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Flüchtlinge in Chemnitz : „Der Hass schlägt einem unverblümt entgegen“

  • -Aktualisiert am

Fidda Alimam (links) und Nidda Allbubar im September 2018 in Chemnitz Bild: Yves Bellinghausen

Seit der Messerattacke am vergangenen Sonntag kommt Chemnitz nicht zur Ruhe. Wie fühlen sich Flüchtlinge, die in der Stadt leben? FAZ.NET hat drei von ihnen getroffen.

          Am Samstagvormittag sitzen Anzaf Alimann, seine Frau Fidda und Nidaa Allbubar in einem Park, gleich neben dem Chemnitzer Johannisplatz, und schauen auf den angrenzenden Platz. Gerade fahren hier Lastwagen vor und laden Metallgitter ab, Polizei und Ordnungsamt fahren mit ihren Wagen vor. Die Stadt, die seit Tagen nicht zur Ruhe kommt, bereitet sich auf die nächsten Proteste und Kundgebungen vor. Für den Nachmittag und Abend haben sowohl linke wie auch rechte Bündnisse zu Veranstaltungen aufgerufen. Anzaf und Fidda Alimann sind ein Ehepaar aus Palästina. Er lebt schon seit vier Jahren in Chemnitz und möchte nicht fotografiert werden, sie ist vor einem halben Jahr hier angekommen. Nidaa Albubar kommt aus dem Irak und lebt schon seit sechs Jahren in Chemnitz.

          Verfolgen Sie, was hier in Chemnitz passiert?

          Nidaa: Ja, klar, ich habe alles in den Nachrichten gesehen und als ich las, dass einige Rechte Jagd auf Ausländer machen, da habe ich solche Angst bekommen, dass ich am Montag vorübergehend zu einer Freundin gezogen bin. Die wohnt zwar auch in Chemnitz, aber ich will erstmal nicht mehr allein sein.

          Fidda: Ich habe das alles erst später mitbekommen. Eigentlich wollten meine Frau und ich auf das Stadtfest gehen und haben uns gewundert, dass das schon so früh beendet war. Ich bin in so einer Whatsapp-Gruppe mit anderen Palästinensern in Chemnitz, da wurde das dann auch geteilt. Einige haben gewarnt, man solle hier erstmal nicht auf die Straße gehen, wenn man ausländisch aussieht.

          Nidaa: Das gerade ist schon eine krasse Situation, aber man muss einfach sagen, dass ich Pöbeleien alltäglich erlebe. Dass es irgendwann auch hier mal richtig kracht, kommt für mich nicht überraschend.

          Welche alltäglichen Pöbeleien?

          Nidaa: Erst am vergangenen Samstag, also noch vor dem Stadtfest und der Messerattacke, haben mich beim Bäcker zwei Typen beschimpft. Ich hatte zwei Einkaufstüten in der Hand und die haben mir da drauf geschlagen. So etwas erlebe ich ständig. 2015 wurde ich sogar mal vor den Augen von ein paar Polizisten angepöbelt. Als ich die Polizisten dann gebeten habe, mir zu helfen, haben die nur gelacht.

          Fidda: Ich selbst muss ehrlich sagen, dass ich kaum richtig schlimme Dinge erlebe. Klar, man wird häufiger mal blöd angesprochen, aber ich wurde noch nie körperlich bedroht. Das Wichtigste ist, das mit Lockerheit zu nehmen und das nicht an sich ranzulassen, denn wenn man das alles ernst nimmt, was die Nazis einem sagen, dann fällt man in ein tiefes Loch, aus dem man nicht mehr rauskommt.

          Hat sich die Situation verschlimmert?

          Nidaa: Ja, seit die Flüchtlingsfrage 2015 groß in den Medien war, schlägt einem der Hass häufig viel unverblümter entgegen. Ich glaube, vielen Menschen wäre vor vier Jahren noch einiges peinlich gewesen, was man hier heute freiheraus sagen kann.

          Können Sie das mit anderen Regionen in Deutschland vergleichen?

          Fidda: Ja, letztens war ich in Dortmund, und da ist mir erst klar geworden, dass man als Ausländer in Chemnitz viel mehr angestarrt wird, als anderswo in Deutschland. Das Extrembeispiel ist sicherlich Berlin. Auf der Sonnenallee zum Beispiel habe ich mich sehr wohl gefühlt. Einfach weil ich da nichts Besonderes war, hier hat einen niemand angeguckt. Aber leider haben wir eine Wohnsitzauflage und können nicht einfach in andere Städte ziehen.

          Anzaf, Sie sind vor einem halben Jahr Ihrem Mann Fidda hinterhergereist. Was hat der Ihnen über Deutschland erzählt?

          Anzaf: Er hat mir klar gesagt, dass es hier Probleme gibt, aber man kann das alles nicht mit dem vergleichen, was bei uns zuhause passiert. Hier gibt es Ordnung, Rechtsstaat, Sicherheit.

          Sicherheit?

          Fidda: Ja, für uns ist Sicherheit, wenn du nicht von einem Kampfflugzeug beschossen wirst. Darum sind wir ja hier, das verstehen manche Leute glaube ich nicht. Egal, wie schlimm die Situation in Chemnitz ist oder noch wird: sie ist noch immer tausendfach besser, als zuhause. Denn da sterben wir.

          Woher, denken Sie, kommt Hass mancher Menschen auf Sie?

          Nidaa: Ich glaube, die verstehen häufig nicht, dass wir hier sein müssen. Viele von denen scheinen sich nicht wirklich mit unseren Problemen auseinanderzusetzen, das merkt man daran, dass sie häufig komplett widersprüchliche Positionen vertreten. Zum Beispiel: Wir sollen nicht das deutsche Sozialsystem belasten, aber wir sollen auch nicht arbeiten. Die Leute haben Angst, ein Flüchtling könnte ihnen was tun, dabei sind wir nur hier, weil wir Angst haben, dass man uns tötet. Die sagen, Merkel soll die Grenzen schließen, aber die Grenzen sind schon längst zu.

          Fidda: Ich glaube außerdem, dass manche Leute so tun, als wären wir ein Problem, um von anderen, viel größeren Problemen in diesem Land abzulenken. Zum Beispiel, dass es auch unter Deutschen riesige Ungerechtigkeiten gibt.

          Würden Sie nochmal nach Deutschland fliehen?

          Nidaa: Ich weiß, das klingt jetzt absurd, aber ich würde sagen, dass ich dieses Land hier sehr, sehr gerne mag, trotz allem Schlechten, das mir hier widerfährt. Im Irak, wo ich herkomme, wirst du auf der Straße erschossen, einfach so, weil du gerade am falschen Ort bist, oder du einem falschen Menschen vertraut hast. Die meisten Deutschen wissen, was bei uns zu Hause vorgeht und lassen uns hier leben. Dafür bin ich dankbar.

          Fidda: Ich würde alles tun, für mein Leben und das meiner Frau. Uns geht es ja auch meistens gut hier. Meine Frau geht zur Uni, ich arbeite als Sozialarbeiter. Das ist mehr, als ich mir in Palästina wünschen könnte.

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