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Bundeswehr Unerwartet viele Freiwillige

 ·  Nach holprigem Start geht es voran mit der Rekrutierung von Soldaten für die Bundeswehr. Die befürchtete Not nach dem Wegfall von Wehr- und Zivildienst ist nicht eingetreten.

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© dpa Die Erwartungen des Verteidigungsministers wurden weit übertroffen: Mehr als 10.000 freiwillige Wehrdienstleistende sind seit einem halben Jahr in der Bundeswehr.

In dieser Woche haben rund 2850 junge Menschen ihren Wehrdienst in der Bundeswehr angetreten. Sie dienen freiwillig - daher sind auch 170 Frauen dabei - für bis zu 23 Monate in der neuen Dienstform, die vor einem halben Jahr die Wehrpflicht abgelöst hat. Insgesamt sind nun mehr als 10.000 freiwillige Wehrdienstleistende seit einem halben Jahr in der Bundeswehr. Mindestens 5000 hatte sich Verteidigungsminister de Maizière (CDU) vorgenommen, als er das neue Konzept verkündet hat. Er hat sich die Latte damit aus guten Gründen niedrig gelegt; aber immerhin, die Bundeswehr hat sie deutlich übersprungen. Bis zu 15.000 dürften es nach den Vorgaben des Ministers werden, doch in dieser Größenordnung rechnet er offenbar selbst nicht damit. Im Haushalt sind Mittel für 12.500 Stellen eingeplant.

Auch der Zivildienst, der als Ersatzdienst gemeinsam mit der Wehrpflicht sein Ende gefunden hatte, hat einen Nachfolger. Der Bundesfreiwilligendienst hat eine weitaus bessere Anfangsbilanz, als viele ihm prophezeit hatten. Zum 1. Januar 2012 gebe es schon jetzt 1400 neue Anträge, sagt der Leiter des Arbeitsstabes Freiwilligendienste im Familienministerium, Kreuter. Nach den bisherigen Erfahrungen dürften das noch mehr werden. In den letzten Monaten sei immer „eine ganze Anzahl“ von Verträgen rückwirkend eingegangen; offensichtlich entschieden sich viele sehr kurzfristig für den Dienst, sagt Kreuter. „Insgesamt haben wir mehr als 30.000 Verträge gesehen.“ Ministerin Schröder (CDU) hat hier die Zielmarke von 35.000 gesetzt, und alles spricht dafür, dass das Ziel im Laufe dieses Jahres auch erreicht wird.

Keine „Rohrkrepierer“

Auch wenn es für eine seriöse Leistungsbilanz zu früh ist, lässt sich mithin nach einem halben Jahr sagen, dass die beiden Freiwilligenformate angenommen werden. Sie sind nicht die „Rohrkrepierer“, die im Juli 2011 von Kommentatoren und der politischen Opposition diagnostiziert worden sind. Freilich war der Start holprig. Die ersten Wehrdienstleistenden konnten quasi vom Minister per Handschlag begrüßt werden, und beim zivilen Freiwilligendienst hakte es noch mehr.

Der Grund liegt auf der Hand. Erst im letzten Moment war auch nur eine Rechtsgrundlage für sie geschaffen worden, damit nach dem Ausscheiden der letzten Wehrpflichtigen ohne Lücke eine Anschlussmöglichkeit vorhanden war. Es gab keine Überlappung, von einer längeren Vorbereitungszeit, wie sie für eine solche Reform nötig wäre, ganz zu schweigen.

Beim zivilen Bundesfreiwilligendienst kam zweierlei erschwerend hinzu. Zum einen gibt es für junge Leute, die sich hier engagieren wollen, weiterhin die von den Bundesländern verantworteten und verwalteten Jugenddienste „Freiwilliges Soziales Jahr“ (FSJ) und „Freiwilliges Ökologisches Jahr“ (FÖJ). Solange die Rahmenbedingungen für den Bundesdienst unklar waren, strebte die Mehrzahl der Bewerber daher dorthin. Zumal es zunächst vorgesehen war, dass die Vergütung beim Bundesdienst mit dem Kindergeld verrechnet würde. Auch die Träger wollten Plätze vor allem über die bewährten Jugenddienste anbieten.

