http://www.faz.net/-gpf-775b5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 22.02.2013, 16:10 Uhr

Bundespräsident Joachim Gauck Rede an die Nation

Eine „große Rede“ von Joachim Gauck war angekündigt. Es blieb nicht aus, dass der Bundespräsident angespannt wirkte. Denn er nahm sich ein Thema vor, das ihm lange nicht auf den Leib geschneidert schien: Europa.

von , Berlin
© dapd „Mehr Europa fordert: mehr Mut bei allen!“: Gauck am Freitag im Schloss Bellevue

Nicht allein, aber doch in erster Linie, ist es die Rede, die den Aufgabenbereich des Bundespräsidenten ausmacht. Mehr als die Politiker der Exekutive, denen das Handeln in der Sach- und auch der Machtpolitik zukommt, hat das deutsche Staatsoberhaupt seit 1949 über die Kraft des Wortes zu verfügen, will er Volk und - nicht ganz nebenbei - auch den politischen Betrieb überzeugen. Im Kern macht das seine Autorität aus.

Günter Bannas Folgen:

Vordergründige Rhetorik reicht freilich nicht. Lebenserfahrung, Klugheit und Besonnenheit sind die Elemente, die den Ansprachen von Bundespräsidenten Gehalt geben. Joachim Gauck, der aus der DDR stammende evangelische Pastor, brachte das alles mit - von Hause aus, wie zu sagen ist. Allenfalls hatte der bis zu seiner Wahl durch die Bundesversammlung vor demnächst einem Jahr erfolgreiche Vortragsreisende zu begreifen, dass eine an die Nation gerichtete Rede auch mehr sein muss als eine Predigt vor schon Überzeugten einer Religionsgemeinschaft.

Hohe Erwartungen

Lange wurde gewartet und gearbeitet, bis das Bundespräsidialamt einen Auftritt Gaucks auf besondere Weise hervorhob, von der Auswahl der Zuhörer, über die Einbettung in weitere Formen kommunikativer Wirkungsmöglichkeiten bis hin zur Vorbereitung der „Medien“. Es war in Kauf zu nehmen, dass die Erwartungen, wie das im manchmal hyperventilierenden Berlin üblich ist, über die Maßen geschraubt wurden: Eine „große Rede“, was denn sonst, musste es sein.

Gauck, der längst auch von denen geschätzt wird, die seiner Kandidatur für die Nachfolge Christian Wulffs zunächst ablehnend gegenüberstanden, nahm sich ein Thema vor, das ihm vor einem Jahr nicht auf den Leib geschneidert schien. Nicht die Freiheit des Menschen, nicht die Festigung der Demokratie, nicht die Bedeutung der Menschenrechte. Europa sollte es sein, und zwar das ganze Europa.

© reuters, Reuters Bundespräsident Gauck: „Kein Streben nach deutschem Diktat“

Es blieb nicht aus, dass Gauck angespannt wirkte und auch nervös. Wie denn auch anders? Gauck, der seine Reden so wie früher als „Bürger Gauck“ am liebsten selbst schreibt, hatte vieles zu beachten. Auch wenn seine Rede nicht auf die tagesaktuelle Politik beschränkt sein sollte, durfte sie doch die wesentlichen Elemente der Regierungspolitik nicht außer Acht lassen.

Mehr zum Thema

Einen weiten Bogen hatte er zu spannen: die Geschichte Europas, deutsche Schuld, die Währungspolitik, Erweiterung und Vertiefung der Europäischen Union, die dringliche Bitte an Engländer, Schotten, Nordiren und Waliser, in der Gemeinschaft europäischer Staaten zu bleiben.

Der Funktion des Bundespräsidenten, und wohl auch Gaucks Verständnis vom Amt, war es geschuldet, dass er bekennende Europäer wie auch Euro-Skeptiker ansprechen und im proeuropäischen Sinne überzeugen wollte. Sogar eine eigentümliche Form der Selbstkritik übte er. Die Formel aus der Anfangszeit seiner Präsidentschaft: „Wir wollen mehr Europa wagen“, würde er so „heute nicht mehr formulieren“, sagte er. Dass er am Ende zum selben Ergebnis kam, zeichnet den Europäer aus - und den Prediger auch.
 

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nach Anschlägen Polen fordert Erklärungen von Bundesregierung

Polen verfolge die Gewalt in Deutschland mit großer Sorge, sagt die polnische Ministerpräsidentin. Warschau macht sogar die Bundesregierung mitverantwortlich – und verlangt nun Antworten. Mehr

26.07.2016, 20:35 Uhr | Politik
Nach dem Putschversuch Türkische Regierung schließt zahlreiche Medienanstalten

Die türkische Regierung hat zahlreiche Medienanstalten schließen lassen. Nicht weiter publizieren dürften 45 Zeitungen, 15 Magazine und drei Nachrichtenagenturen, außerdem dürfen 16 Fernseh- und 23 Radiostationen nicht mehr auf Sendung gehen. Aus Regierungskreisen verlautete zudem, dass 1684 Militärangehörige wegen ihrer Rolle während des versuchten Putsches unehrenhaft entlassen worden seien. Mehr

28.07.2016, 09:02 Uhr | Politik
Unionsstreit nach Anschlägen Merkels Flüchtlingspolitik – ein Sicherheitsrisiko?

Nach der Gewaltserie in Bayern erhöht die CSU den Druck auf die Kanzlerin in der Flüchtlingspolitik. Ein Kommentator macht Merkel in der Parteizeitung Bayernkurier indirekt mit für die Anschläge verantwortlich – mit Seehofers Billigung? Mehr Von Oliver Georgi

27.07.2016, 13:44 Uhr | Politik
Bayrischer Innenminister Herrmann: Ansbach-Attentäter hatte direkt vor Anschlag Chat-Kontakt

Nach Angaben des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann hatte der 27-jährige Syrer unmittelbar vor der Tat Kontakt mit jemandem, der maßgeblich auf das Attentatsgeschehen Einfluss genommen habe. Mehr

27.07.2016, 16:39 Uhr | Politik
F.A.Z. exklusiv Generalbundesanwalt: Der Staat muss seine Bürger schützen

Drei Gewalttaten haben Deutschland erschüttert: Der Generalbundesanwalt beschreibt die Sicherheitslage in der F.A.Z. als angespannt. Trotzdem warnt er vor übereilten Antworten. Mehr Von Reinhard Müller

26.07.2016, 17:44 Uhr | Politik

Mehr Licht!

Von Reinhard Müller

Niemand will das Darknet verteufeln. Aber No-Go-Areas darf der Rechtsstaat im Netz so wenig akzeptieren wie im echten Leben Mehr 5