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Bundeswehr : Kollateralschaden zu Weihnachten

Die bestellten Gedenk-Medallien für die Marine-, Isaf- und Kfor-Soldaten der Bundeswehr Bild:

Statt Schokolade sollten die Soldaten zu Weihnachten eine Medaille bekommen. Die wurde aber wertlos, denn ihre Rückseite zierte eine Unterschrift des mittlerweile gefeuerten Generalinspekteurs Schneiderhan. Nun sitzt der Hersteller auf einer Tonne Schrott.

          Die Temperaturen in Djibouti liegen Weihnachten bei 30 Grad Celsius. Die Bundeswehrsoldaten, die dort stationiert sind, sonnen sich in der dienstfreien Zeit schon mal auf dem Deck ihres Schiffs. Für Schokoladenweihnachtsmänner ist Djibouti ein todbringendes Fleckchen Erde. Man mag sich gar nicht vorstellen, was ein Soldat empfindet, der im Namen Deutschlands und der freien Welt den Heiligen Abend einige tausend Kilometer von seiner Familie entfernt erleben muss und von seinem Dienstherrn einen Pappkarton zugesandt bekommt, in dem er einen billigen Kugelschreiber, eine Taschenlampe und einen verklumpten Schokoweihnachtsmann vorfindet.

          Eckart Lohse

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Auch die Frauen der Soldaten finden das schon lange nicht mehr komisch. Eine besonders couragierte fasste sich im vorigen Jahr beim Empfang der Bundeskanzlerin für die Angehörigen der Soldaten im Auslandseinsatz ein Herz und klagte Angela Merkel ihr Leid. Die Angelegenheit erreichte das damals noch von Frau Merkels Parteifreund Franz Josef Jung geführte Verteidigungsministerium. Dort kennt man seit langem die Klagen über die lieblosen, mit willkürlich zusammengestelltem Plunder bestückten Weihnachtspakete. Auch Wolfgang Schneiderhan, seinerzeit Generalinspekteur, war im Bilde. Schnell war der Beschluss gefasst. Ein würdiges Geschenk muss her.

          Gesamtvolumen: 30.650 Euro

          Im vergangenen Herbst stand fest: Eine Weihnachtsmedaille soll künftig Schokoweihnachtsmänner und Kugelschreiber ersetzen. Die drei Millimeter dicken und im Durchmesser 45 Millimeter messenden Taler sollten in blaue Samtetuis verpackt werden und zusammen mit einem Brief des Generalinspekteurs und einer Weihnachts-CD in die Einsatzgebiete versandt werden. 4310 Stück waren für Afghanistan vorgesehen, 2790 für Eufor- und Kfor-Soldaten auf dem Balkan oder in Afrika, 820 für die Marinesoldaten des Unifil-, des OEF- und des Atalanta-Mandates und schließlich 60 Stück für Bundeswehrsoldaten, die Weihnachten in einer Mission der Vereinten Nationen, der Europäischen Union oder der OSZE verbringen müssen. Der Auftrag für die 7980 Medaillen wurde ausgeschrieben. Am 1. Oktober 2009 erhielt das kleine Unternehmen „derTaler“ in Münster den Zuschlag. Gesamtvolumen: 30.650 Euro.

          Die Rückseite ziert die Unterschrift von Wolfgang Schneiderhan
          Die Rückseite ziert die Unterschrift von Wolfgang Schneiderhan :

          Keiner derjenigen, die damals an dem Vorgang beteiligt waren, konnte ahnen, dass an jenem 1. Oktober ein Wettlauf gegen die Zeit beginnen würde, der nicht nur mit den Produktionsprozessen der Medaillen zu tun hatte, sondern auch mit der großen Politik. Denn von da an waren es nur noch 55 Tage bis zu jenem 25. November, an dem Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg Generalinspekteur Schneiderhan rausschmeißen würde. Auf den Medaillen sollte sich aber neben der Bezeichnung des Einsatzkontingentes und dem Schriftzug „Weihnachten 2009“ die Unterschrift Schneiderhans befinden, eingerahmt von den Worten „Der Generalinspekteur der Bundeswehr“.

          Doch erst einmal stand den Medaillen ganz anderes im Weg. Das kleine Unternehmen in Münster ging kräftig in Vorleistung. Unaufgefordert und auf eigene Kosten stellte es Muster der Medaillen her. Das kostete zwar Zeit, schaffte aber die Sicherheit, dass auch das ge- wünschte Produkt hergestellt würde. Immerhin war ein Puffer von zehn Tagen eingeplant. Die Firma derTaler vergab den Auftrag für die Herstellung der Münzen nach China an ein Unternehmen, mit dem man seit zwei Jahren problemlos zusammenarbeitete. Die termingerechte Auslieferung zum 14. November war zugesichert. Die Münsteraner hatten die Kosten für Produktion, Verpackung und Versand komplett im Voraus bezahlt.

          Dann fiel bei den Chinesen der Strom aus. Der Galvanisierungsprozess kam ins Stocken, der Zeitpuffer schmolz dahin wie Schokoweihnachtsmänner in der Sonne. Die Bundeswehr zeigte sich großzügig. Sie gewährte einen Lieferaufschub bis zum 20. November. Das Unternehmen aus Münster hatte die Zusage seines chinesischen Zulieferers, dass der Versand am 17. November stattfinden solle. Um nach Ankunft der Medaillen in Deutschland keine Zeit zu verlieren, hatten die Leute von derTaler alle 7980 Pakete vorgepackt. Sieben Stunden würde der letzte Arbeitsschritt nach dem Erhalt der Medaillen noch brauchen.

          Die Freude währte nicht lange

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