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Bundeswehr : Was junge Rekruten mit Kindersoldaten gemein haben

Rekruten der Bundeswehr im September 2016 auf der Niederburg in Kranichfeld (Thüringen) Bild: dpa

Immer mehr Bundeswehr-Soldaten sind minderjährig. Vertreter der Linken und der evangelischen Kirche schlagen Alarm. Zu Recht? Eine Analyse.

          Sie zählen zu den bemitleidenswertesten Gestalten in Kriegen und Konflikten: Kindersoldaten. Berichte und Reportagen über sie sind Legion. Auf bis zu 250.000 schätzt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen ihre Zahl – dem Zusatzprotokoll der UN-Kinderrechtskonvention von 2002 zum Trotz, in dem sich 166 Staaten dazu verpflichtet haben, sie nicht mehr einzusetzen. Die Realität sieht anders aus. Nach wie vor sind Kindersoldaten in den Händen von Kriegsfürsten und Militärs Sklaven der Gewalt. Mit Drogen betäubte, manipulierte Mordwerkzeuge, für die kein Weg mehr in ein friedliches Leben führt. Das ist schlimm, sehr schlimm. Aber was hat die Bundeswehr damit zu tun?

          Stein des Anstoßes sind Zahlen, die das Verteidigungsministerium am Dienstag auf Anfrage der Linkspartei veröffentlichte und über die zuerst die „Rheinische Post“ berichtete. Sie dokumentieren zwei Aspekte, von denen der erste seit langem bekannt ist: Erstens rekrutiert die Bundeswehr Minderjährige. Zweitens ist ihre Zahl 2017 auf ein Rekordniveau gestiegen. 2128 sollen es vergangenes Jahr gewesen sein. Das ist umgerechnet auf die jüngste Truppenstärke gut jeder Hundertste.  Die jüngste Zahl stellt keinen Ausreißer dar, sie ist Teil eines längerfristigen Trends. Seitdem der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in einer Hauruck-Aktion die Wehrpflicht beendete, hat sich die Zahl der minderjährigen Soldaten ungefähr verdreifacht. Schon 2016 war ein Spitzenwert erreicht worden.

          Entsprechend waren die kritischen Reaktionen auf die nun am Dienstag öffentlich gewordenen Zahlen so vorhersehbar wie eine Truppenschau des deutschen Heeres. Moderat äußerte sich der Wehrbeauftragte des Bundestages. 17 Jahre alte Rekruten einzustellen dürfe nicht die Regel werden, sagte Hans-Peter Bartels (SPD), dem die Gründe für die Bundeswehr-Personalpolitik bestens geläufig sind. „In der Regel sollten Bewerber für die Bundeswehr 18 sein“, so das langjährige Mitglied des Verteidigungsausschusses. Offenkundig wissend, dass er damit auch stillschweigend etwas über seine Sicht auf die Ausnahmen verriet.

          Deutlich schärfer reagierten Vertreter der Linkspartei und der evangelischen Kirche. So warf die Entwicklungsexpertin Evrim Sommer Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) vor, diese habe „offenbar keine Skrupel“, die Nachwuchsgewinnung immer weiter vorzuverlegen. Mehr noch: Solange Deutschland selbst Minderjährige rekrutiere, könne es andere Staaten dafür nicht glaubwürdig kritisieren. „Die Bundeswehr gefährdet ihre eigenen Bemühungen zur internationalen Ächtung des Einsatzes von Kindersoldaten“, sagte Sommer FAZ.NET. Deutschland begebe sich damit auf das Niveau von Saudi-Arabien. Militärische Ausbildung sei kein „Abenteuerspiel.“

          Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK), Christoph Münchow. Er nannte die Zahlen gegenüber dem Evangelischen Pressedienst „erschreckend“. Von „Doppelmoral“ sprach er mit Blick auf Deutschlands Engagement gegen den Einsatz von Kindersoldaten. Wird im Verteidigungsministerium also das Geschäft von Kriegsfürsten betrieben?

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          Unbestreitbar ist, dass es sich bei den Kindersoldaten weltweit wie auch bei den jüngsten Soldaten in Deutschland um Minderjährige handelt, die auch in der Handhabung von Waffen ausgebildet werden. Damit hören die Gemeinsamkeiten allerdings schon auf. Die Rekruten der Bundeswehr sind mindestens 17 Jahre alt. Laut den Zahlen der Bundeswehr waren nach der sechs Monate langen Probezeit von den 2128 Rekrutinnen und Rekruten bis auf 90 alle volljährig. Die Zahlen kommen also im Wesentlichen durch eine Unterschreitung von einem halben Jahr zustande.

          Große Unterschiede zu Kindersoldaten

          Auch beim Einsatz gibt es große Unterschiede. Während Kindersoldaten weltweit zum Töten gezwungen werden, verbietet die Bundeswehr Situationen, in denen Rekruten unter 18 ihre Waffe gegen Menschen richten müssten. Sie dürfen an keinen Auslandseinsätzen teilnehmen, und selbst der Einsatz im Wachdienst von Bundeswehr-Liegenschaften ist verboten. Erlaubt ist jedoch die Ausbildung an Waffen, auch mit scharfer Munition.

          Überschneidungen gibt es hingegen zwischen der Bundeswehr und den übrigen Arbeitgebern in Deutschland. Nach Auskunft des Verteidigungsministeriums verlassen drei Viertel aller Jungen und Mädchen die Schulen, bevor sie 18 Jahre alt sind. Zivile Unternehmen stellen sie dann ebenso als Auszubildende ein wie Organisationen und staatliche Stellen inklusive der Polizei, bei der ebenfalls junge Menschen an Schusswaffen ausgebildet werden. 17-jährige, die zur Bundeswehr wollen, brauchen zusätzlich eine Einverständniserklärung ihrer Eltern.

          Damit gleicht die Situation der in den Vereinigten Staaten. Die britischen Streitkräfte stellen gar bereits Bewerber ein, die erst 16 Jahre alt sind. Allerdings haben andere Nato-Partner wie Spanien, Polen und Italien das Eintrittsalter ihrer Armeen inzwischen auf mindestens 18 Jahre angehoben.

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