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Bush-Besuch Pommernblau und Stralsundrot

10.07.2006 ·  Am Mittwoch kommt George W. Bush nach Stralsund. Das dürfte ihn begeistern, auch wenn die Innenstadt komplett abgesperrt ist. Da findet er das alte Europa, wie es der Amerikaner träumt - mit engen Gassen und viel Mittelalter.

Von Frank Pergande
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Ob die Amerikaner und besonders ihr Präsident an so vielen Verrücktheiten ihren Spaß haben? Eine konservative Bundeskanzlerin lädt den konservativen George W. Bush und seine First Lady in ihren ostdeutschen Wahlkreis ein.

Der liegt in der nordostdeutschen Ecke der Bundesrepublik, mit Grenze zu Polen. Die Gegend war mal hinter dem Eisernen Vorhang, sozialistisch also. Jetzt gehört die Gegend zu einem Bundesland, in dem Bush einem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten die Hand drücken wird, der von Konservativen im allgemeinen und von Frau Merkel im besonderen nicht viel hält. Dessen Regierungspartner ist seit 1998 die SED-Nachfolgepartei. Die drei Minister von der Linkspartei seiner Regierung wollen sich an der Demonstration gegen Bushs Besuch, einem "Friedensfest" in Greifswald, beteiligen. Zur eigentlichen Anti-Bush-Demonstration in Stralsund werden am 13. Juli fünftausend Leute erwartet - so viele, wie das Bundesland Polizisten hat. Auch im kommenden Jahr, wenn im Seebad Heiligendamm das Gipfeltreffen der führenden Industrienationen sein wird, wollen die roten Minister zu den Gipfel-Gegnern gehören. Ist das nicht skurril?

„Der Kriegstreiber kommt“

Es mag nun viele Leute geben, die sich freuen, daß der amerikanische Präsident nach Mecklenburg-Vorpommern kommt. Sogar die Grünen in Stralsund finden das gut. Vielleicht gibt es eine schweigende Mehrheit, die Bush ehrlichen Herzens begrüßt. Ausgesprochen lärmend aber sind die Bush-Gegner. Sie bestimmen auch die öffentliche Meinung. Ihre zentralen Botschaften lautet: "Der Kriegstreiber kommt." Am Greifswalder Museumshafen, nur ein paar Kilometer von Stralsund entfernt, steht seit einigen Tagen eine Freiheitsstatue, die einen provozierend gereckten Mittelfinger zeigt. Die ist zwar nur Theaterdekoration, wird jetzt aber als Sinnbild genommen und viel fotografiert.

Das erste, was die Schweriner Landesregierung über die Besuchsankündigung zu sagen hatte: Wir können das nicht bezahlen. Die erfahrene Politikerin Merkel weiß aber nicht nur, was sie mit der Einladung zu einem Zeitpunkt getan hat, da in Mecklenburg-Vorpommern der Landtagswahlkampf beginnt. Sie genießt auch die kleinen Fehden mit der ungeliebten Schweriner Regierung. Der CDU-Oberbürgermeister von Stralsund, Harald Lastovka, etwa wußte eher von Bush als der Ministerpräsident. Womit wir beim Besuchsprogramm wären.

Der Präsident soll auf dem Flugplatz Rostock-Laage ankommen. Noch nie ist dort eine Boeing 747 gelandet. Es starten und landen überhaupt wenige Flugzeuge dort. Es gibt in Mecklenburg-Vorpommern keinen Bedarf an Luftverkehr. Zweimal übernachten wird der Präsident vom 12. bis zum 14. Juli im Kempinski-Hotel in Heiligendamm in den strahlend weißen Gebäuden direkt am Meer. Da kann er dann den Osten erleben: Um das Grand Hotel herum sieht es nämlich noch ziemlich wüst aus. Auch Stralsund wird der amerikanische Präsident besuchen. Das dürfte ihn begeistern, auch wenn die Innenstadt komplett abgesperrt ist. Da findet er das alte Europa, wie es der Amerikaner träumt - mit engen Gassen und Giebelhäusern, viel Backstein und viel Mittelalter.

Grillen beim Trinwillershagener Wirt

Zweite Station wird ein Dorf sein. Grillen mit dem amerikanischen Präsidenten in Trinwillershagen! Der Ort westlich von Stralsund galt schon in sozialistischer Zeit als Modelldorf. Otto Grotewohl war hier, Wilhelm Pieck, mehrere Mitglieder des sowjetischen Politbüros. Eine Lokalzeitung titelte: "George Bush auf Ulbrichts Spuren". Grotewohl, Ulbricht - alles Namen, die Bush nichts sagen, wohl aber den Leuten, die dort wohnen. "Es hat sich halt herumgesprochen, daß wir gute Gastgeber sind", sagt der Bürgermeister. Wildschwein- und Rehbraten am Spieß soll es geben. Beim Trinwillershagener Wirt.

An Wildschweinen und Rehen ist in der Gegend kein Mangel, überhaupt an Wild. Seit es mit der giftigen DDR vorbei ist, klappt es auch wieder mit dem ökologischen Gleichgewicht. Leider wandern im selben Maße, wie der Tierbestand steigt, die Menschen aus. Wenn im nächsten Jahr nach soviel allerhöchster Werbung für Vorpommern die Amerikaner in Busladungen kämen, wären vermutlich sogar die Bush-Gegner mit Bush versöhnt. Der Norddeutschen Fahnen GmbH in Stralsund hat Bush schon jetzt viele Aufträge gebracht. Stars and stripes in allen Varianten. In der Schneiderei werden die Farben der amerikanischen Flagge lokalpatriotisch bezeichnet: Pommernblau und Stralsundrot.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.07.2006, Nr. 26 / Seite 12
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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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