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Bundespräsident Joachim Gauck Rede an die Nation

 ·  Eine „große Rede“ von Joachim Gauck war angekündigt. Es blieb nicht aus, dass der Bundespräsident angespannt wirkte. Denn er nahm sich ein Thema vor, das ihm lange nicht auf den Leib geschneidert schien: Europa.

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© dapd Vergrößern „Mehr Europa fordert: mehr Mut bei allen!“: Gauck am Freitag im Schloss Bellevue

Nicht allein, aber doch in erster Linie, ist es die Rede, die den Aufgabenbereich des Bundespräsidenten ausmacht. Mehr als die Politiker der Exekutive, denen das Handeln in der Sach- und auch der Machtpolitik zukommt, hat das deutsche Staatsoberhaupt seit 1949 über die Kraft des Wortes zu verfügen, will er Volk und - nicht ganz nebenbei - auch den politischen Betrieb überzeugen. Im Kern macht das seine Autorität aus.

Vordergründige Rhetorik reicht freilich nicht. Lebenserfahrung, Klugheit und Besonnenheit sind die Elemente, die den Ansprachen von Bundespräsidenten Gehalt geben. Joachim Gauck, der aus der DDR stammende evangelische Pastor, brachte das alles mit - von Hause aus, wie zu sagen ist. Allenfalls hatte der bis zu seiner Wahl durch die Bundesversammlung vor demnächst einem Jahr erfolgreiche Vortragsreisende zu begreifen, dass eine an die Nation gerichtete Rede auch mehr sein muss als eine Predigt vor schon Überzeugten einer Religionsgemeinschaft.

Hohe Erwartungen

Lange wurde gewartet und gearbeitet, bis das Bundespräsidialamt einen Auftritt Gaucks auf besondere Weise hervorhob, von der Auswahl der Zuhörer, über die Einbettung in weitere Formen kommunikativer Wirkungsmöglichkeiten bis hin zur Vorbereitung der „Medien“. Es war in Kauf zu nehmen, dass die Erwartungen, wie das im manchmal hyperventilierenden Berlin üblich ist, über die Maßen geschraubt wurden: Eine „große Rede“, was denn sonst, musste es sein.

Gauck, der längst auch von denen geschätzt wird, die seiner Kandidatur für die Nachfolge Christian Wulffs zunächst ablehnend gegenüberstanden, nahm sich ein Thema vor, das ihm vor einem Jahr nicht auf den Leib geschneidert schien. Nicht die Freiheit des Menschen, nicht die Festigung der Demokratie, nicht die Bedeutung der Menschenrechte. Europa sollte es sein, und zwar das ganze Europa.

© reuters, Reuters Vergrößern Bundespräsident Gauck: „Kein Streben nach deutschem Diktat“

Es blieb nicht aus, dass Gauck angespannt wirkte und auch nervös. Wie denn auch anders? Gauck, der seine Reden so wie früher als „Bürger Gauck“ am liebsten selbst schreibt, hatte vieles zu beachten. Auch wenn seine Rede nicht auf die tagesaktuelle Politik beschränkt sein sollte, durfte sie doch die wesentlichen Elemente der Regierungspolitik nicht außer Acht lassen.

Einen weiten Bogen hatte er zu spannen: die Geschichte Europas, deutsche Schuld, die Währungspolitik, Erweiterung und Vertiefung der Europäischen Union, die dringliche Bitte an Engländer, Schotten, Nordiren und Waliser, in der Gemeinschaft europäischer Staaten zu bleiben.

Der Funktion des Bundespräsidenten, und wohl auch Gaucks Verständnis vom Amt, war es geschuldet, dass er bekennende Europäer wie auch Euro-Skeptiker ansprechen und im proeuropäischen Sinne überzeugen wollte. Sogar eine eigentümliche Form der Selbstkritik übte er. Die Formel aus der Anfangszeit seiner Präsidentschaft: „Wir wollen mehr Europa wagen“, würde er so „heute nicht mehr formulieren“, sagte er. Dass er am Ende zum selben Ergebnis kam, zeichnet den Europäer aus - und den Prediger auch.
 

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