01.06.2010 · Schon 2004 war Edmund Stoiber als Bundespräsident im Gespräch - er winkte ab. Jetzt werfen sich jugendliche Heißsporne in der CSU für ihren Ehrenvorsitzenden in die Bresche. Reifere Jahrgänge halten sich dagegen zurück.
Von Albert Schäffer, MünchenEiner schwierigen Aufgabe muss sich die CSU nach dem Rücktritt des Bundespräsidenten Horst Köhler unterziehen: Es gilt für die bayerische Regionalpartei, die historische mit der machtpolitischen Perspektive zu versöhnen.
Historisch betrachtet, müsste sie bei der Suche nach einem Nachfolger für Köhler in einer guten Position sein - schließlich ist in der Geschichte der Bundesrepublik das höchste Staatsamt noch nie aus ihren Reihen besetzt worden. Roman Herzog ist als gebürtiger Lands-huter zwar ein bayerisches Landeskind; seine politische Prägung erhielt er aber in der CDU, vor allem als Minister in Baden-Württemberg.
So gesehen ist es nicht nur politische Folklore, dass sich jugendliche CSU-Heißsporne für den CSU-Ehrenvorsitzenden Edmund Stoiber in die Bresche werfen - in Regionalzeitungen und auf Facebook. Dort hat die am Montag angelegte Gruppe „Edmund Stoiber soll neuer Bundespräsident werden“ schon mehr als 600 Mitglieder. Doch die politisch reiferen Jahrgänge in der Partei halten sich mit öffentlichen Äußerungen zurück - und das nicht nur aus taktischen Erwägungen, die besagen, dass es selten vorteilhaft ist, zu früh einen Kandidaten ins Spiel zu bringen. Sie sehen machtpolitisch kaum Chancen, die Berliner Koalition auf einen Bewerber aus ihren Reihen zu verpflichten, der auch noch Strahlkraft in die anderen Parteien entfaltet.
Zu vielfältig sind Merkels Machtoptionen
Zwar sprechen auch CSU-Granden, die früher nicht zum engsten Freundeskreis Stoibers gehörten, dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten nicht die Fähigkeiten ab, die gebraucht werden, um im Präsidentenamt zu bestehen. Sie erinnern daran, dass Stoiber 2004 schon einmal im Gespräch für das höchste Staatsamt gewesen sei. Damals hatte er frühzeitig auf eine Kandidatur verzichtet und wissen lassen, er wolle weiter ein Amt ausüben, das mehr Gestaltungsmacht als der Bundespräsident habe. Der Unterton, möglicherweise doch noch Bundeskanzler zu werden, war nicht zu überhören.
Dass ihn die eigene Partei wenige Jahre später aus seinen bayerischen Ämtern vertreiben würde, konnte Stoiber damals noch nicht absehen - sonst hätte Schloss Bellevue vielleicht einen größeren Magnetismus auf ihn ausgeübt. Jetzt könnte sich Stoibers Wahrnehmung, wie es um die Gestaltungsmacht des Bundespräsidenten bestellt ist, geändert haben. Und auch einstige innerparteiliche Gegner leugnen nicht, dass er mit seiner Brüsseler Aufgabe, die bürokratischen Hemmnisse in der EU erträglicher zu machen, an europäischer Statur gewonnen habe - was schließlich kein Nachteil für einen Bundespräsidenten sei.
Auch sein Alter - Stoiber wird im September 69 Jahre alt, hat seinen vertrauten Schwung aber noch nicht verloren - wird in der CSU nicht als Hindernis gesehen. Hochgemute Pläne werden mit Blick auf die Nachfolge Köhlers aber dennoch nicht geschmiedet - auch nicht mit Blick auf den CSU-Ehrenvorsitzenden Theo Waigel, der in seiner Partei wie Stoiber mit dem Etikett präsidiabel versehen wird. Zu offenkundig ist für die maßgeblichen Parteizirkel in der CSU, wie vielfältig die Machtoptionen für die CDU-Vorsitzende Angela Merkel sind bei der Entscheidung über das Präsidentenamt - auch mit Blick auf das Machtgefüge in ihrer eigenen Partei.
Waigel, der im April 71 Jahre alt geworden ist, hat schon in der ihm eigenen Ironie wissen lassen, dass er sich nicht nach einem politischen Amt zurücksehnt. Es dürfte nicht lange dauern, bis diese Altersweisheit auf die ganze Partei übergreift, die jugendlichen Facebook-Aktivisten der CSU inbegriffen.