Home
http://www.faz.net/-gpf-74gpb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Bund der Vertriebenen Viele Funktionäre früher als Nazis aktiv

Mehr als die Hälfte der Präsidiumsmitglieder des Bundes der Vertriebenen war einst in der NSDAP. Das ist das Ergebnis einer Studie des Instituts für Zeitgeschichte im Auftrag des Verbandes.

© UPI April 1960: Der Präsident des Bundes der Vertriebenen, Hans Krüger, auf dem Treffen der Landsmannschaft der Schlesier in Bonn

Der Bund der Vertriebenen (BdV) hat erstmals eingestanden, dass in seiner Gründungsphase und teilweise bis in die späten neunziger Jahre hinein die Mehrzahl seiner Spitzenfunktionäre erheblich in das nationalsozialistische Regime verstrickt war. Die Präsidentin des Verbandes, Erika Steinbach, teilte am Montag mit, in einer Studie des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) werde deutlich, „dass eine überwiegende Anzahl des damaligen Präsidiumsmitglieder in sehr unterschiedlicher Weise in das NS-Regime eingebunden oder durch eigene NS-Aktivitäten belastet war.“ Frau Steinbach hatte noch vor drei Jahre dem Internetportal „Tagesschau.de“ gesagt: „Aber eines müssen wir sagen, wir haben mehr Widerstandskämpfer bei uns im Verband, als dass wir Nationalsozialisten haben.“

Peter Carstens Folgen:

Der IfZ-Studie war 2007 von Frau Steinbach initiiert und vom Innenministerium mit etwa 100.000 Euro gefördert worden. Vorausgegangen waren Recherchen der Zeitschrift „Der Spiegel“, die eine im bundesdeutschen Vergleich weit überdurchschnittliche Zahl von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern beim Bund der Vertriebenen ermittelt hatte.

Im Regime engagiert oder vom Regime protegiert

Wegen internen Schwierigkeiten, ein Forscher erkrankte schwer, und einem zunächst tendenziell apologetischen und jedenfalls handwerklich schlechten Forschungsansatz, musste ihr Erscheinen mehrfach verschoben werden. Das Buch, das dieser Tage erscheint, trägt nun den Titel „Funktionäre mit Vergangenheit“. Elf von dreizehn Mitgliedern des BdV-Gründungspräsidiums werden darin als frühere „Träger des Regimes“ bezeichnet. Lediglich der Anfangsvorsitzende Wenzel Jaksch (SPD) und der CDU-Politiker und nachmalige NPD-Kandidat Linus Kather werden als „Nichtnationalsozialisten“ eingestuft. Im BdV-Präsidium, das öffentliche Aufmerksamkeit genoss, lag der Anteil der ehemaligen NSDAP-Mitglieder bei 61,6 Prozent, schreibt der Historiker Michael Schwartz.

Unter denen, die nicht in der NSDAP waren, befinden sich außerdem einzelne Personen, die dies wegen ihrer damaligen Staatsangehörigkeit nicht sein konnten oder ihre unbedingte Regimetreue durch frühzeitige Zugehörigkeit zur SS dokumentierten, wie der langjähriger Verbandsvizepräsident Rudolf Wollner. Wollner, der in der „Leibstandarte Adolf Hitler“ war, übte diese Funktion von 1962 bis 1996 durchgehend aus. Über die Parteimitgliedschaft hinaus waren die meisten BfV-Präsiden vor 1945 im Regime engagiert oder vom Regime protegiert etwa als Kriegsverwalter in besetzten Gebieten, „Gebietskommissar in der Ukraine“, „Goldener Gauehrenschild“-Träger Abteilungsleiter in Kattowitz oder SS-Panzergrenadier.

Steinbach bleibt Vertriebenen-Praesidentin © dapd Vergrößern Die BdV-Präsidentin Erika Steinbach

In mindestens einem Fall (Schellhaus) sei es, so der Autor der Studie, „sehr wahrscheinlich, dass der Betreffende an der „NS-spezifischen Partisanenkriegsführung“ in Weißrussland beteiligt war, die „auch in Beteiligung an Massenmorden an jüdischen Bevölkerungsgruppen gemündet sein kann“.

