Helden stellt man sich anders vor. Christian Führer wirkt dafür zu zerbrechlich unter seinem Messgewand. Am Ostermontag führt der evangelische Pfarrer ein Grüppchen von etwa zehn Konfirmanden in die Kirche, einige von ihnen ein gutes Stück größer als er selbst. Feierlich langsam schreitet er unter Posaunenklängen auf den Altar in seiner Kirche zu - Sankt Nikolai in Leipzig. Sein grauer Bürstenhaarschnitt scheint weniger stachelig als auf den bekannten Fotos von ihm. Führer geht in leicht nach vorn gebeugter Haltung. Singt er während der Messe die Liturgie, klingt seine Stimme knabenhaft.
Die meisten Menschen haben wahrscheinlich ein anderes Bild im Kopf, hören sie den Namen Christian Führer - Leipziger Pfarrer, Umstürzler, das Gesicht der Montagsdemonstrationen und eine der Ikonen der friedlichen Revolution in der DDR. Sie kennen Führer mit Jeansweste auf der Straße statt mit Stola hinter dem Altar. Mit der Weste und seinem bunt beklebten Aktenkoffer trat er vergangene Woche vor die Presse. Ende März geht er in den Ruhestand, zumindest als Pfarrer von Sankt Nikolai, wo er seit 1980 wirkt.
„Keine Gewalt“
Er dürfte der einzige Gemeindeseelsorger in Deutschland sein, der deswegen fast eine Stunde lang eine Pressekonferenz gibt - geben muss. Auch nach der Veranstaltung ist er noch von Journalisten umringt und antwortet mit ruhiger Stimme auf Fragen. Es ist die Stimme, die in der Wendezeit im Herbst 1989 bei Friedensgebeten Tausenden Mut gemacht hat, die fürchteten, das SED-Regime würde das aufbegehrende Volk mit Waffengewalt zum Schweigen bringen.
Schon 26 Jahre lang versammeln sich unter dem säulengestützten Dach der Nikolaikirche Christen und Atheisten jeden Montag zum Friedensgebet. Angesichts des Wettrüstens auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs ließ Führer wöchentlich Gebete für den Frieden abhalten, manchmal nur mit einer Handvoll Leuten. Im Januar 1988 feierte die Gemeinde dann Fürbittenandachten für auf einer Demonstration in Berlin verhaftete Oppositionelle. Auf einmal kamen hundert Menschen in die Kirche. Der Unmut in der Bevölkerung wuchs. Ausreisewillige wandten sich an Führer. Wöchentlich strömten mehr Menschen ins Kirchenschiff von Sankt Nikolai und später auch in die anderen Leipziger Kirchen. Am 9. Oktober 1989 schließlich zogen im Anschluss an die Gebete 70.000 Menschen durch Leipzig.
Mit Kerzen und Gebeten brachten sie das Regime ins Wanken. Immerzu hatten Führer und andere Geistliche Gewaltlosigkeit gepredigt, auch wenn der Staat vor den Kirchentoren auf seine Bürger eindrosch. Die Worte fanden Gehör. Der Leitspruch der Montagsdemonstranten „Keine Gewalt“ ist für Führer die Essenz der Bergpredigt aus dem Neuen Testament, die friedliche Revolution hält er für „ein Wunder“.
„Da kann man nicht mehr kesseln“
Mit solchen Kategorien kann Erich Loest nichts anfangen. „Jeder Vorgang ist rational zu begreifen“, sagt der Schriftsteller in seiner Leipziger Wohnung. Für seinen Roman „Nikolaikirche“ las er Aufzeichnungen der Leipziger Pfarrer und Bürgerrechtler sowie Berge von Stasiakten. Dass es am Abend des 9. Oktober 1989 friedlich blieb, liegt seiner Meinung nach an der schieren Menschenmasse.
