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Bundeswehr Kollateralschaden zu Weihnachten

31.01.2010 ·  Statt Schokolade sollten die Soldaten zu Weihnachten eine Medaille bekommen. Die wurde aber wertlos, denn ihre Rückseite zierte eine Unterschrift des mittlerweile gefeuerten Generalinspekteurs Schneiderhan. Nun sitzt der Hersteller auf einer Tonne Schrott.

Von Eckart Lohse
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Die Temperaturen in Djibouti liegen Weihnachten bei 30 Grad Celsius. Die Bundeswehrsoldaten, die dort stationiert sind, sonnen sich in der dienstfreien Zeit schon mal auf dem Deck ihres Schiffs. Für Schokoladenweihnachtsmänner ist Djibouti ein todbringendes Fleckchen Erde. Man mag sich gar nicht vorstellen, was ein Soldat empfindet, der im Namen Deutschlands und der freien Welt den Heiligen Abend einige tausend Kilometer von seiner Familie entfernt erleben muss und von seinem Dienstherrn einen Pappkarton zugesandt bekommt, in dem er einen billigen Kugelschreiber, eine Taschenlampe und einen verklumpten Schokoweihnachtsmann vorfindet.

Auch die Frauen der Soldaten finden das schon lange nicht mehr komisch. Eine besonders couragierte fasste sich im vorigen Jahr beim Empfang der Bundeskanzlerin für die Angehörigen der Soldaten im Auslandseinsatz ein Herz und klagte Angela Merkel ihr Leid. Die Angelegenheit erreichte das damals noch von Frau Merkels Parteifreund Franz Josef Jung geführte Verteidigungsministerium. Dort kennt man seit langem die Klagen über die lieblosen, mit willkürlich zusammengestelltem Plunder bestückten Weihnachtspakete. Auch Wolfgang Schneiderhan, seinerzeit Generalinspekteur, war im Bilde. Schnell war der Beschluss gefasst. Ein würdiges Geschenk muss her.

Gesamtvolumen: 30.650 Euro

Im vergangenen Herbst stand fest: Eine Weihnachtsmedaille soll künftig Schokoweihnachtsmänner und Kugelschreiber ersetzen. Die drei Millimeter dicken und im Durchmesser 45 Millimeter messenden Taler sollten in blaue Samtetuis verpackt werden und zusammen mit einem Brief des Generalinspekteurs und einer Weihnachts-CD in die Einsatzgebiete versandt werden. 4310 Stück waren für Afghanistan vorgesehen, 2790 für Eufor- und Kfor-Soldaten auf dem Balkan oder in Afrika, 820 für die Marinesoldaten des Unifil-, des OEF- und des Atalanta-Mandates und schließlich 60 Stück für Bundeswehrsoldaten, die Weihnachten in einer Mission der Vereinten Nationen, der Europäischen Union oder der OSZE verbringen müssen. Der Auftrag für die 7980 Medaillen wurde ausgeschrieben. Am 1. Oktober 2009 erhielt das kleine Unternehmen „derTaler“ in Münster den Zuschlag. Gesamtvolumen: 30.650 Euro.

Keiner derjenigen, die damals an dem Vorgang beteiligt waren, konnte ahnen, dass an jenem 1. Oktober ein Wettlauf gegen die Zeit beginnen würde, der nicht nur mit den Produktionsprozessen der Medaillen zu tun hatte, sondern auch mit der großen Politik. Denn von da an waren es nur noch 55 Tage bis zu jenem 25. November, an dem Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg Generalinspekteur Schneiderhan rausschmeißen würde. Auf den Medaillen sollte sich aber neben der Bezeichnung des Einsatzkontingentes und dem Schriftzug „Weihnachten 2009“ die Unterschrift Schneiderhans befinden, eingerahmt von den Worten „Der Generalinspekteur der Bundeswehr“.

Doch erst einmal stand den Medaillen ganz anderes im Weg. Das kleine Unternehmen in Münster ging kräftig in Vorleistung. Unaufgefordert und auf eigene Kosten stellte es Muster der Medaillen her. Das kostete zwar Zeit, schaffte aber die Sicherheit, dass auch das ge- wünschte Produkt hergestellt würde. Immerhin war ein Puffer von zehn Tagen eingeplant. Die Firma derTaler vergab den Auftrag für die Herstellung der Münzen nach China an ein Unternehmen, mit dem man seit zwei Jahren problemlos zusammenarbeitete. Die termingerechte Auslieferung zum 14. November war zugesichert. Die Münsteraner hatten die Kosten für Produktion, Verpackung und Versand komplett im Voraus bezahlt.

Dann fiel bei den Chinesen der Strom aus. Der Galvanisierungsprozess kam ins Stocken, der Zeitpuffer schmolz dahin wie Schokoweihnachtsmänner in der Sonne. Die Bundeswehr zeigte sich großzügig. Sie gewährte einen Lieferaufschub bis zum 20. November. Das Unternehmen aus Münster hatte die Zusage seines chinesischen Zulieferers, dass der Versand am 17. November stattfinden solle. Um nach Ankunft der Medaillen in Deutschland keine Zeit zu verlieren, hatten die Leute von derTaler alle 7980 Pakete vorgepackt. Sieben Stunden würde der letzte Arbeitsschritt nach dem Erhalt der Medaillen noch brauchen.

