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Bundeswehr in Afghanistan Tage im Eisenschwein

 ·  Seit 2007 setzt die Bundeswehr Schützenpanzer in Afghanistan ein. Die Besatzung ist jung, ihr Alltag im Winter von Routine geprägt. Eine Fahrt zur tadschikischen Grenze.

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© F.A.Z.-Foto Jochen Stahnke Maschinengewehrschütze Stephan auf seinem Schützenpanzer in Kundus-Stadt

Eigentlich war Roman nur Nachrücker. Dann hatte ein Panzerfahrer einen Bandscheibenvorfall. Ein Maschinengewehrschütze ersetzte ihn, der seinerseits ersetzt werden musste. Also sagte Roman zu seiner Schwester, er müsse die Kinder in Afghanistan beschützen. Sie verstand. „Alles andere hätte sie nicht verstanden, den ganzen Rest“, sagt Roman.

Eine Woche blieb ihm zur Vorbereitung: den Handyvertrag aussetzen, das Auto abmelden und sich von der neun Jahre alten Schwester verabschieden, mit der er bei der Mutter wohnt in Magdeburg. Roman setzte sich in den Zug und fuhr nach Hannover und von dort ein paar Kilometer weiter in die Kaserne nach Munster, in den Kreis der Soldaten. Mit ihnen flog er nach Termes in Usbekistan. Dann nach Afghanistan in das riesige Feldlager Mazar-i-Sharif, in den Kreis des Krieges. Von dort nach Kundus. In den Einsatz.

Es ist sieben Uhr morgens, und es ist kalt in Nordafghanistan. Über dem Aufmarschplatz im Feldlager Kundus liegen Dieselabgase in der Luft. Es staubt, auch wenn sonst alles gefriert. Die beiden MG-Schützen Roman und Stephan bereiten ihren Panzer für den Abmarsch vor. Roman ist zwanzig Jahre alt. Seine Haare sind am Nacken und an den Schläfen kurz rasiert, die Nase ist markant, sein Blick sanft. Auf den Ärmel seiner Uniform hat er einen Aufnäher mit einem grimmig dreinblickenden Smiley geheftet. Roman und Stephan setzen sich Funkkopfhörer und Stahlhelme auf. Jetzt sehen sie nicht mehr aus wie Kinder. Sie klettern in den Schützenpanzer. Ihr Platz ist hinter dem Turm der Maschinenkanone. Stephan steht in der linken Luke, Roman in der rechten. Ihre Maschinengewehre legen sie auf die Panzerung, ihre Sturmgewehre verstauen sie in der Wanne, dem Rumpf des Panzers. Der Kommandant schaltet den Bordfunk an. Die Besatzung gleicht die neuen Frequenzen ab, die am Abend zuvor ausgegeben wurden. Routine. Erst mal eine rauchen.

Dynamo-Dresden-Aufkleber auf der Kanone

Vor zwei Wochen ist ein MG-Schütze nach einem halben Jahr Dienst nach Deutschland zurückgekehrt. Für ihn ist niemand mehr gekommen. Seither muss jeder Schützenpanzer der Schutzkompanie Kundus auf einen MG-Schützen verzichten. Zwei Mann sollen jetzt reichen hier hinter dem Turm. Der freie Platz ist in der dritten Luke ganz hinten, oberhalb der Ausstiegsluke am wärmenden Auspuff. Man steht dort auf zwei losen Kisten aus hellem Holz, in denen die Munition für die Maschinengewehre ist. Die Kisten sind ungeöffnet.

Gerrit, der Fahrer, wirft den Dieselmotor an. Das Triebwerk kesselt laut und gleichmäßig. Jetzt endlich läuft auch die Heizung. Bis zur Hüfte stehen die Schützen in der Luke, oberhalb davon im Wind. Die warme Luft erreicht gerade noch den Bauchnabel. Draußen drückt die Sonne durch den Nebel und den Dunst.

Seit 2007 hat die Bundeswehr Schützenpanzer in Afghanistan, 2009 wurden sie das erste Mal im Gefecht eingesetzt. Der Zug der Schutzkompanie hat zwei Schützenpanzer dabei, einen vorne, einen hinten. Romans Panzer bildet die Nachhut. Der andere zieht vorbei. Auf dessen Kanone prangt frontal ein großer Aufkleber des Fußballvereins Dynamo Dresden. Der Motor heult auf und stößt eine schwarze Dieselwolke nach hinten. Der Auftrag: den Konvoi schützen, der Gesprächsaufklärer und einen Techniker nach Imam Sahib und den Kompaniechef an die tadschikische Grenze bringen soll.

