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Bundespräsidentenwahl Sodann, oder doch nicht?

14.10.2008 ·  Vor drei Jahren wollte der damalige „Tatort“-Kommissar „lieber ein politisch denkender Schauspieler bleiben als ein schauspielernder Politiker werden“ - nun hat ihn die Linkspartei tatsächlich als Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl nominiert. Der 72 Jahre alte Peter Sodann war aber anscheinend nicht die erste Wahl.

Von Reiner Burger und Stephan Löwenstein, Dresden/Berlin
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Was waren die Genossen glücklich. Peter Sodann als Kandidat der PDS! Das war ein Paukenschlag, als man die Nachricht auf einer Pressekonferenz in Berlin verkünden konnte. Aber 2005 währte die Freude nicht lange. Nur zwei Tage später zog Sodann zurück. Statt als Spitzenmann für die sächsische PDS bei der Bundestagswahl anzutreten, wollte er doch lieber „Tatort“-Kommissar Bruno Ehrlicher beim Mitteldeutschen Rundfunk bleiben: „Ich habe alles noch mal überlegt und festgestellt, dass ich doch lieber ein politisch denkender Schauspieler bleiben als ein schauspielernder Politiker werden will.“

Am Dienstag begann die mittlerweile mit der WASG fusioniert und in Die Linke umbenannte PDS das Remake des Stücks „Kandidat Sodann“ - wieder mit einer Pressekonferenz. Allerdings geriet sie zugleich zu einem niederschmetternden Stück über die Achtung von Institutionen. Gegeben wurde es im Südwestturm des Reichstagsgebäudes zu Berlin, wo die Linkspartei (neben den Grünen) ihren Fraktionssaal hat. Davor bauten sich nach der Sitzung am Dienstag sechs Personen nebeneinander auf: Gregor Gysi und Oskar Lafontaine, Fraktionsvorsitzende, Lothar Bisky, Parteivorsitzender, Gesine Lötzsch, stellvertretende Fraktionsvorsitzende, und Kerstin Kaiser Fraktionsvorsitzende im brandenburgischen Landtag als Vertreterin der Länder; und in ihrer Mitte Peter Sodann, dem die Hauptrolle zugedacht war. Entsprechend traten zunächst die anderen auf.

„So einen brauchen wir“

Lafontaine begründete den Personalvorschlag für das höchste Amt im Staate damit, dass Sodann ein sehr erfolgreicher Schauspieler sei, der immer auch in gesellschaftlichen Fragen hoch engagiert gewesen sei. Für die Linke sei es besonders wichtig, dass er einst auch von dem Staatssicherheitsdienst der DDR verfolgt wurde. Wichtig sei es auch, dass er als Schauspieler auf der Bühne beim Publikum großen Zuspruch gefunden habe, ebenso später im Fernsehen als „Tatort“-Kommissar; Letzteres so sehr, dass er von vielen mit seinem Rollennamen angeredet werde: „Herr Ehrlicher“.

Sodann setze sich ein für Demokratie, für soziale Gerechtigkeit, für den Frieden, für eine andere Kultur und Chancengerechtigkeit sowie für eine „gerechte Vereinigung“. Gysi wies darauf hin, dass der Kandidat sowohl von der DDR als auch der Bundesrepublik, ein seltener Fall, mit Orden ausgezeichnet worden sei. Anschließend las er lang und breit aus dem damaligen Urteil gegen Sodann vor, woraus die Erkenntnis hervorgehen sollte: „Für solchen Mist wurde man damals noch bestraft.“ Das sei ein Präsident des Volkes, „so einen brauchen wir“. Bisky lobte Sodann noch einmal für die Partei, Frau Kaiser für die Landtagsfraktionen.

„Kann schwer nein sagen“

Der Präsident des Volkes selbst führte zur Begründung seiner Bewerbung dann an: „Was soll ich jetzt sagen. Tja, das ist alles sehr schwer. Ich bin ein Mensch, der kann schwer nein sagen.“ Erst recht nicht, wenn Menschen wie Gysi oder Lafontaine oder Bisky ihn fragten. „Ob ich das nun werde, das ist ein zweites Feld, ein weites Feld. Dämlich bin ich auch nicht.“

Anschließend analysierte er die derzeitige politische Lage, indem er darauf hinwies, dass „Banker“ dafür da seien, das Geld zu vermehren, jedoch offenbar alle Sachsen seien, die sich jetzt hinstellten und bekennten, sie hätten alles Geld „vermährt“. Wenn er Präsident wäre, so gab er zu verstehen, dann müsste der Afghanistan-Krieg enden; und der Papst, so flocht er ein, ohne direkt diesbezügliche Ambitionen erkennen zu lassen, sollte alle in Bann und Acht geben, die noch eine Waffe in die Hand nähmen. Ferner erfuhren die Zuhörer etwas über Sodanns morgendliche Verdauungsgewohnheiten (stets ein Kreuzworträtsel auf der Toilette, samt Lösung, damit der Tag mit zwei Erfolgserlebnissen beginne) und seine unveränderliche Anatomie (sein Herz habe immer links geschlagen).

