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Christian Ude Die Diva

22.08.2011 ·  Das Phänomen Christian Ude kann nicht verstehen, wer München nicht versteht. Die Stadt liebt ihre Diven und eine Diva lässt sich nicht krönen, sie krönt sich selbst: Der Oberbürgermeister will bayerischer Ministerpräsident werden. Und erwartet Applaus.

Von Albert Schäffer, München
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Er ist die letzte Diva der deutschen Politik: Christian Ude. In seinen langen Jahren als Münchner Oberbürgermeister hat er sich nie den Launen seiner Partei, der SPD, gefügt. Im Gegenteil: Sie musste gute Miene zu seinen Launen machen, immerhin garantierte er ihr, dass das zweitwichtigste Amt in Bayern in ihrer Hand ist. Zumindest formal, denn Ude lässt sich natürlich nicht zu einem Sozialdemokraten verkleinern, auch wenn er sein Parteibuch noch irgendwo haben muss. Der Welt graugesichtiger Funktionäre, die ihr Leben zwischen Parteitagsbeschlüssen und dem Ringen um Ämter fristen, ist er lange entrückt.

Zum innersten Wesen der Diva gehört es, von Zeit zu Zeit den eigenen Abschied von der Bühne anzukündigen - und das Erschaudern der Verehrer zu genießen. Ude ließ vor der Kommunalwahl 2008 die SPD zittern, ob er noch einmal für das Amt des Oberbürgemeisters kandidieren werde. Lustvoll parlierte er über die Freuden des Ruhestands und die Vorzüge seines Eigenheims auf Mykonos; Nachfolger in der SPD sahen sich schon von einer zarten Morgenröte umspielt. Die CSU schöpfte Hoffnung, die rote Bastion im Münchner Rathaus schleifen zu können. Doch dann ließ Ude wissen, er wolle sich noch einmal in die Pflicht nehmen lassen.

Eine Diva krönt sich selbst

Die 66,7 Prozent der Stimmen, die er in der Direktwahl erhielt, mögen einer Diva nicht ganz angemessen sein. Sie ist es gewöhnt, dass auch die hinterste Reihe im dritten Rang aufspringt, wenn der letzte Ton verklungen ist. Aber eine Diva lässt sich nicht krönen, sie krönt sich selbst - so wie Ude jetzt nach dem Amt des bayerischen Ministerpräsidenten greift, ohne sich den Ritualen der Gremiendemokratie zu unterwerfen. Was sollte sich Ude auch mit politischen Kleindarstellern abgeben, die als SPD-Landesvorsitzender oder SPD-Fraktionsvorsitzender fungieren und sich nun anstrengen, überschäumende Freude über seine Kandidatur zu mimen.

Das Phänomen Ude kann nicht verstehen, wer München nicht versteht. Nur an der Isar konnte eine andere Münchner Diva ihren Aufstieg nehmen - der Modeverkäufer Rudolph Moshammer. Hier, in der nördlichsten Stadt Italiens, ist die Freude an der Mimikry zu Hause und lässt sich eine Grandezza inszenieren, hinter der die irdische Vergeblichkeit hervorlugt. Hier kann sich ein Oberbürgermeister, der im urbanen Schwabing zu Hause ist, alljährlich beim Oktoberfest eine Lederhose überstreifen und sich als urbayerischer Kraftlackl gerieren. Und nur hier dürfte auch toleriert werden, dass Ude nach seiner Selbstausrufung als Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2013 sogleich dekretiert hat, dass er nur Ministerpräsident werden will. Ihm nicht angemessene Ämter strebt er erst gar nicht an - etwa ein Ministeramt in einer schwarz-roten Regierung oder eine Rolle als Oppositionspolitiker im Landtag. Dafür stehen die üblichen Verdächtigen in ausreichender Zahl bereit. Die Wähler wissen damit, was ihnen blüht, wenn sie das magere Ergebnis von 18,6 Prozent der SPD bei der Landtagswahl 2008 nicht multiplizieren.

Mit braver sozialdemokratischer Vita

Ude ist wie jede Diva alterslos. Nach seiner Geburtsurkunde wird er bei der Landtagswahl 2013 zwar 66 Jahre alt sein - ein ungewöhnlicher Reifegrad für einen Debütanten in der Staatskanzlei. Aber eine Maria Callas fragt man nicht nach ihrem Alter - einen Ude auch nicht. Wer es dennoch tut, wird gebührend bestraft - wie die CSU. Sie hielt es für ein taktisches Meisterstück, die Altersgrenze für hauptamtliche Bürgermeister in Bayern erst für die Zeit nach der Kommunalwahl 2014 aufzuheben; Ude sollte es verwehrt bleiben, bis in alle Ewigkeit die CSU vom Chefsessel im Münchner Rathaus fernzuhalten. Jetzt steht sie ihm zu ihrem Erschrecken auf einer größeren Bühne gegenüber.

