http://www.faz.net/-gpf-7bw6o

Bundestagspräsident : Opposition verteidigt Lammert gegen Plagiatsvorwurf

Lammerts Doktorarbeit: „Lokale Organisationsstrukturen innerparteilicher Willensbildung - Fallstudie am Beispiel eines CDU-Kreisverbandes im Ruhrgebiet 1974“ Bild: dpa

Die Universität Bochum prüft die Anschuldigungen gegen Bundestagspräsident Lammert, bei seiner Doktorarbeit plagiiert zu haben. Vertreter aller Parteien wenden sich gegen eine Vorverurteilung.

          Nach dem Plagiatsvorwurf gegen Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) haben sich Vertreter aller Parteien gegen Vorverurteilungen gewandt. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück sagte, Lammert genieße seinen vollen Respekt. Es gelte die Unschuldsvermutung. „Ich warne davor, wieder in eine Kommentarlage zu verfallen, die die Reputation und Integrität des Bundestagspräsidenten beschädigen kann“, so Steinbrück zu den anonym erhobenen Vorwürfen gegen Lammert. Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, sagte, es müsse zunächst in Ruhe abgewartet werden, wie die Universität Bochum die Vorwürfe bewerte. Allerdings sei ihm neu, „dass man die gesamte Literatur, die man in einer Arbeit verwendet, auch gelesen haben muss“.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Der bildungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Patrick Meinhardt meinte, es sei kein Zufall, dass der Plagiatsvorwurf vierzig Jahre nach der Promotion und sieben Wochen vor der Bundestagswahl veröffentlicht worden sei. Der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach sagte, er könne sich gut vorstellen, wie belastend die Vorwürfe für Lammert gerade mitten im Bundestagswahlkampf seien. Er hoffe deshalb, dass die Attacken sich rasch als haltlos erwiesen.

          Lammert hatte bereits am Sonntag den Rektor der Universität Bochum Elmar Weiler um eine Überprüfung seiner sozialwissenschaftlichen Dissertation zum Thema „Lokale Organisationsstrukturen innerparteilicher Willensbildung - Fallstudie am Beispiel eines CDU-Kreisverbandes im Ruhrgebiet 1974“ eingereicht. Ein Jahr später war er zum „Dr. rer. soc.“ promoviert worden. Seit dem Wintersemester 2005/06 hält Lammert regelmäßig Lehrveranstaltungen an der Fakultät der Sozialwissenschaft der Bochumer Universität und hat dort seit 2008 eine Honorarprofessur inne. Am Dienstag veröffentlichte er seine Dissertation im Internet.

          Er habe seine Arbeit nach „bestem Wissen und Gewissen“ geschrieben, sagte Lammert, der auch Spitzenkandidat der nordrhein-westfälischen CDU ist und seinen nächsten öffentlichen Termin bei einer Wahlkampfveranstaltung mit dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder in Bochum wahrnehmen wird. Unterdessen teilte die Universität Bochum mit, ihr Ombudsmann habe inzwischen seine Arbeit aufgenommen und prüfe den Sachverhalt entsprechend den Richtlinien und unter Beteiligung der zuständigen Gremien. „Wenn das Ergebnis der Prüfungen vorliegt, werden wir die Medien umgehend informieren“, sagte der Rektor.

          Vor allem Literaturangaben anderer Autoren übernommen?

          Ein Blogger unter dem Pseudonym „Robert Schmidt“, der auch die Dissertation der zurückgetretenen Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) untersucht hatte, behauptet auf der Internetseite „lammertplag.wordpress.com“, es gebe auf 42 Seiten Passagen aus 21 Quellen mit Unregelmäßigkeiten. „Hierbei handelt es sich vorwiegend, aber nicht ausschließlich um Plagiate“. Einen erheblichen Teil der als verwendet angegebenen Literatur habe Lammert offenbar nicht gelesen, dies werde anhand der Übernahme zahlreicher charakteristischer Fehler aus der Sekundärliteratur deutlich. Die meisten Verstöße gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis meint der anonyme Blogger im Hauptteil von 116 Seiten gefunden zu haben, auf denen ein wissenschaftlicher Diskurs stattfindet.

          Norbert Lammert

          Das Inhaltsverzeichnis, das Vorwort des Herausgebers, die Vorbemerkung, die Dokumentation, das Literaturverzeichnis und das Sachregister habe er nicht gesondert untersucht. Nach zwei Dritteln der Seiten des Hauptteils habe er die Untersuchung abgebrochen, weil eine vollständige Dokumentation mit enormem Aufwand verbunden sei. Über die Motivation des anonymen Plagiatsjägers ist wenig bekannt, politische Beweggründe bestreitet er.

          Lammert habe, schreibt der anonyme Blogger an die Zeitung „Die Welt“, vor allem Literaturangaben anderer Autoren übernommen und so getan, als setze er sich selbst mit der Materie auseinander, während er in Wirklichkeit den wissenschaftlichen Diskurs anderer nur nachbilde. „An vielen Stellen der Arbeit wird eine gedankliche Eigenarbeit nur suggeriert“, so der Blogger. Die ergiebigste Gesamtquelle für regelwidrige Übernahmen ist laut Lammertplag der Band des Freiburger Politologen Wolfgang Jäger „Innerparteiliche Demokratie und Repräsentation“, der auch ein Buch zitieren soll, das es gar nicht gibt. Das Buch von W. Gagel „Zur Rolle und Funktion der Parteien“ gebe es nicht, heißt es auf der Internetplattform. Lammert bilde eine von Jäger referierte Gegenüberstellung verschiedener Autoren mit Literaturverweisen nach, ohne auf diesen zu verweisen, so der Vorwurf. Mehrfach verweise Lammert auf den Aufsatz des Politikwissenschaftlers Hans-Otto Mühleisen „Organisationstheorie und Parteienforschung“, der von Lammert stark abgewandelt werde. Dabei entstandene eigene Aussagen würden durch von Mühleisen übernommene Fußnoten belegt.

          Weitere Themen

          Nie mehr unter dem Existenzminimum Video-Seite öffnen

          Nahles will Bürgergeld : Nie mehr unter dem Existenzminimum

          Für die SPD ist Hartz-IV nicht mehr haltbar, ein Bürgergeld soll stattdessen ausgezahlt werden. Bürgerinnen und Bürger dürften nicht unter das Existenzminimum gedrückt werden, erläutert Parteichefin Andrea Nahles.

          Topmeldungen

          Hohe Spritpreise : Benzindiebe gehen um in Deutschland

          Die hohen Benzinpreise sind nicht nur an der Tankstelle ärgerlich – es wird auch lukrativer, Sprit zu klauen. Die Polizei warnt inzwischen vor Benzindiebstählen in ungekanntem Ausmaß. Bei den Ermittlungen sind die Beamten meist machtlos.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.