„Engagiert in unsere Demokratie eingebracht“

Frau Steinbach hebt in ihrer Erklärung hervor, „vom Nationalsozialismus geprägtes Gedankengut oder extremistische Strömungen“ hätten „keinen Eingang in die Verbandspolitik des BdV“ gefunden. Ihr Vorgänger Herbert Czaja hatte, so die Studie, allerdings bereits 1996 festgestellt, es habe im BdV eine „extrem deutschnationale und zum Teil nationalsozialistische Grundbeeinflussung“ gegeben. Das sei „eine aufzuarbeitende Schwäche“. Ein Jahrzehnt später öffnete sich die BdV-Präsidentin dieser Einsicht.

Ungeklärt bleibt in der Studie die Frage, inwieweit Vertriebenen-Funktionäre ihre Verbandsämter auch aus Interesse einer Strafvermeidung innehatten. Frau Steinbach verweist darauf, dass es im „Millionenheer der Entwurzelten“ Männer „mit zuvor gesammelter organisatorischer Erfahrung waren, die das Heft“ beim BdV in die Hand genommen hätten. Sie hätten sich „engagiert in unsere Demokratie eingebracht“. Im übrigen, schreibt die BdV-Präsidentin, habe es 1949 auch bei der SED in der DDR noch 25 Prozent ehemalige NSDAP-Mitglieder gegeben. „Viele Säulenheilige des Nachkriegsgeisteslebens“, wie etwa Günter Grass oder Walter Jens müssten „inzwischen mit ihrer nicht ganz so lupenreinen Vita leben“.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Skandal beim Fußball-Weltverband Fifa-Bosse bereiten sich auf juristische Schlacht vor

Die Furcht einiger Fußballbosse ist groß, dass sich der Fifa-Skandal ausweitet und zur Existenzbedrohung wird. Nun engagieren sie Staranwälte. Die Juristen wittern ein Geschäft – und verlangen hohe Summen. Mehr Von Michael Ashelm

20.06.2015, 10:47 Uhr | Sport
IS-Extremisten vertrieben Kurdische Milizen haben IS-Extremisten aus Kobani vertrieben

Nach Informationen der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte haben kurdische Milizen die IS-Extremisten aus der Stadt Kobane an der türkischen Grenze vertrieben. Die Kämpfer der kurdischen Miliz kontrollierten wieder die gesamte Stadt. Mehr

28.06.2015, 11:50 Uhr | Politik
Verbrechen an Vertriebenen Das Massaker von Prerau

Im Jahr 1945 flohen Zehntausende vor wilden Vertreibungen im ehemaligen deutschen Protektorat Böhmen und Mähren. Zahlreiche Heimkehrertransporte wurden überfallen und ausgeraubt, viele Passagiere getötet - so auch in Prerau. Mehr Von Karl-Peter Schwarz, Wien

18.06.2015, 19:45 Uhr | Politik
Der Majdan in Kiew Sinnbild für Revolution und Widerstand

Alles begann auf dem Majdan: im Herbst 2013 gingen hunderttausende Ukrainer in Kiew auf die Straße, um Präsident Janukowitsch zum Rücktritt zu zwingen und den Umsturz herbeizuführen. Viele der Aktivisten von damals sind in ihre alten Berufe zurückgekehrt, andere nahmen auf den Stühlen derer Platz, die sie vertrieben haben. Mehr

04.04.2015, 10:12 Uhr | Gesellschaft
Franz Josef Strauß Bayerns allerletzter Herrscher

Als die CDU 1979 mehrheitlich für eine Nominierung des niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht zum Kanzlerkandidaten eintrat, schlug die CSU Franz Josef Strauß vor. Den habe man regelrecht drängen müssen, mit CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber als Antreiber! Mehr Von Rainer Blasius

23.06.2015, 11:19 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.11.2012, 21:55 Uhr

Was wirklich ist

Von Jasper von Altenbockum

Die wichtigste Botschaft der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts blieb unausgesprochen: Die Sicherheitsdebatte in Berlin hat sich von der Wirklichkeit weit entfernt. Mehr 3