„Die krasse Armut und der Geruch“

Der Panzer verlässt das Feldlager, Roman und Stephan laden ihre Waffen durch, der Kommandant lässt die Kanone absenken. Sie fahren den Berg herunter, auf dem das Feldlager steht, biegen rechts ab und sind nach einem Kilometer in Kundus. Der Markt der Stadt riecht nach Gekochtem und Diesel, zu hören ist nur der Lärm des Motors. Größere Kinder halten ihren kleinen Geschwistern die Ohren zu. Einige recken die Daumen nach oben. Alte blicken kurz auf, zwei junge Männer rufen irgendetwas herüber, ihr Gesichtsausdruck ist nicht freundlich. Auch einige Kinder senken den Daumen nach unten. Viele tragen nicht mehr als Badelatschen und Hemd im Winter. „Die krasse Armut und der Geruch“, das habe ihn in Afghanistan am meisten überrascht, erzählt Roman. In Magdeburg hat Roman Schlosser gelernt. Am 1.Oktober 2010 begann er seine Grundausbildung als Wehrdienstleistender. Im Oktober 2011 kam er nach Afghanistan. Er hatte eine Anstellung für zwölf Jahre als Zeitsoldat beantragt. Die Bundeswehr zahlte besser als die Schlosserei. Vier Jahre hat er gekriegt.

Fahrradfahrer ziehen dicht hinter dem Panzer über die Straße, Motorräder und Tuktuks bedrängen sich gegenseitig und rücken nahe an den Panzer ran. Ein alter Mann auf der Straße geht nur einen Meter neben der sich bewegenden Panzerkette vorbei. Er zeigt keine Angst. Sicherheitsabstand sei hier eine Illusion, erzählt der Kommandant. Geht einfach nicht in der Stadt. Noch ist nichts passiert. Er lässt den Turm hin und her schwenken, das Kanonenrohr schaut in die Fenster der ersten Stockwerke der heruntergekommenen Stadthäuser, direkt in die Geschäfte, nur wenige Meter entfernt. Dass die Leute hier regelmäßig Steine schmeißen und den Mittelfinger zeigen, versucht die Besatzung zu ignorieren. „Ich kneife die Augen zusammen, und warte, bis wir da raus sind“, sagt Stephan. Sie kommunizieren nicht mit der Bevölkerung, wie soll das auch gehen, bei dem Lärm.

Draußen vor der Stadt ist die Straße frei. Der Kommandant lässt auf sechzig Kilometer die Stunde beschleunigen, die Höchstgeschwindigkeit. Immer wieder fragt er den Fahrer nach der Motortemperatur. Silbern glänzende neue Strommasten säumen den Weg. Zahllose Wracks sowjetischer gepanzerter Fahrzeuge rosten am Straßenrand vor sich hin. Die Panzergräben der Russen sind auch heute noch zu sehen. Es ist Gras darüber gewachsen. Diese Straße verbindet Nordafghanistan mit Zentralasien. Dann und wann rast ein alter Mercedes mit tadschikischem Kennzeichen vorbei. Alle zwei bis drei Kilometer steht ein Kontrollposten afghanischer Sicherheitskräfte. Vor den meisten Stellungen hängt ein fünf Meter großes Foto des afghanischen Tadschiken und Kriegshelden Ahmed Schah Massoud.

Stephan pult sein Handy aus der Tasche, lehnt sich auf die Panzerung und tippt eine SMS. Rasch kommt eine Antwort zurück, er tippt eine neue Nachricht. Das Mobilfunknetz funktioniert in Kundus einwandfrei. Vor einem Jahr noch zwangen Taliban die Mobilfunkbetreiber, ihre Masten nachts abzuschalten. Heute haben die Soldaten rund um die Uhr Kontakt nach Hause, über ihre Handys, über Facebook, über das Festnetztelefon im Lager. Es ist eine sonderbare Gleichzeitigkeit zwischen zu Hause, der Langeweile und dem Krieg, der sich im Winter ausruht, um den Sommer zu verderben.

Roman schreibt mit seiner Mutter fast täglich über Facebook. In ihrer Unterkunft im Feldlager haben die Grenadiere drahtlose Internetverbindung. Roman und seine Freundin trennten sich drei Monate vor dem Einsatz. Sie sagte, Roman habe sich zu sehr verändert, seit er wusste, dass er auf Abruf bereitzustehen habe. „Ich habe mir wohl zu viele Gedanken über dieses Land gemacht“, sagt Roman. Obwohl er nur Reserve gewesen sei.

