-to-Face-Kontakt zur eigenen Mitgliedschaft, insbesondere in den Städten und zu den jüngeren Alterskohorten. Es bleibt ein Rätsel, wie in der Vergangenheit bei solch basalen Aufgaben der Schlendrian einkehren konnte.

          Aktive Grundhaltung ist entscheidend

          Die doppelte Zäsur hin zu einer armen Minderheitskirche macht einen Mentalitätswechsel erforderlich, vielleicht auch eine Änderung der eigenen Anreizsysteme. Bislang wurde fast alles Geld von oben über die kirchliche Landschaft verteilt. Wer innerhalb der Hierarchie über ausreichenden Zuspruch verfügte, hatte somit nichts zu befürchten und konnte sich entspannt zurücklehnen, falls er es wollte. Künftig muss es darum gehen, die verbleibenden Ressourcen viel entschlossener dorthin zu lenken, wo die Bindung der eigenen Mitglieder gestärkt wird und wo die Kirche nach außen hin sichtbar wird. Es gibt viele tausend Gemeinden, Pfarrer, Kirchenmusiker, Diakone und Ehrenamtliche, die das schon lange Tag für Tag leisten. Sie müssen gestärkt werden, damit nicht auch noch der agile Teil des kirchlichen Apparats in jene resignativ-passive Grundhaltung verfällt, über die intern zunehmend geklagt wird.

          Das gilt umso mehr, da der Mitgliederrückgang noch stärker zu einem Entscheidungschristentum führen wird, in dem man seine Mitgliedschaft nicht mehr aus familiärer Tradition oder aus Gründen der sozialen Adäquanz am Arbeitsplatz oder im Schützenverein aufrechterhält. Man zahlt seine Kirchensteuer deshalb, weil man das Christentum bejaht oder zumindest seine Präsenz in der Gesellschaft für so wünschenswert hält, dass man sich am Fortbestand der Kirchen beteiligt. Das ist eine aktive Grundhaltung, von der sich auch die Kirchen in die Pflicht nehmen lassen sollten.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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