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Diskussion um Bundeswehr : Traditionspflege ermöglicht Modernität

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Workshop zum Traditionserlass: Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) kommt im August 2017 an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg an. Bild: dpa

Was bedeutet der Traditionserlass für die Bundeswehr? Ein Anknüpfen an Vorgängerorganisationen ist heikel, reine Selbstreferenz aber reicht nicht. Ein Gastbeitrag.

          Die uns alle betreffende Frage, welche Rolle Tradition in einer sich schnell verändernden Welt spielen kann und spielen soll, stellt sich auch für das Militär – und für die Bundeswehr stellt sie sich mit besonderer Dringlichkeit. Da ist zunächst der Umstand, dass das Militär im 20. Jahrhundert zum Treiber des technischen Fortschritts geworden ist. Ist da eine ausgeprägte Traditionspflege nicht hinderlich?

          Bekanntlich ist immer wieder naserümpfend festgehalten worden, die Generäle würden die Konflikte von gestern aufbereiten, um den Herausforderungen von morgen gewachsen zu sein, was, so der Subtext dieser Feststellung, nicht gut gehen könne. Ist Traditionspflege also wesentlich eine modernitätsaverse Blickfixierung auf die Vergangenheit?

          Man kann dagegen einwenden, Traditionsbewusstsein sei geradezu die Voraussetzung für Zukunftsoffenheit, und es gelte die paradoxe Formel, wonach man sich umso mehr Zukunftsoffenheit leisten könne, je gewisser man sich in seiner Herkunft sei. Die Philosophen Odo Marquardt und Hermann Lübbe haben diesen Gedanken der Ausbalancierung von Zukunftszugewandtheit und Herkunftswissen zur Leitformel liberalkonservativen Denkens erhoben. Auf den aktuellen Zustand der deutschen Streitkräfte bezogen, kommt dieser Formel diagnostische Qualität zu: der Tapsigkeit bei der Einführung neuer Waffensysteme entspricht die auffällige Unsicherheit bei der Traditionspflege.

          Wenn richtig ist, dass Zukunftsgewissheit und Traditionspflege nicht in einem Gegensatz, sondern in einem Ergänzungsverhältnis zueinander stehen, dann ist Vergewisserung über die Vergangenheit eine Voraussetzung für die Fähigkeit, sich ständig verändernden Herausforderungen zu stellen und darauf schnell zu reagieren.

          Zugespitzt formuliert: Der Zweck der Traditionspflege ist, Modernität zu ermöglichen. Es geht also nicht um nostalgische Folklore oder eine politisch heikle Erinnerung an vergangene Heldentaten, sondern um das kollektiv-psychologische Gleichgewicht einer Organisation, die sich wie kaum eine andere der Zukunft zu stellen hat. Das jedenfalls ist der politiktheoretische Blick auf die Arbeit am neuen Traditionserlass der Bundeswehr.

          Bundeswehr seit ihrer Gründung in kein Gefecht verwickelt

          Das Problem dabei besteht darin, dass es kaum ein schwierigeres Terrain als die deutsche Militärgeschichte gibt – und das nicht nur wegen der Verbrechen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, sondern auch darum, weil es ein deutsches Heer eigentlich erst seit 1919 mit Gründung der Reichswehr gibt.

          Geeignet als Vorbild für die Bundeswehr? August Neidhardt von Gneisenau brachte die Idee vom „Staatsbürger in Uniform“ hervor.

          1914 noch sind die Deutschen mit einem preußischen, einem sächsischen, einem bayerischen und einem württembergischen Heer in den Krieg gezogen. Wenn Scharnhorst, Gneisenau und Clausewitz als Bezugspersonen der Traditionspflege aufgerufen werden, sollte nicht vergessen werden, dass sie preußische Offiziere waren, die auch gegen deutsche Truppen, nämlich die der Rheinbundstaaten, gekämpft haben.

          Auf die Traditionen der Reichsarmee vor 1803 zurückzugreifen, wie zuletzt in dieser Zeitung vorgeschlagen, ist wenig attraktiv, denn diese Reichsarmee war ein Kompositum der Reichsstände, an die sich genauso wenig anknüpfen lässt wie an die Reichswehr, die sich in Distanz zur Weimarer Demokratie als „Staat im Staate“ verstand.

          Auf einem der zur Vorbereitung des neuen Traditionserlasses durchgeführten Workshops ist darum vorgeschlagen worden, die inzwischen mehr als sechzigjährige Geschichte der Bundeswehr selbst zum Zentrum der Traditionspflege zu machen. Dem folgt der neue Traditionserlass in seiner Grundausrichtung. Es ist aber klar, dass die Selbstreferenz der Bundeswehr für eine Traditionspflege nicht genügt, die „Herz und Kopf“ eines jeden Soldaten ergreifen soll.

          Neben seiner politischen Passförmigkeit sollte ein Traditionserlass auch diesem Imperativ genügen. Seit ihrer Gründung nämlich war die Bundeswehr, verglichen mit Amerikanern, Briten und Franzosen, nur in wenige Kampfhandlungen verwickelt. Politisch ist das ein Glücksfall, der indes eine Leerstelle bei der Traditionsbildung zur Folge hat. Diese Leerstelle lässt sich nicht schließen. Sie steht für die Verwerfungen und Katastrophen der deutschen Geschichte.

          Doch auch in den dunkelsten und dunkleren Phasen der deutschen Geschichte hat es Männer (und Frauen) gegeben, die Mut und Tapferkeit aufgebracht haben, um für nach wie vor anschlussfähige Werte einzustehen und ihr Leben dafür einzusetzen. Das gilt sowohl für die Wehrmacht als auch für die Nationale Volksarmee der DDR, die im neuen Traditionserlass nicht gleichgesetzt, aber in ihrer Gesamtheit als nicht traditionsfähig behandelt werden.

          Umso wichtiger ist hier der Blick auf Einzelne, die sich den politischen Vorgaben nicht nur entzogen, sondern ihnen entgegengestellt haben. Auch und gerade solche Formen des Mutes und notfalls der Selbsthingabe können für die Armee einer Demokratie vorbildhaft sein.

          In einer früheren Version dieses Beitrages hieß es, die Bundeswehr sei seit ihrer Gründung, abgesehen vom so genannten Karfreitagsgefecht in Afghanistan, in keine Kampfhandlungen verwickelt gewesen. Diese Aussage ist falsch.

          Herfried Münkler ist Professor für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er hat den dritten Workshop des Bundesministeriums der Verteidigung zur Überarbeitung des Traditionserlasses am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr moderiert.

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