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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Umweltminister Altmaier „Ich esse gern“

 ·  Bundesumweltminister Peter Altmaier spricht im Interview mit der F.A.S. über sein Körpergewicht und seinen Schädel, über äußerlich perfekte Menschen und das Leben mit Schwächen.

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© Polaris/laif Peter Altmeier steht zu seinem Gewicht

Herr Altmaier, Sie sind Bundesminister. Für einen Politiker ist das fast das Höchste, was er erreichen kann. Wollten Sie da hin?

Durchaus. Es wäre unehrlich, wenn ich nein sagen würde. Allerdings hab ich nie versucht, meine politische Karriere zu planen.

Müssen Politiker immer ganz vorne sein wollen, so wie Autorennfahrer oder Fußballer?

Karriere als Selbstzweck ist wie Hamsterrad. Mir geht es um Gestaltung.

Dass sie gestalten wollen, sagen ja alle Politiker.

Als ich bei der Schüler-Union war, ist es uns gelungen, eine Straße für den Autoverkehr sperren zu lassen, auf der die Kinder mit dem Rad zur Schule fuhren und auf der es zu tödlichen Unfällen gekommen war. Die Straße ist nach fast vierzig Jahren immer noch gesperrt, es ist auch nie wieder etwas passiert. Das ist Gestaltung, und solche Möglichkeiten reizen mich auch am Amt des Ministers.

Bis zur Übernahme des Ministeramtes waren Sie Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag. In welcher Funktion kann man mehr gestalten?

Ich war gerne Geschäftsführer, es ist eine Querschnittsaufgabe, und man ist mitten im Getümmel. Aber meist kommt man erst dann ins Spiel, wenn sich zwei Minister nicht einig werden oder wenn es in Koalition oder Fraktion knirscht. Das ist sehr reaktiv. Als Minister kann man selbst Themen setzen und Richtungen bestimmen, wenn auch nur in einem Teilbereich der Politik.

Aber Sie können doch als Minister auch nur reaktiv arbeiten. Auf Ihrem Schreibtisch fanden Sie das Riesenthema Energiewende. Das müssen Sie nun abarbeiten.

Da ich bis zur Wahl nur ein Jahr Zeit habe, ist der Spielraum in der Tat knapp. Aber gerade bei der Energiewende kann ich etwas bewegen. Da hilft mir auch mein politischer Stil.

Welches ist denn Ihr politischer Stil? Sind Sie der große Kommunikator?

Ich habe Lust an der politischen Zuspitzung aber auch Freude am Konsens. Ich rede gerne mit Menschen und glaube nicht, dass ich alles allein oder besser weiß. Außerdem versuche ich, Politik so zu vermitteln, dass auch Nichtfachleute verstehen, was gemeint ist. Das Interesse an politischen Inhalten geht immer mehr zurück, was auch damit zu tun hat, dass uns das Erklären von Politik oft nicht gelingt. Das versuche ich in meinem Bereich zu ändern.

Müssen denn die Menschen den Minister Peter Altmaier mögen, damit sie ihm das abnehmen, was er politisch verkündet?

Die Wahrnehmung von Politik und Politikern hat sich verändert. Nach dem Krieg hatten ältere Politiker wie Adenauer Konjunktur, die Menschen wollten Sicherheit und Verlässlichkeit. Mit der 68er-Bewegung und dem Slogan „Trau keinem über 30“ entstand eine Art Jugendkult. Jetzt sind wir an einem Punkt angekommen, an dem die Menschen vor allem Authentizität wollen. Es kommt nicht auf das Alter an, nicht auf das Aussehen und vielleicht noch nicht einmal in erster Linie auf die inhaltliche Position. Entscheidend ist vielmehr, dass ein Politiker den Eindruck vermittelt, als Person authentisch zu sein. Die Menschen wollen das Gefühl haben, dass sie das, was sie sehen, auch bekommen. Ob der Anzug sitzt oder die Haare richtig geschnitten sind, ist dabei nicht so wichtig. Mir sieht man zum Beispiel an, ob ich müde oder traurig bin oder ob mir eine Sache richtig Spaß macht.

Aber diesen Menschen traut Peter Altmaier offenbar nicht zu, mit komplexen politischen Inhalten umzugehen. Stattdessen sind Sie zu einem der prominentesten Twitterer unter den deutschen Spitzenpolitikern geworden. Tragen Sie nicht zur Verdummung der Menschen bei, indem Sie ihnen nur noch Botschaften mit höchstens 140 Buchstaben servieren?