Die Freude währte nicht lange

Doch den chinesischen Geschäftspartnern war nicht nur der Strom, sondern auch noch das Geld ausgegangen. Jedenfalls behaupteten sie das. Ein anderer Kunde habe nicht gezahlt. Wenn nicht weitere 10 000 Dollar für den Versand überwiesen würden, müssten die Münzen in China bleiben. Ein Schock für die Münsteraner. Für sie stand fest: Das ist glatte Erpressung. Über Chinesisch sprechende Bekannte wandten sie sich an ihren Zulieferer - ohne Erfolg. Sie schalteten die chinesische Botschaft und die Chinesisch-Deutsche Außenhandelskammer ein, was auch nicht half. Immerhin bekamen sie noch einmal die Bestätigung, dass ein Versand ohne die Überweisung der 10.000 Dollar nicht stattfinden werde. Da von der Bundeswehr noch keine Vorleistungen erbracht worden waren, lieh sich das Unternehmen Geld und erfüllte die Nachforderung der Chinesen.

Am 27. November, zwei Tage nachdem klar war, dass der Generalinspekteur zu Weihnachten nicht mehr Schneiderhan heißen würde, forderte die Bundeswehr, genauer gesagt das Bundesamt für Wehrverwaltung in Bonn, das Unternehmen in Münster auf, bis zum 30. November die Medaillen zu liefern - wobei die Medaillen aus politischen Gründen bereits ihren Wert verloren hatten.

Das Unternehmen derTaler reagierte mit einem zweiseitigen Brief an die Bundeswehr, in dem alle Schwierigkeiten geschildert wurden. Eine Auslieferung stellten die verzweifelten Auftragnehmer für den 4. Dezember in Aussicht und verbanden das mit der Ankündigung, sie wären zahlungsunfähig, sollte die Bundeswehr sich von dem Auftrag zurückziehen. Die wollte die Medaillen aber nicht mehr haben. Der Vertrag wurde mit Wirkung vom 1. Dezember aufgelöst.

Eine Woche später, am 8. Dezember, erreichte die Münsteraner dann eine immerhin leidlich tröstende Mail aus dem Bundesamt für Wehrverwaltung. Nach Auflösung des Vertrages gebe es „von Seiten des Bundes keinerlei Einwände gegen die anderweitige Veräußerung der Weihnachtsmedaillen“. Ein Verkauf an Sammler oder Münzhändler könnte den Verlust verringern. Doch die Freude währte nicht lange. Zwei Tage später sammelte das Bundesamt für Wehrverwaltung seine Freigabe zum Weiterverkauf vorläufig wieder ein: Es müsse erst das Verteidigungsministerium um Erlaubnis gebeten werden. Die Unternehmer wandten sich in einem langen Brief abermals an die Bundeswehr, wiederholten, dass ein Verbot des Weiterverkaufs der Medaillen das Aus für das Unternehmen bedeuten würde. Man fühlte sich weder für die Verzögerung der Lieferung noch für den Rauswurf Schneiderhans verantwortlich. Die Bundeswehr ließ sich Zeit bis Ende Januar und sagte dann mit Hinweis auf Bestimmungen des Namensrechts nein zum Weiterverkauf. Ein Anspruch auf Entschädigung bestehe nicht. Man bedaure.

„Billigkrempel aus China“

Allerdings war die Angelegenheit da schon längst zu einem Vorgang in der Führung des Verteidigungsministeriums in Berlin geworden. Dort sind nicht nur Vorlagen angefertigt worden. Vielmehr ist eindeutig der Wille erkennbar, sich mit derTaler gütlich zu einigen. Was das im Einzelnen bedeutet, sagt das Ministerium nicht. In vergleichbaren Fällen ist ein Treffen auf halbem Wege nicht unüblich. Bis entschieden ist, was aus den Münzen wird, lagern sie in der Garage des Großvaters eines der Gesellschafter von derTaler. Eine Tonne Schrott, über die die Zeitgeschichte hinweggegangen ist.

Doch nicht nur für die Münsteraner Unternehmer war die Weihnachtszeit im vorigen Jahr keine ungetrübte. Die Soldaten im Auslandseinsatz gingen angesichts der turbulenten Entwicklung an der Geschenkefront dieses Mal ganz leer aus. Dass der Unmut über die weihnachtlichen Zuwendungen jenseits des Medaillendesasters tief sitzt und keine Einzelwahrnehmung ist, zeigt ein Interview, dass sueddeutsche.de im Dezember mit dem Militärdekan Marcus Wolf führte. Wolf schildert darin das Weihnachtsfest 2008, das er als einziger Seelsorger für 800 Soldaten im afghanischen Kundus erlebte. Tonnenweise Geschenke hätten die Soldaten von ihren Familien bekommen. Die Bundeswehr halte Transportkapazitäten dafür frei.

Als Beispiele für den Inhalt der Pakete nannte Wolf Unmengen von Süßigkeiten, Sportkleidung und Armbanduhren: „Und Weihnachtsgeschenke des Ministers. Die sind schlecht angekommen.“ Wieso? „Es war Billigkrempel aus China. Kugelschreiber, Taschenrechner, eine Taschenlampe - in einem sehr einfachen Karton. Die Soldaten waren sauer.“ Irgendwie scheint die Bundeswehr mit Weihnachtsgeschenken aus China kein Glück zu haben.

Was die Soldaten denn erwartet hätten? Nicht unbedingt ein Geschenk, sagte Wolf. „Eine nette Weihnachtskarte wäre vielleicht mehr gewesen. Oder etwas Einfaches, das aber schön ausgewählt wurde.“ Vielleicht eine Medaille des Generalinspekteurs?

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