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Chemnitz nach den Protesten : Zerschlagenes Vertrauen

  • -Aktualisiert am

Muhammad al Hussein zeigt auf seinem Smartphone das Schild seiner Imbissbude in der Chemnitzer Innenstadt, dass Nachbarn schon vor den Ausschreitungen zerstört haben sollen. Bild: Yves Bellinghausen

Eine Woche mit Ausschreitungen und Tausenden Demonstranten hat Sachsens drittgrößte Stadt überstanden. Irgendwie. Doch für zahlreiche Menschen in Chemnitz liegt vieles in Scherben.

          Seit dem Morgen regnet es über Chemnitz. Ganz so, als wolle die Stadt sich von den Ausschreitungen am Vortag reinwaschen. Die Polizei ist zum Teil mit Gewalt gegen Demonstranten vorgegangen. Später haben Vermummte noch einen Afghanen gejagt und verprügelt, die Polizei ermittelt. Insgesamt wurden 18 Personen verletzt, teilte die Polizei am Sonntagmittag mit. 37 Strafanzeigen seien gestellt worden. Die Zahl könne noch etwas steigen. Noch während die Demonstranten abreisten, kam es immer wieder zu Zusammenstößen, bei denen Polizisten einschreiten mussten. Immer wieder heizte die Lage sich extrem auf. Doch als der Sonntag anbrach, wurde es in Chemnitz langsam ruhig. Endlich wieder ruhig.

          Am Sonntagmorgen, in der Chemnitzer Innenstadt, räumen Arbeiter vereinzelt noch auf, was von der Nacht übriggeblieben ist: Absperrgitter verfrachten sie auf Lastwagen, Polizisten fahren noch immer in Kolonnen durch das ganze Stadtgebiet. Vor der Karl-Marx-Statue an der Brückenstraße, wo am Vortag die Gewalt zu eskalieren drohte, stehen eine Handvoll Fernsehjournalisten, gefilmt von ihren Kameraleuten und berichten in ihre Redaktionen. Hier im Stadtzentrum waren am Vortag viele Reporter bei ihrer Arbeit von rechten Demonstrationsteilnehmern behindert worden. Auch gewaltsam.

          „Wissen Sie, worum es hier eigentlich geht?“

          Drei schwarz gekleidete Männer mustern kurz die Journalisten, einer trägt Sonnenbrille. Dann fotografieren sie sich vor der tonnenschweren Marxplastik und lachen. Auch Touristen posieren an diesem trüben Morgen mit Regenschirmen vor dem Wahrzeichen. Einer von ihnen ist Wolfram König, der mit seiner Lebensgefährtin aus Schleiz in Thüringen angereist ist. Eigentlich wollten die beiden auf ein Rockkonzert gehen, das gestern Abend in Chemnitz stattfand, aber dann gerieten sie ungewollt zwischen die Fronten der Demonstrationszüge.

          „Wissen Sie, worum es hier eigentlich geht?“, sagt König, „um Geld.“ So viele Leute hätten sich in Chemnitz den Rechtspopulisten angeschlossen, weil man im Osten einfach noch immer wie ein Bürger zweiter Klasse behandelt werde. Er habe selbst fünf Jahre lang in Bayern gelebt und 6.000 Euro verdient, so König, „plus Dienstwagen.“ Nun wohne er wieder in Thüringen und verdiene 3.500 Euro, „ohne Dienstwagen.“ Die Leute würden doch merken, dass sie im Osten schlechter behandelt würden als im Westen und ließen ihre Wut an Schwächeren aus. Und das seien nun einmal die Flüchtlinge. „Dabei sind viele Flüchtlinge doch auch nur hier, weil wir mit unserer Politik ihre Heimatländer in Chaos und Armut treiben.“

          „Wir wollen hier in Frieden leben uns sie bewerfen uns mit Flaschen.“ Muhammad al Hussein vor seiner Imbissbude in Chemnitz.

          Ein paar hundert Meter weiter östlich eröffnet einer der Menschen, die vor dem Chaos geflüchtet sind, gerade seine Imbissbude. Muhammad al Hussein und seine Frau sind vor drei Jahren aus Syrien geflüchtet. Jetzt wohnen sie in Chemnitz und verkaufen in ihrer Bude Döner für 2,70 Euro und Grillhähnchen für 5,50 Euro. Gestern haben sie erfahren, dass die Demonstranten der AfD durch ihre Straße marschieren sollten, da hätten sie lieber früher dichtgemacht. Aus Angst vor aggressiven Chemnitzern, sagt er. „Nicht alle Leute in dieser Stadt sind schlecht“, so al Hussein, „aber sehr viele.“ Die Nachbarn würden ihm regelmäßig Glasflaschen auf die Bude werfen.

          Er kramt nach seinem Handy und zeigt Fotos von seinem Budenschild, das kürzlich von einer Glasflasche zerschmettert wurde. Dann wischt er weiter auf seinem Smartphone und zeigt ein Bild mit zwei Kindern: ein Junge und ein Mädchen. „Das sind meine Kinder. Sie sind tot. Gestorben in Syrien.“ Al Hussein wendet sich zu seiner Frau. Schweigen. Dann fährt er fort. Sie hätten noch sechs weitere, sagt Muhammad. „Wir wollen, dass sie leben können, und die Menschen hier bewerfen uns mit Flaschen.“ Sobald in Syrien Frieden herrsche, wolle er zurück.

          Viele Bürger, die ihren Namen nicht im Internet lesen möchten, erzählen an diesem Wochenende, es sei ihnen peinlich, wie ihre Stadt mittlerweile wirke. Einige Unternehmen aus Chemnitz haben sich zusammengetan, um Anzeigen in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und der Samstagsausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ zu schalten. „Chemnitz ist weder grau noch braun“, heißt es dort.

          Wie sich die Lage nun weiterentwickeln wird, ist kaum abzusehen. AfD, Pegida und das rechtspopulistische Bürgerbündnis „Pro Chemntiz“ haben bislang keine weiteren Proteste angekündigt. Am Sonntag finden nur zwei kleinere Demonstrationen, die Zeichen setzen wollen gegen Fremdenhass. Am Montag geben hier „Die toten Hosen“ und eine Reihe weiterer Musikgruppen ein Gratiskonzert, um gegen Rechtsextremismus und Rassismus zu protestieren. Ullrich Weitger* und Lars Markonmann* bauen gerade im Regen die Bühne dafür auf. Ihre echten Nachnamen möchten sie lieber nicht nennen. Eigentlich, sagt Weitger, sei er ja links, aber auf den linken Demos würden ja auch immer mehr Leute durchdrehen. Das sei ja das eigentliche Problem: „In Städten wie Chemnitz kann man kaum noch links oder rechts sein.“ Vielen Leute ginge es hier so miserabel, dass sie nur noch im Linksextremen oder Rechtsextremen eine Lösung sehen würden. „Vielleicht brauchen wir ein bedingungsloses Grundeinkommen“, fügt er nachdenklich an. Damit die Leute genug Geld haben, um wieder zu Verstand zu kommen.

          *Nachnamen von der Redaktion geändert

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