So, wie Sie fragen, haben Sie Twitter nicht begriffen. Das ist ein Dialog, der sich aus immer neuen Beiträgen zusammensetzt und so zu einer großen Diskussion wird. Außerdem entsprechen die 140 Twitter-Zeichen etwa dem Platz, den ich für ein Fernseh-Statement oder ein Zeitungszitat bekomme. Da spricht auch niemand von Verdummung. Kurze Stellungnahmen sind in der Politik längst die Regel. Das Dilemma ist: Politik wird immer komplexer, aber die Möglichkeit, sie ausführlich zu erörtern, immer geringer. Das gilt sogar für Talkshows, wo die Netto-Redezeit auch nur einige Minuten beträgt. In dieser kommunikativen Wirklichkeit müssen wir unsere Botschaften unterbringen. Es gibt im Internet inzwischen eine neue Art von Öffentlichkeit, von der bislang nur wenige Politiker eine Ahnung haben. Wir können uns nicht leisten, das auszublenden.

Zur neuen Wahrnehmung der Wirklichkeit im Netz gehört auch das Bild. Wie wichtig ist das für Sie?

Ich bin immer eher ein Mann des Wortes gewesen. Deshalb bin ich stärker auf Twitter als auf Facebook aktiv. Mit dem Wort kann man präziser sein. Aber Politik wird auch visuell vermittelt. Seit ich Minister bin, habe ich mich damit intensiver auseinandersetzen müssen als bisher.

Wieso?

Es ist kein Geheimnis, dass ich nicht gerade untergewichtig bin. Aber zu meiner Freude hat sich das bisher nicht als Handicap erwiesen. Vielmehr nimmt mancher meine Figur offenbar als Ausdruck von Gestaltungswillen und Dynamik wahr, jedenfalls positiv.

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Etwas mehr auf der Waage: Peter Altmaier steht zu seinem Gewicht © dapd Etwas mehr auf der Waage: Peter Altmaier steht zu seinem Gewicht

Sie meinen, Ihre Figur ist ein Symbol für Machtfülle wie beim einstigen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß oder beim ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl?

Die äußere Erscheinung eines Politikers wirkt nie absolut, sondern immer im Zusammenhang mit dem Persönlichkeitsprofil. Meine Erscheinung bringt nicht unbedingt Macht im hergebrachten Sinne zum Ausdruck, sondern eher die Bereitschaft, sich für eine Sache vorbehaltlos einzusetzen, sie auch durchzusetzen. Das erwarten die Menschen von einem Politiker. Der soll einstehen für seine Überzeugungen, soll bereit sein, damit anzuecken, soll jedenfalls nicht gleich umkippen. Wenn meine physische Erscheinung zu dieser Wahrnehmung meiner Arbeit beiträgt, freut mich das. Es gibt aber auch genügend Politiker, die von zarterer Statur und ungemein erfolgreich sind.

Kann es auch sein, dass mancher denkt: Wie schön, der ist wie ich, ist auch nicht perfekt?

Ich kann das nur für mich sagen: Wir sehen in Hochglanzprospekten und allabendlichen Casting-Shows lauter äußerlich perfekte Menschen. Ich sehne mich gelegentlich nach jemandem, der mal anders aussieht, auch mal eine Schwäche zugibt. Ich esse nun einmal gern. Und ich habe kein Problem damit, das zuzugeben. Ich kann es ohnehin nicht verbergen. Wenn man sich zu Schwächen bekennt, können sie zur Stärke werden.

Seit dem Frühjahr vorigen Jahres sind in Deutschland drei Spitzenpolitiker spektakulär gescheitert, die optisch Gardemaß hatten, groß und schlank waren, immer mit bestens sitzenden Anzügen: Karl-Theodor zu Guttenberg, Christian Wulff und Norbert Röttgen. Ist das Zufall?

Ich weigere mich, darin ein Prinzip zu erkennen nach dem Motto: Wer gut aussieht, hält nicht lange durch. Die drei Beispiele zeigen aber, dass Erfolg und Misserfolg heute dichter beieinanderliegen als in früheren Jahrzehnten. Es wird heute - auch mit Hilfe der neuen Medien - genauer hingeschaut, inwieweit Anspruch und Wirklichkeit übereinstimmen. Deshalb kann es sein, dass jemand, der nach außen erst gar nicht den Eindruck von Perfektion erweckt, es etwas leichter hat, wenn einmal deutlich wird, dass er auch nicht perfekt ist.

