Home
http://www.faz.net/-gpf-775b5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Bundespräsident Joachim Gauck Rede an die Nation

Eine „große Rede“ von Joachim Gauck war angekündigt. Es blieb nicht aus, dass der Bundespräsident angespannt wirkte. Denn er nahm sich ein Thema vor, das ihm lange nicht auf den Leib geschneidert schien: Europa.

© dapd Vergrößern „Mehr Europa fordert: mehr Mut bei allen!“: Gauck am Freitag im Schloss Bellevue

Nicht allein, aber doch in erster Linie, ist es die Rede, die den Aufgabenbereich des Bundespräsidenten ausmacht. Mehr als die Politiker der Exekutive, denen das Handeln in der Sach- und auch der Machtpolitik zukommt, hat das deutsche Staatsoberhaupt seit 1949 über die Kraft des Wortes zu verfügen, will er Volk und - nicht ganz nebenbei - auch den politischen Betrieb überzeugen. Im Kern macht das seine Autorität aus.

Günter Bannas Folgen:    

Vordergründige Rhetorik reicht freilich nicht. Lebenserfahrung, Klugheit und Besonnenheit sind die Elemente, die den Ansprachen von Bundespräsidenten Gehalt geben. Joachim Gauck, der aus der DDR stammende evangelische Pastor, brachte das alles mit - von Hause aus, wie zu sagen ist. Allenfalls hatte der bis zu seiner Wahl durch die Bundesversammlung vor demnächst einem Jahr erfolgreiche Vortragsreisende zu begreifen, dass eine an die Nation gerichtete Rede auch mehr sein muss als eine Predigt vor schon Überzeugten einer Religionsgemeinschaft.

Hohe Erwartungen

Lange wurde gewartet und gearbeitet, bis das Bundespräsidialamt einen Auftritt Gaucks auf besondere Weise hervorhob, von der Auswahl der Zuhörer, über die Einbettung in weitere Formen kommunikativer Wirkungsmöglichkeiten bis hin zur Vorbereitung der „Medien“. Es war in Kauf zu nehmen, dass die Erwartungen, wie das im manchmal hyperventilierenden Berlin üblich ist, über die Maßen geschraubt wurden: Eine „große Rede“, was denn sonst, musste es sein.

Gauck, der längst auch von denen geschätzt wird, die seiner Kandidatur für die Nachfolge Christian Wulffs zunächst ablehnend gegenüberstanden, nahm sich ein Thema vor, das ihm vor einem Jahr nicht auf den Leib geschneidert schien. Nicht die Freiheit des Menschen, nicht die Festigung der Demokratie, nicht die Bedeutung der Menschenrechte. Europa sollte es sein, und zwar das ganze Europa.

© reuters, Reuters Vergrößern Bundespräsident Gauck: „Kein Streben nach deutschem Diktat“

Es blieb nicht aus, dass Gauck angespannt wirkte und auch nervös. Wie denn auch anders? Gauck, der seine Reden so wie früher als „Bürger Gauck“ am liebsten selbst schreibt, hatte vieles zu beachten. Auch wenn seine Rede nicht auf die tagesaktuelle Politik beschränkt sein sollte, durfte sie doch die wesentlichen Elemente der Regierungspolitik nicht außer Acht lassen.

Mehr zum Thema

Einen weiten Bogen hatte er zu spannen: die Geschichte Europas, deutsche Schuld, die Währungspolitik, Erweiterung und Vertiefung der Europäischen Union, die dringliche Bitte an Engländer, Schotten, Nordiren und Waliser, in der Gemeinschaft europäischer Staaten zu bleiben.

Der Funktion des Bundespräsidenten, und wohl auch Gaucks Verständnis vom Amt, war es geschuldet, dass er bekennende Europäer wie auch Euro-Skeptiker ansprechen und im proeuropäischen Sinne überzeugen wollte. Sogar eine eigentümliche Form der Selbstkritik übte er. Die Formel aus der Anfangszeit seiner Präsidentschaft: „Wir wollen mehr Europa wagen“, würde er so „heute nicht mehr formulieren“, sagte er. Dass er am Ende zum selben Ergebnis kam, zeichnet den Europäer aus - und den Prediger auch.
 

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Trauerfeier im Kölner Dom Wir erschrecken über das Böse

Im Kölner Dom haben rund 1400 Menschen bei einem Trauergottesdienst der Opfer des Flugzeugabsturzes gedacht. Neben etwa 500 Angehörigen waren auch Kanzlerin Merkel und der Bundespräsident gekommen. Uns fehlen die Worte für diese Tag, sagte Gauck. Mehr

17.04.2015, 13:12 Uhr | Gesellschaft
Ehemaliger Bundespräsident Merkel und Gauck würdigen Richard von Weizsäcker

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck haben an den verstorbenen Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker erinnert: Er habe das Amt des Bundespräsidenten auf bleibende Weise geprägt. Mehr

01.02.2015, 14:21 Uhr | Politik
Trauerfeier im Kölner Dom Ins Mark getroffen

Im Kölner Dom gedenken 1400 Menschen der Opfer des Flugzeugabsturzes vor drei Wochen – auch des Kopiloten, der die Katastrophe verursacht hatte. Das Urteil über ihn müsse man Gott überlassen, sagt der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki. Mehr Von Reiner Burger, Köln

17.04.2015, 16:52 Uhr | Gesellschaft
Das ging daneben Tschechische Demonstranten bewerfen Gauck mit Eiern

Bundespräsident Joachim Gauck ist bei seinem Besuch in Prag mit Eiern beworfen worden. Dabei sollte eigentlich jemand ganz anderes getroffen werden. Mehr

18.11.2014, 11:38 Uhr | Politik
Mit 65 Jahren Zur Rente verdammt

Die Programmiererin Rose-Rita Schäfer geht heute mit 65 Jahren in Rente, leider. Denn sie würde gerne länger arbeiten. Doch das geht nicht. Deswegen lädt sie ihre Kollegen zur Trauerfeier. Mehr Von Sven Astheimer

17.04.2015, 11:15 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 22.02.2013, 16:10 Uhr

Ein Krieg der Intelligenz

Von Volker Zastrow

Warum blieben die Terroristen des „Islamischen Staats“ so lange im Verborgenen? Weil er höchst professionell im Verborgenen operierte und erst zuschlug, als er stark genug war. Die Fäden zogen Geheimdienstler. Ein Kommentar. Mehr 37 28