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Bundeswehr setzt auf Software : Die Krisen von Morgen erkennen

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April 2018: Soldaten arbeiten im mobilen Gefechtsstand des Multinationalen Kommandos Operative Führung aus Ulm Bild: dpa

Die Bundeswehr lässt eine Software entwickeln, um sich besser für zukünftige Krisen wappnen zu können. Dabei dient die amerikanische Armee als Vorbild – doch das Vorhaben hat seine Tücken.

          Die Mongolei 2025 – auf dem Flughafen von Ulan-Bator landet eine Flotte A400M und entlädt ein 300 Mann starkes Ausbildungskontingent der Bundeswehr samt Material. Die logistisch aufwendige Operation war nur durch eine monatelange Vorausplanung möglich. Die Bundesrepublik will so der Mongolei, die vom Nachbarn China destabilisiert wird, den Rücken stärken. Die Deutschen fürchten, eine wichtige Bezugsquelle für Rohstoffe zu verlieren.

          Dieses fiktive Szenario zeigt, welchen Nutzen sich die Bundeswehr von einer Software zur Krisenfrüherkennung erhofft, die Deutschlands Streitkräfte seit Kurzem entwickeln lassen. Das Programm soll durch umfassende Datenauswertung  bereits Monate im Voraus sicher erkennen, wo und wann für Deutschland relevante Krisen entstehen, damit die Streitkräfte einen Reaktionspuffer haben, um Handlungsoptionen zu entwickeln. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagt gegenüber FAZ.NET: „Beispiele können das Erkennen von Indikatoren für Ressourcenengpässe, Unruhen und gewaltsame Auseinandersetzungen in betrachteten Regionen sein.“

          Die Bundeswehr-Pläne sehen vor, ein „Kompetenzzentrum Krisenfrüherkennung“ für die Bundesregierung aufzubauen, in dem die Streitkräfte, das Auswärtige Amt und der Bundesnachrichtendienst zusammenarbeiten. Die Führung liegt beim Verteidigungsministerium, über dessen Abteilung Strategie und Einsatz. Den Kern der Krisenfrüherkennung bildet ein Team von Programmierern und Analysten der Behörden, die softwarebasierte Vorhersagemodelle für Krisen entwickeln und betreuen. Im Team wiederum sollen Gruppen auf Regionen spezialisiert werden, wie Nordafrika oder Osteuropa.

          Die entsprechenden IT-Analysten werden in der jetzigen Startphase noch von der Unternehmensberatung Deloitte gestellt. Die Bundeswehr muss in den kommenden Jahren erst junge Offiziere des militärischen Nachrichtenwesens zu entsprechenden Fachkräften umschulen. Das soll über das Center for Intelligence and Security Studies (CISS) der Bundeswehr Universität München erfolgen. Ziel des erst 2017 gegründeten Lehrstuhls ist es, nach angelsächsischem Vorbild eine „Intelligence Community“ für den Staat heranzuziehen. Das heißt, in diversen Fachgebieten Sicherheitsexperten der Behörden auszubilden, die eine Sprache sprechen und vernetzt denken. So soll der Bundesnachrichtendienst in zwei Jahren ebenfalls in die Ausbildung von IT-Fachkräften für das Team Krisenfrüherkennung einsteigen.

          Die Datengrundlage für die Krisenfrüherkennung mittels Software erarbeitet eine Projektgruppe um Professor Carlo Masala, der am CISS den Fachbereich Krisenfrüherkennung und Krisenmanagement leitet, mit Hilfe der Beratungsfirma Deloitte. Partner der Bundeswehr für das Vorhaben ist der amerikanische IT-Konzern IBM. Dessen Programm künstlicher Intelligenz „Watson“ dient als Analyseplattform für die Bundeswehr-Modelle zur Krisenfrüherkennung. Masala sagt im Gespräch mit FAZ.NET: „Wir greifen öffentliche Datenbanken weltweit ab, bewerten und gewichten diese. IBM baut dann unsere Modelle, die wir mit Deloitte entwickeln, in Watson ein, um die Daten auszuwerten.“