Nicht die erste Wahl?

Unverdrossen klatschten einige Abgeordnete, die sich zu diesem Zweck beigesellt hatten, zu alldem Beifall, während vorne Frau Lötzsch, die nicht zu Wort gekommen war, angelegentlich an ihrer Armbanduhr nestelte. Womöglich dachte sie daran, dass Sodann nicht die erste Wahl gewesen war. Eigentlich haben die Spitzengenossen Lafontaine und Gysi nämlich eine Kandidatin gewinnen wollen und haben dafür angeblich Gespräche mit einer bekannten Schauspielerin und einer Schriftstellerin geführt. Am Ende gingen der Linkspartei dann allerdings die Ansprechpartnerinnen aus.

Nervöse Blicke aus der Links-Führungsriege zog Sodann auf sich, als er gefragt wurde, ob er in der Bundesversammlung auch in einen dritten Wahlgang gehen würde; Lafontaine hatte das zuvor ausdrücklich offengelassen. Erleichterung, als Sodann auf das Ungefähre eines literarischen Zitats auswich: Warum immer bis zum Letzten kämpfen, warum nicht auch einmal bis zum Vorletzten (Brecht).

An der politischen Konstellation ändert seine Aufstellung somit nicht viel. Die SPD hält an ihrer Kandidatin Gesine Schwan fest, auch wenn die Bayern-Wahl nicht die erhoffte Gewichtsverschiebung nach Links gebracht hat. Äußerungen, das sei ein guter Moment, um diese politisch riskante Konstellation aufzugeben, blieben Einzelstimmen aus der dritten Reihe. Die Grünen halten sich weiter offen, doch bekräftigte ihr Fraktionsvorsitzender Fritz Kuhn noch einmal, welch guten Eindruck Frau Schwan in der Grünen-Fraktion gemacht habe. Die Union - in Gestalt ihres Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder - zeigte sich dagegen überzeugt: „Horst Köhler wird im nächsten Jahr Bundespräsident bleiben.“

Paraderolle als klassenkämpferischer Ehrlicher

Peter Sodann kam 1936 im sächsischen Meißen als Sohn einer Arbeiterfamilie zur Welt. Wegen einer kritisch-satirischen Aufführung des Studentenkabaretts „Rat der Spötter“ verbrachte der junge Schauspieler neun Monate im Gefängnis und wurde aus der SED ausgeschlossen. Später wirkte er am Berliner Ensemble, in Erfurt, Karl-Marx-Stadt und Magdeburg. 1980 wurde Sodann Schauspieldirektor am „Theater des Friedens“ in Halle. In dieser Funktion baute er gemeinsam mit seinen Schauspielern in mühsamer Eigeninitiative das „Neue Theater“ auf. Im Sommer 2005 kündigte die Stadt Halle ihm als Schauspieldirektor und Intendanten des „Neuen Theaters“.

Einem breiterem westdeutschen Publikum wurde Sodann seit 1992 in seiner Rolle als Fernsehkommissar Ehrlicher bekannt, die er insgesamt 45-mal spielte. In seiner letzten „Tatort“-Episode („Die Falle“) schlägt sich Sodann passenderweise als klassenkämpferischer Ehrlicher mit Raubtierkapitalisten in Gestalt eines düsteren Bauunternehmers und seiner Handlangerin herum.

Sodann ist ein grantelnder Kämpfer gegen alles, was er als ungerecht erkennt, ein Herzenslinker, der den Sozialismus noch stets für eine gute Idee hielt und sich durch die Finanzkrise nun bestätigt sehen kann. Fans halten seinen Humor für hintersinnig und augenzwinkernd.

Zum überwiegenden Teil vernichtende Kritiken bekam Sodann für eine Kabaretttournee, die der „betende Kommunist“ kürzlich mit dem gleichaltrigen Nachwuchsschauspieler und „Herz-Jesu-Marxisten“ Norbert Blüm (CDU) unter dem Titel „Ost-West-Vis-à-Vis“ unternahm. Bei der Revue der Ressentiments handle es sich um ein schamloses Altherrengedeck am ostwestdeutschen Stammtisch, hieß es damals auch bei FAZ.NET über den Berliner Auftritt der beiden. Sodann alleine schaffe es, dass man sich schäme, Sachse zu sein. „Sodann hat alles, was man Ossis vorwirft, plus das, was Ossis an Westlern hassen.“ (Siehe auch: Peter Sodann: Ein allzu Ehrlicher)

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Jahrgang 1969, politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

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