„Mein Vater weiß nicht, dass das hier meistens anders ist“

Mit dem Vater, der getrennt von der Mutter ein paar Dörfer weiter wohnt, telefoniert Roman einmal in der Woche. Sein Vater ist der Sohn eines Ukrainers, den die Sowjetunion vor 30 Jahren nach Afghanistan beorderte. Romans Vater konnte deshalb nicht verstehen, dass sein Sohn ging. „Er kennt doch nur die schrecklichen Geschichten von meinem Großvater“, erzählt Roman: fünfzehntausend tote Sowjets, eine Million tote Afghanen. Heute lese sein Vater die „Bild“-Zeitung und glaube das, was dort über Afghanistan steht. „Deshalb kennt er nur die Extreme.“ Wie die Geschichte im Juni 2011, als ein deutscher Schützenpanzer auf 100 Kilogramm präparierten Sprengstoff fuhr, der das Gefährt meterweit durch die Luft schleuderte. Der Fahrer, ein junger Russlanddeutscher, fiel. Seitdem fahren die Deutschen nicht mehr auf dieser Straße, erzählt Roman. Die Amerikaner wurden am Anschlagsort später noch dreimal in die Luft gesprengt. „Mein Vater weiß nicht, dass das hier meistens anders ist.“

Roman und seine Truppe hatten bisher kein Gefecht in Afghanistan, sie fuhren auf keine Mine. Die Maschinenkanone feuern sie nur während Übungen ab, einmal im Monat. „Ich hätte schon gedacht, dass mehr passiert“, sagt Gerrit, der Fahrer, auch er Anfang zwanzig. Trotz Gummihaube hat er Beulen auf der Stirn, mit der er während der Fahrt immer wieder an die Panzerung stößt. Zehntausende deutsche Soldaten haben seit 2002 Dienst in Afghanistan geleistet. Den meisten ist nichts passiert. „Wir sind die meisten, berichte über uns“, sagt Stephan.

Fast jeden Tag haben sie Bereitschaft als Schutz- und Eingreiftruppe. Von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends müssen sie sich und den Panzer gefechtsbereit halten. Sie hängen dann in der Stube herum, manchmal schlafen sie noch ein zweites Mal mit den Stiefeln griffbereit am Bett. In den großen Fitnessraum des Lagers dürfen sie nicht, denn von dort aus könnten sie es nicht binnen 20 Minuten abmarschbereit in den Panzer schaffen. Also Fernsehen. Oder Computer spielen. Und dann Fernsehen. Ein Duell mit zwölf vernetzten Computern, „Call of Duty“, ein Ballerspiel im Gefechtsstand, das war toll, erzählt Roman. Sonst habe man auch viel mit Langeweile zu kämpfen. „Wenn man nicht weiß, was man machen soll, das ist das Schlimmste.“ Entweder es geht los, oder es geht nicht los. Zweimal mussten sie hier bislang unvorhergesehen ausrücken, um die Bergung von defekten Fahrzeugen abzusichern.

Kurz vor Weihnachten verletzt sich Roman, des Nachts auf einer Einsatzfahrt. Ein amerikanisches Minenräumfahrzeug rammte den Schützenpanzer in der Dunkelheit. Der Außenspiegel der Amerikaner schlug gegen das Nachtsichtgerät auf Romans Nase. Roman fiel zurück in die Luke. Die Nase war gebrochen, Roman hatte eine Gehirnerschütterung. Er kam ins Lazarett in Kundus. Mit Bauchschmerzen sah er seine Kameraden hinausfahren, erzählt er. Nie war die Langeweile größer. Aber die Ärztin ließ sich nicht überreden, ihn früher zurück auf den Panzer zu lassen. Erst nach vier Wochen kletterte Roman zurück in die Luke hinter den Geschützturm.

„Gern woanders hin. Aber hier reicht’s mir“

Sie biegen auf die Sandpiste ab, die in Richtung des Distrikts Archi führt. So wie ein Motorboot in die Wellen sticht, geht der Panzer jetzt auf und nieder. Staub legt sich auf das Heck und dringt in jede Pore, in die Nasenlöcher sowieso. Er knirscht zwischen den Zähnen. Nach einer Viertelstunde erreichen sie ein kleines Dorf. Der Kommandant lässt den Turm hin und her schwenken. Keine zwei Minuten später sind alle Frauen und Kinder verschwunden, nur ein paar Hirten bleiben bei ihren Schafen stehen. Die Panzerbesatzung beobachtet das Gelände, aber die Funksprüche bleiben ruhig. Erst mal eine rauchen.

Die Straße hat unter dem Winter gelitten, ein Teilstück ist weggebrochen. Ein deutscher Techniker untersucht die Straße. Sie wird repariert werden, wahrscheinlich von der deutschen „Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit“.