Erst im Spätsommer waren die rechtlichen Rahmenbedingungen geklärt, die Verrechnung mit dem Kindergeld ist entfallen, und außerdem setzte das Bundesfamilienministerium den Trägerverbänden das Messer auf die Brust: die Bundesmittel für die Jugenddienste werde es nur geben, wenn auch Bundesfreiwilligendienst-Stellen im Verhältnis zwei zu drei besetzt würden. Nach diesem sizilianischen Angebot war eine Einigung bald gefunden, und die zeitweilige Empörung hat sich schnell gelegt. Von der Vervierfachung der Bundesmittel profitieren auch die Verbände. Querelen gab und gibt es noch wegen der Bildungsstellen. Verbände fürchteten, dass die Stellen des einstigen Bundesamts für Zivildienst ihre eigene Bildungsarbeit marginalisieren würden. Bei dieser Diskussion muss man aber auch betrachten, dass es um viel Geld geht. Von einem „Geschäft in dreistelliger Millionenhöhe“ spricht Kreuter. Allein 80 Millionen Euro beträgt der Bundeszuschuss für die pädagogische Begleitung von FÖJ und FSJ.

„Der Wegfall des Zivildienstes ist kompensiert“

Entsprechend zufrieden hat sich die Familienministerin jetzt geäußert: „Als wir den Bundesfreiwilligendienst eingeführt haben, sind wir auch ein Wagnis eingegangen“, kommentierte Frau Schröder die Halbjahresbilanz. „Da gab es viele Zweifler. Deshalb freue ich mich sehr, heute sagen zu können: Es hat funktioniert.“ Auch von Seiten der Verbände klingt das Echo inzwischen weithin positiv. Die Freiwilligendienste insgesamt, also Bundesdienst und Jugenddienste, hätten sich so gut entwickelt, dass er damit rechne, dass in diesem Jahr insgesamt 70000 Menschen darin tätig sein werden, meint der Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Graf Waldburg-Zeil.

„Der Wegfall des Zivildienstes ist damit kompensiert.“ Die neue Möglichkeit für ältere Menschen, den sozialen Dienst zu leisten, wird offenbar ebenfalls angenommen. Beim DRK machen sie rund zehn Prozent aus. Dass die Bilanz beim Wehrdienst nicht so positiv ist, hängt mit der großen Zahl an Abbrechern zusammen. Von denen, die vor einem halben Jahr begonnen haben, sind inzwischen 27,7 Prozent wieder gegangen. Das Recht, innerhalb der ersten sechs Monate zu kündigen, steht ausdrücklich in den Verträgen - es gilt für die Soldaten ebenso wie für den Arbeitgeber. Auf Betreiben der Bundeswehr ist ein Fünftel von ihnen weggeschickt worden, in erster Linie, weil sie dem Dienst körperlich nicht gewachsen waren. Die anderen aber gingen von sich aus. „Die Zahlen sind hoch“, gestand de Maizière kürzlich in der „Frankfurter Rundschau“.

Verschiedene Gründe könnten für die Abbrecher eine Rolle spielen. Viele haben ein anderes berufliches Angebot erhalten, oder Abiturienten erhielten plötzlich einen Studienplatz. Dass es dieses Jahr durch die Verkürzung der Schulzeit einen „doppelten“ Abiturjahrgang gegeben hat, mag diesen Effekt verstärkt haben. Die Universitäten waren dem Ansturm kaum gewachsen und setzten viele Bewerber erst mal auf Wartelisten. Andererseits ist ungewiss, wie sehr diese Sonderkonjunktur auch den ursprünglichen Zuspruch zum Wehrdienst beeinflusst hat. Jedenfalls ist die Abbrecherquote bei denen, die am 1. Oktober angetreten sind, bislang niedriger, sie beträgt 17 Prozent. Ein Vergleich wird aber erst im März möglich sein. Im Durchschnitt haben sich die Bewerber für 15 Monate verpflichtet - also die Wehrdienstzeit, wie sie (als Pflicht) bis Anfang der neunziger Jahre galt.

De Maizière tröstet sich damit, dass die Jobabbrecherquote in der Wirtschaft auch bei 20 bis 25 Prozent liege. Vergleicht er den Wehrdienst allerdings mit dem zivilen Freiwilligendienst, dann sieht die Sache schon anders aus. Dort quittieren sieben Prozent vorzeitig den Dienst. „Das ist nach meiner Einschätzung sensationell wenig,“ findet Kreuter.

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Jahrgang 1968, politischer Korrespondent für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

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