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Christdemokraten Die große Stadt

 ·  Seit Jahrzehnten kennen die Christdemokraten das Problem: Sie kommen in den großen Städten nicht mehr an. Das ist schade. Eine Partei mit Sinn für Pragmatismus und christlichem Menschenbild könnte gerade dort anschlussfähig sein.

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Wenn die Grünen ihren Wahlsieg in Stuttgart damit erklären, dass sie wertkonservativ seien, und gleichzeitig die CDU ihre Niederlage damit erklärt, dass sie wertkonservativ sei, kann irgendwas nicht stimmen. Bei der CDU ist das nur noch keinem aufgefallen. Deshalb wiederholte ihr Landesvorsitzender Thomas Strobl die bekannte Diagnose, dass seine Partei, die ja auch immer mal wieder für nicht konservativ genug gehalten wird, nicht progressiv genug sei. Aus dem Politikermund heißt das dann: Sie treffe „das Lebensgefühl der Leute in den Städten nicht mehr“.

Anderthalb Jahre vorher, nach der Niederlage der CDU in Bremen, hatte der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder verlangt: „Es muss das Lebensgefühl in den Großstädten wieder besser getroffen werden.“ Wiederum zehn Jahre eher hatte Angela Merkel eine Arbeitsgruppe „Große Städte“ eingesetzt, die zu dem Ergebnis kam, dass die CDU bei jungen Frauen und Studenten nicht gut ankomme. Ähnliches hatte eine Studie schon im Jahr 1968 zutage gefördert - alles für die Katz: Heute wird gerade noch eine der zehn größten deutschen Städte, Düsseldorf, von einem CDU-Politiker regiert. Und die Partei? Weiß nur, dass sie nichts weiß.

Versuchen wir es also. Erste Möglichkeit: Es liegt an den Personen. Da könnte insofern etwas dran sein, als Bürgermeisterwahlen tatsächlich vor allem Persönlichkeitswahlen sind. Das heißt zwar, dass man jede Wahl isoliert betrachten muss. Wenn es sich aber häuft, dass CDU-Politiker selbst gegen Leute wie Fritz Kuhn, der ja nicht gerade ein Sympathieprotz ist, unterliegen, muss man sich doch fragen: Was sind das für Typen, die sich in der CDU um Posten bewerben? Petra Roth, langjährige CDU-Oberbürgermeisterin von Frankfurt, hat das Ihre dazu gesagt: Karrieristen. Dass mit Boris Rhein genau so einer ihr Nachfolger werden wollte, ließ sie unerwähnt.

Zweite Möglichkeit: die Inhalte. Die können es in Zeiten der modernen Merkel-CDU eigentlich nicht sein. Allerdings hat die Union in den Kommunen einen strukturellen Nachteil, der auf Bundesebene ein Vorteil ist. Sie wird zwar in der Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik für kompetenter gehalten als etwa die Grünen. Vor dem eigenen Haus will man aber doch lieber einen Park als eine Chemiefabrik oder eine Bahnhofsbaustelle.

Dritte Möglichkeit: das Gefühl. Am Berliner Regierenden Bürgermeister sieht man, dass es an die Stelle von politischer Substanz treten kann. Aber Berlin ist nicht der Nabel der Welt, es ist auch nicht Stuttgart, München oder Köln. Der frühere CDU-Oberbürgermeister von Köln, Fritz Schramma, hatte zum Beispiel ein Gefühl für seine Stadt. Nach Berlin hätte er deswegen noch lange nicht gepasst.

Differenzierung ist aber nicht die Sache der CDU. Wenn sie über „die“ Großstadt spricht, hat man immer den Eindruck, als schwebe ihr ein Babylon vor, in dem jeden Tag eine Parade leicht bekleideter Freaks zum Rathaus zieht. Dass in Großstädten aber viele verschiedene Menschen leben, zumal solche, die zufrieden sind, wenn sie einen Arbeitsplatz für sich und einen Krippenplatz für ihre Kinder haben und die lieber auf dem Balkon ihre Blumen hegen als am Hauptbahnhof über Junkies zu stolpern, ist bei der CDU noch nicht angekommen. Im Gegenteil: Sie macht sich nach wie vor eine Großstadtfiktion zu eigen, die ursprünglich vom politischen Gegner stammt, die dieser aber zunehmend hinter sich lässt. Das ist schade. Denn eine Partei, die einen Sinn für Pragmatismus hat und sich in ihrem christlichen Menschenbild auf einen Mann beruft, der wusste, dass die Welt kein CDU-Parteitag ist, könnte gerade in der Großstadt anschlussfähig sein.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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