Loest selbst saß damals in Bonn vor dem Fernseher. Sieben Jahre hatte er in der DDR im Zuchthaus gesessen, 1981 war er in die Bundesrepublik gegangen. An jenem Oktoberabend habe der Chef der Volkspolizei, General Straßenburg, 7000 Uniformierte befehligt. Die bewährte Taktik habe angesichts Zehntausender Demonstranten nicht mehr gegriffen. „Da kann man nicht mehr kesseln und ein paar verhaften“, sagt Loest. Der General habe auch nicht schießen lassen können. „Das war doch das Volk.“ So hätten einige Volkspolizisten gedacht, sagt Loest.
Auch wenn der Atheist Loest die Ereignisse anders bewertet als der Christ Führer, so schätzt Loest den Pfarrer doch sehr, der erfolgreich zum Gewaltverzicht aufgerufen habe. Man sehe sich selten, aber wenn er Führer treffe, freue er sich. „Einen aufrechten Christenmenschen“ nennt ihn Loest. Was anderes will Führer auch nicht sein, schon gar kein Held. Auch er habe natürlich Angst gehabt, als der SED-Staat Panzer auffuhr. Halt geben dem vierfachen Vater seine Frau und der Glaube. Den will der Augsburger Friedenspreisträger weitergeben, auch im Ruhestand. Seit er die Gemeinde übernommen hat, ist die Zahl der Gottesdienstbesucher von durchschnittlich 50 auf heute etwa 250 gewachsen.
Mit der Stasi an einem Tisch
Als Führer seinem letzten Konfirmandenjahrgang am Ostermontag die Hände auflegt, kämpft Steffen Hanke mit den Tränen. Über die Arbeitsloseninitiative der Gemeinde kam der Vierundvierzigjährige zu Sankt Nikolai, als Atheist. Der Pfarrer hat Eindruck auf ihn gemacht. „Der steht immer zu den Menschen“, sagt Hanke. An Ostern vor fünf Jahren hat ihn Führer getauft.
„Altar und Straße gehören zusammen“, sagt Führer. Er war Gemeindepfarrer in der DDR, und er blieb es auch im wiedervereinigten Deutschland. „Weil mich keiner gefragt hat, ob ich Bundespräsident werden will“, sagt er scherzhaft. Vor 65 Jahren als Sohn eines Pfarrers geboren, fasziniert ihn am Christentum, wie Jesus sich um die an den Rand Gedrängten gekümmert hat. Als Student erlebte er, wie offen die Leute - gläubig oder nicht - mit ihm redeten, wenn sie hörten, dass er Theologie studierte. „Offen für alle“ - das Motto am Tor von Sankt Nikolai - soll die Kirche sein.
Führer betete für die Arbeitslosen, für den Frieden im Irak und organisierte Mahnwachen für die dort verschleppten zwei Leipziger Ingenieure bis zu deren Freilassung. Selbst von 28 Spitzeln ausspioniert, hat Führer sich bei ehemaligen Inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi an den Küchentisch gesetzt, während diese ihrer Ehefrau ihre Spitzeltätigkeit gestanden. Damit half Führer den einstigen Feinden, deren Ehen zu retten.
Er beherrscht die provokanten Bibelstellen
Führer dürfte auch der einzige Pfarrer gewesen sein, der den Neonazi Christian Worch, der Leipzig jahrelang mit rechtsradikalen Demonstrationszügen heimsuchte, zum persönlichen Gespräch getroffen hat. Mit solchen Aktionen hat Führer, der nach eigenen Angaben von Kritikern schon als „theologisches Rätsel mit fragwürdiger Einseitigkeit“ bezeichnet wurde, sich nicht nur Freunde gemacht.
Dass sich Politik und Religion in der Kirche vermischen, liegt für ihn in der Natur der Sache. „Wir können die Menschen nicht von ihren Problemen trennen“ war schon in der DDR sein Standpunkt, wo Kirche und Staat strikt zu trennen waren.
Führer beherrscht die provokanten Bibelstellen. Zum 30. Jahrestag der DDR predigte er gegen den staatlich verordneten Atheismus über eine Stelle aus Jesaja: „Glaubt ihr nicht, so bleibt ihr nicht.“ Zehn Jahre später war es vorbei mit der DDR. An diesem Montag nimmt Führer ein letztes Mal als Gemeindepfarrer an einem Friedensgebet teil.