Sie sind noch nicht lange Bundesumweltminister und tauchen schon in den Beliebtheitsumfragen auf einem respektablen Platz auf. Die Menschen sprechen Sie auf der Straße freundlich an, man kennt Sie. Das ging ganz schön schnell, oder?

Die meisten kennen mich von kurzen Einblendungen in den Nachrichtensendungen, von dem einen oder anderen Interview, vielleicht vom Twittern. Das sind flüchtige Eindrücke. Meine Bekanntheit muss also auch etwas mit der Optik zu tun haben. Ich habe ja noch dazu einen Schädel, den man sich merkt.

Wollen Sie an Ihrer Figur, jetzt, wo Sie im Spitzenamt sind, etwas ändern?

Schon bevor ich Minister war, habe ich mich durchaus gefragt, ob ich mich als Politiker bei meinem Auftreten nicht stärker dem Mainstream anpassen soll. Aber ich habe festgestellt, dass mein Erscheinungsbild mir bislang nicht geschadet hat.

Das klingt nicht so, als wollten Sie jetzt anfangen, wie wild mit dem Rad zu fahren oder zu schwimmen.

Ich wäre schon gern zehn oder zwanzig Kilo leichter. Vielleicht schaffe ich das ja mal. Aber seit ich wegen einer Meniskusoperation mit dem Joggen aufhören musste, ist mir das nicht gelungen. Ich fahre im Übrigen in Berlin mit dem Rad, wann immer das möglich ist. Das macht mir Freude, ändert aber nicht furchtbar viel am Gewicht. Doch eines steht fest: Ich bin entschlossen, meine persönlichen Lebensumstände nicht einem normierten Bild unterzuordnen. Ich bleibe der, der ich bin.

Ist den Menschen ein Umweltminister eigentlich eher sympathisch, weil er im Erfolgsfall für saubere Luft sorgt, oder unsympathisch, weil deswegen die Strompreise steigen können?

Für Millionen von Menschen ist die Umwelt zum zentralen Thema geworden ist. Das gilt nicht nur für grüne Spinner und eine Handvoll Esoteriker, sondern für Studenten, junge Familien und Vorstandsvorsitzende großer Firmen. Die fällen knallharte Entscheidungen für den wirtschaftlichen Erfolg ihres Unternehmens, finden es aber trotzdem wichtig, dass etwas für den Umweltschutz getan wird. Zu Hause trennen sie penibel ihren Müll. Dadurch hat der Umweltminister die Chance, die Erwartungen der Menschen zu treffen.

Wahrscheinlich müssen Sie in Ihrem Amt viel über Technik lernen. Macht Ihnen das Spaß?

Als Kind hatte ich Elektro- und Chemiebaukästen zu Hause. Aber der große Techniker war ich nie. Ich habe auch nie an meinem Auto rumgeschraubt oder an der Heizungspumpe im Keller. Trotzdem finde ich die Umwelttechnologie faszinierend. Es gibt keinen Bereich, in dem so viel Neues erfunden wird, abgesehen vielleicht von der Computertechnologie. Das ist für Deutschland sehr wichtig. Noch sind wir bei der Umwelttechnologie weltweit führend. Ich will, dass wir diesen Vorsprung behaupten. Das geht aber nur, wenn ich die Wirtschaft davon überzeuge, dass Umweltschutz keine Bedrohung, sondern eine Chance ist.

Eine ganze Reihe von CDU-Politikern in Ihrem Alter haben ihre Politikerkarriere gegen einen guten Posten in der Wirtschaft oder andere neue Betätigungen eingetauscht. Können Sie sich vorstellen, etwas anderes als Politik zu machen?

Meine politische Karriere ist nicht ganz typisch. Ich war erst Beamter der Europäischen Union und bin erst mit 36 Jahren in den Bundestag gewählt worden. Gerade weil ich meine hauptamtliche politische Karriere relativ spät begonnen habe, spüre ich keinerlei Ermüdung. Im Gegenteil: Mir macht Politik richtig Spaß.

Angela Merkel hat auch erst mit Mitte dreißig ihre politische Laufbahn begonnen. Sie können also noch Kanzler werden.

Ich habe mit meiner jetzigen Position das Maximale erreicht, was ich brauche, um Politik zu gestalten. Ich würde das gern länger als nur bis zum Ende der Legislaturperiode im nächsten Herbst machen. Weitergehenden Ehrgeiz habe ich nicht.

Das Gespräch mit Peter Altmaier (CDU) führte Eckart Lohse.

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