Ude hat sich als Diva gleichsam selbst geboren. Nicht, dass er als Sohn des Kulturredakteurs Karl Ude musenfern aufgewachsen ist. Aber der schlaksige junge Mann, der seine Schüchternheit hinter Wortwitz zu verbergen suchte, war weit entfernt vom großen Auftritt vor dem politischen Vorhang. Er legte sich nach einem Zeitungsvolontariat und einer juristischen Ausbildung eine brave sozialdemokratische Vita zu, zu der eine Arbeit als Mieteranwalt gehörte. Allenfalls seine Hochzeit mit einer Mutter von sechs Kindern, die ihm an Lebensjahren voraus ist, deutete darauf hin, dass Ude dabei war, sich in sich selbst zu verwandeln, wie es nur Diven verstehen. Wann er die Larve des Parteimannes abstreifte, gleich nach seiner ersten Wahl zum Oberbürgermeister 1993 oder erst später, ist müßig zu ergründen - eine Diva entzieht sich einem profanen biographischen Zugriff. Sie ist auf einmal da, auch wenn es dauern mag, bis sie erkannt wird. Bei Ude war spätestens 2002 klar, wie er sich sah und wie er gesehen werden wollte: Im Bundestagswahlkampf blieb er einer Veranstaltung mit Gerhard Schröder auf dem Münchner Marienplatz mit den Worten fern: „Da braucht's nicht einen mehr, der rumsteht.“ Schröder war damals, manche mögen sich erinnern, zwar Bundeskanzler - aber Ude war und ist eben Ude.

Ein großes Ego braucht einen großen Körper

Und die Münchner lieben Diven, siehe Rudolph Moshammer, siehe Franz Beckenbauer. Ja, eigentlich liebt ganz Bayern Diven, wie sich schon bei Ludwig II. zeigt. Dass sich Ude als Ministerpräsident auf ein fragiles Bündnis aus drei kleinen Parteien stützen will, - SPD, Grüne und Freie Wähler - kümmert sie erst einmal wenig. Viel mehr wird der inszenatorische Mehrwert geschätzt, der mit seiner Kandidatur verbunden ist; so viele Lichtblicke gibt es nicht in diesem sonnenarmen Sommer. Allein dass Ude wie jede Diva seine ganz eigene Ikonographie setzt, belebt den Diskurs in den Biergärten. Sein Schnauzbart, an sich ein Relikt einer etwas bemühten Männlichkeit aus den siebziger Jahren, hat zwar keine ästhetische, aber eine emblematische Qualität. Gleiches gilt dafür, dass Ude längst nicht mehr schlaksig ist - eine Diva darf, um es bayerisch zu sagen, kein „Magermillimadl“ sein, im Falle Udes kein „Magermillimanderl“. Ein großes Ego braucht einen großen Körper, auch wenn Ude weit davon entfernt ist, in dieser Hinsicht Helmut Kohl in dessen besten Jahren zu erreichen.

Diven passen nicht zu Kollektiven. Auch Ude ist in den vergangenen Jahren nicht dadurch aufgefallen, dass er immerzu untergehakt mit anderen Sozialdemokraten durch München flanierte; ja, im Falle der bayerischen SPD gab er sich sogar sehr ungesellig. Doch jetzt hat er seine Partei schon einmal wissen lassen, was geschehen muss, damit sie bei seinen Arien als Spitzenkandidat dekorativ im hinteren Teil der Bühne stehen darf. Aus ihrem Nein zu einer dritten Startbahn am Flughafen München muss ein Ja werden, sonst setzt Ude keinen Fuß aus seiner Garderobe.

In der CSU herrscht einige Beklommenheit über die Aussicht, sich mit Ude auseinandersetzen zu müssen. Horst Seehofer verfügt zwar auch über gewisse Entwicklungspotentiale. Kürzlich konnte er in einem Bierzelt in einem kurzen Trachtenjäckchen bewundert werden, das zwar nach bayerischen Maßstäben durchaus comme il faut war, in dem er allerdings wie ein in die Jahre gekommener Wiener Sängerknabe wirkte. Es könnte schwer werden gegen Ude: Ausgeschlossen ist freilich nicht, dass er bald wieder seine Spitzenkandidatur zurückzieht, wenn die SPD nicht genügend rote Rosen für ihre Diva regnen lässt.

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