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Bundespräsidenten-Kandidatin Klarsfeld : Besuch der alten Dame

  • -Aktualisiert am

Beate Klarsfeld im Jahr 2012: In der Bundespressekonferenz präsentiert die Linkspartei ihre Kandidatin für das Schloss Bellevue Bild: dapd

Die Linkspartei hat Beate Klarsfeld als Kandidatin für die Bundespräsidentenwahl nominiert. Klarsfeld gilt als „Nazi-Jägerin“. Aber das war sie nur im Westen - in der DDR war sie merkwürdig blind.

          Geht es nach der Linkspartei, soll Beate Klarsfeld Bundespräsidentin werden. Die „Nazi-Jägerin“ wurde 1968 berühmt, weil sie Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger eine Ohrfeige verpasst hatte - dafür, dass er Mitglied der NSDAP gewesen war. Mit dem Besuch dieser alten Dame in der Bundesversammlung lässt sich Staat machen. Die Linkspartei setzt allerdings auf denselben Reflex, mit dem schon die DDR ihren Antifaschismus inszenierte - ebenfalls mit Hilfe von Frau Klarsfeld. Denn die „Nazi-Jägerin“ verfolgte ihren selbstgestellten Auftrag 1968 tatsächlich auf recht einäugige Weise. Während sie ehemalige NSDAP-Mitglieder, die in Westdeutschland zu Amt und Würden gelangt waren, anprangerte, schwieg sie über die Nazis im Partei- und Regierungsapparat des SED-Staates.

          Dabei waren, im Zuge des deutsch-deutschen Widerstreits der sechziger Jahre, längst viele Fakten über den Verbleib ehemaliger NSDAP-Mitglieder in der DDR ans Tageslicht gebracht worden. Nachdem die SED mit ihren Enthüllungen über ehemalige Nazis in Regierung, Justiz und Wirtschaft das internationale Ansehen der jungen Bundesrepublik zu erschüttern suchte, reagierten westdeutsche Einrichtungen wie der antikommunistische „Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen“ mit einer Gegenkampagne über ehemalige Nazis in der DDR. Westdeutsche Medien berichteten Mitte der sechziger Jahre ausführlich über ehemalige Nazis im SED-Zentralkomitee, im DDR-Ministerrat und in der DDR-Volkskammer. Dort saßen damals unter den 400 Abgeordneten 51 frühere NSDAP-Leute.

          Unterstützung vom DDR-Nationalrat

          Als Frau Klarsfeld Ende April 1968 den DDR-Nationalrat in Ost-Berlin aufsuchte, um sich - wie es in einer dort verfassten Gesprächsnotiz heißt - „über die Vorbereitung einiger Aktionen gegen Kiesinger zu beraten und entsprechende Unterstützung zu erhalten“, kamen selbstverständlich nur die ehemaligen NS-Leute in der Bundesrepublik zur Sprache. Die West-Abteilung des SED-Zentralkomitees setzte umgehend SED-Chef Walter Ulbricht über die Pläne der „Nazi-Jägerin“ in Kenntnis. Daraufhin wurde der DDR-Nationalrat angewiesen, „Frau Klarsfeld jede sachdienliche Hilfe zu gewähren“. Am 9. Mai solle in West-Berlin eine Protestveranstaltung der Außerparlamentarischen Opposition „über die Nazi-Vergangenheit Kiesingers stattfinden“. Als Redner seien Johannes Agnoli, Günter Grass und Beate Klarsfeld vorgesehen. Kaum jemand wusste damals, dass Agnoli in jungen Jahren der faschistischen Bewegung in Italien und Grass der Waffen-SS angehört hatte.

          Der DDR-Nationalrat meldete dem SED-Zentralkomitee, er unterstütze die Veranstaltung „durch die Herstellung von 25.000 Broschüren DIN A5 ,Die Wahrheit über Kurt Georg Kiesinger‘ von B. Klarsfeld (siehe beiliegendes Material), 250 Veranstaltungsplakate DIN A2, 5000 Klebezettel zur Veranstaltung, 50 Fotokopiesätze zum Fall Kiesinger (Pressekonferenz), 5 Große Dokumentensätze zum Fall Kiesinger (65 Dokumente)“. Eine Pressekonferenz sei für den 10. Mai vorgesehen. Am 14. Mai werde Beate Klarsfeld in Paris ein „Kiesinger-Colloquium“ organisieren. „Die erforderliche publizistische Auswertung der von Frau Klarsfeld angekündigten Aktion gegen Kiesinger wird von uns veranlasst.“ Vertrauensleute der illegalen KPD in Westdeutschland hätten sich um die „von Frau Klarsfeld gewünschte anwaltliche Vertretung“ bemüht.

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