Für den Panzer geht es zurück auf die Verbindungsstraße. Gerrit, der Fahrer, wendet ruckartig, der fast 40 Tonnen schwere Panzer drückt Furchen in die Piste. Bald sind sie in Imam Sahib, danach in Shir Khan Bandar, ganz im Norden Afghanistans. Der Chef der Schutzkompanie ist heute im Konvoi mitgefahren. Er will sich den Grenzübergang nach Tadschikistan ansehen, gleich hinter Shir Khan Bandar. Über den Fluss Pjandsch, der Afghanistan von Tadschikistan trennt, könnte in ein paar Monaten ein Teil der internationalen Truppen abziehen. Jetzt stehen Dutzende Lastwagen an einem Kontrollposten, um wieder auf die Straße gen Süden gelassen zu werden. Romans Trupp sichert den Dorfplatz. Den Kompaniechef sehen sie nicht. Den Grenzposten auch nicht. „Man kriegt hier nicht so viel mit“, sagt Stephan in seiner Luke.

Auf der Rückfahrt, hinter Imam Sahib, trifft ein Stein den Turm von hinten, ein Kind hat ihn geworfen. Roman legt ihn routiniert in eine Schale mit Getränken und Signalmunition. Sie unternehmen nichts. Mittlerweile ist die Sonne am Horizont angekommen und überlässt der Kälte die Ebene. Der Fahrtwind zwiebelt. 110 Euro Zuschlag erhält jeder deutsche Soldat pro Tag in Afghanistan. „Wenn mir einer sagt, ich würde das hier nur des Geldes wegen machen, dem hau ich eine rein“, sagt Stephan.

Wie sie abends in der Kneipe der Panzergrenadiere sitzen, in der „Lili“, so wie das Soldatenlied „Lili Marleen“, einer Art Klubhaus mit Tarnnetzen an der Decke, wirken die Jungs aus dem Panzer ein bisschen wie Geschwister. Ein Jahr vor dem Einsatz haben sie sich das erste Mal gesehen. „Nur wenn ich die Augen zumache, sehe ich die anderen nicht“, sagt Roman. Die größeren Brüder sind der Kommandant und Hauptfeldwebel Stephan, der Truppführer. Roman ist der Jüngste. Sie sagen, sie mögen ihren Panzer. „Unser Eisenschwein.“ Die Dingo-Transporter seien gegen Minen zwar weit besser geschützt. Aber vor dem Panzer hätten die Afghanen mehr Respekt. „Ansonsten, wenn was passiert, dann sitze ich da drinnen, und das war’s dann“, sagt der Kommandant. Wie Panzerungen brechen, hat er nie erlebt. Der Kommandant, Berufssoldat, sagt, noch einmal müsse er Afghanistan nicht haben. „Gern woanders hin. Aber hier reicht’s mir.“ Was auch passiert, er wird eine neue Besatzung bekommen. Nach dem Einsatz werden sie wieder auseinandergehen. Der Fahrer und der Richtschütze werden aus der Bundeswehr ausscheiden, Roman wird wohl einen Dienstgrad höher gestuft.

Am nächsten Tag haben sie wieder Bereitschaft. Und müssen Ketten kloppen. Das heißt, Gummistücke zwischen die Eisenketten des Panzers hämmern, damit der Panzer die Straße nicht kaputtmacht, was einige deutsche Politiker befürchtet hatten, bevor der Marder nach Afghanistan geschickt wurde. Fahrer Gerrit lässt alle zwei Minuten den Motor an, um dann einen Meter vorzuziehen. Einfacher ginge es, die Kette herunterzuziehen, um sie auf dem Boden zu bearbeiten. Aber dann könnten sie nicht binnen weniger Minuten einsatzbereit sein.

Für Roman geht das noch drei Wochen so. Dann darf der Hauptgefreite nach Hause, hat erst mal einen Monat Urlaub. Von Kundus wird Roman nach Mazar-i-Sharif fliegen, dann nach Termes, und nach Hannover. Dort wird er in den Zug steigen. Mit jeder Zwischenstation wird die Gefahr kleiner, das Leben gewöhnlicher werden. Die Mutter wird mit Romans Schwester in Magdeburg warten. Es soll der 7.März sein. Vorausgesetzt, es liegt mal kein Nebel über Kundus und das altersschwache deutsche Militärflugzeug startet überhaupt. Roman wollte eigentlich einfach so nach Hause kommen, von einem Moment auf den anderen in der Küche stehen und fragen, warum das Essen noch nicht auf dem Tisch steht. Aber die Truppenpsychologen rieten davon ab.

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Jahrgang 1980, Redakteur in der Politik.

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