          Die Projektgruppe Krisenfrüherkennung erfasst dazu etwa, wie sich die Nachrichtenlage zu Konflikten entwickelt, unter anderem über das Auslesen von RSS-Feeds zahlloser Webseiten. Eine andere Quelle ist die Datenbank Armed Conflict Location and Event Data Project (ACLED), die seit den späten 1990er Jahren in Echtzeit Konflikte in Afrika datenmäßig erfasst, unter anderem deren Akteure und Opferzahlen. Um die softwarebasierte Krisenfrüherkennung bei der Bundeswehr aufzubauen und zu betreiben, veranschlagt Masala rund drei bis vier Millionen Euro jährlich in den nächsten 15 Jahren.

          Watson, IBMs System selbstlernender künstlicher Intelligenz, muss dabei erst noch beweisen, dass es eine effektive IT-Plattform ist, um Vorhersagen zu Eskalationsphasen in Konflikten zu treffen. Konzipiert ist Watson zuvorderst als extrem leistungsfähige Suchmaschine. Diese kann bei Restaurant- und Imbissketten beispielsweise aufzeigen, ob sich eine Filiale an einem favorisierten Standort wirklich lohnt. Dazu wertet Watson laut IBM unter anderem die Kundebewertungen zu früheren Lokalen in der entsprechenden Gegend aus. Bei Konflikten spielen jedoch Momente der Zufälligkeit, wie der plötzliche Tod wichtiger Akteure, eine entscheidende Rolle. Es gilt zahllose menschliche Variablen zu betrachten, die sich kaum kontrollieren lassen. So ist die bisherige militärische Nutzung Watsons, die öffentlich bekannt ist, noch bescheidener als die Krisenfrüherkennung. Das Programm Künstliche Intelligenz (KI) hilft der amerikanischen Armee dabei, Sensordaten von Jeeps oder auch Drohnen auszuwerten und sagt damit voraus, wann das Gerät wieder in die Instandhaltung muss.

          Eine weitere Hürde für die softwarebasierte Krisenfrüherkennung der Bundeswehr ist laut Projektleiter Masala die Aufbereitung geheim beschaffter Informationen: „Die harte Nuss, die wir noch knacken müssen, ist das Einbringen von so genannten roten Daten; das heißt Daten, die nicht öffentlich zugänglich sind.“ Als fiktives Beispiel nennt der Sicherheitsexperte die Vorhersage eines möglichen Angriffs Russlands auf das Baltikum. „Nehmen wir an, all unsere Modelle prognostizieren, da passiert nichts. Eine hochwertige Agentenquelle bei der russischen Führung meldet aber, die Russen wollen angreifen - das gegeneinander zu gewichten, ist sehr schwierig." Trotzdem rechnet Masala damit, dass die deutschen Streitkräfte in drei bis fünf Jahren ein System haben werden, dass mit 80-prozentiger Sicherheit Krisen frühzeitig erkennen kann. Das heißt, vorherzusehen, wie sich eine Situation in einem Land oder einer Region in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten entwickeln wird.

          Vorreiter bei der Krisenfrüherkennung über Software sind die amerikanischen Streitkräfte. Deren Integrated Conflict Warning System (ICEWS) ging vor zehn Jahren an den Start und wird vom Rüstungsunternehmen Lockheed Martin umgesetzt. Verantwortet wird es vom Forschungsbereich der amerikanischen Marine. Ursprünglich hatte es den Fokus, mit einer Vorlaufzeit von sechs bis 24 Monaten klare Indizien für den Ausbruch von Konflikten in Asien zu liefern. Über die Leistungsfähigkeit und Effizienz von ICEWS beim amerikanischen Militär ist öffentlich nichts bekannt. Das Pacific Command testet die Software seit ein paar Jahren, wie auch inzwischen das Southern Command, das für Südamerika zuständig ist. Die amerikanischen Streitkräfte haben mit ICEWS noch weitergehende Pläne. Beteiligt an der Entwicklung der Software ist auch das Strategic Command, das die amerikanischen Atomwaffen verantwortet. Hier soll die Prognose-Software künftig dabei helfen, die Entscheidungsgrundlage für den Einsatz der ultimativen Vernichtungswaffe zu verbessern.

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