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Bütikofer-Nachfolge bei den Grünen „Irgendwer musste ja was tun“

02.06.2008 ·  Die Grünen haben in der Frage der Nachfolge Reinhard Bütikofers Aussichten auf einen echten Zweikampf: Volker Ratzmann gegen Cem Özdemir - oder auch: ehemaliger Linker gegen Realo. Schon sind sie da - die kleinen, versteckten Bosheiten, die zu einem solchen Kräftemessen gehören.

Von Stephan Löwenstein, Berlin
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Volker Ratzmann hat immer gerne gehandwerkelt. Zumindest nach der Erinnerung des heutigen Linksparteipolitikers Harald Wolf, und der muss es wissen, denn er hat fünf Jahre mit Ratzmann in einer Wohngemeinschaft gewohnt. „Wobei man sagen muss, manches Produkt war doch sehr provisorisch. Aber er war stets bemüht. Ich erinnere mich da an eine Badrenovierung . . .“ An dieser Stelle warf Ratzmann in einem Doppelinterview mit den beiden einstigen WG-Genossen, das in der Berliner Zeitung „Tagesspiegel“ vor zwei Jahren erschien, ein: „Irgendwer musste ja was tun, bevor das Ding zusammenfällt.“

Möglicherweise sind es derartige Qualitäten Ratzmanns, die ihn für manche Grüne zum geeigneten Kandidaten für den Parteivorsitz machen. Derzeit führt er die Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus gemeinsam mit Franziska Eichstädt-Bohlig. Im Frühjahr dieses Jahres, als der Bundesvorsitzende Reinhard Bütikofer seinen Rückzug von der Parteispitze und eine Kandidatur fürs Europaparlament ankündigte, war er nach einigen Wochen, in denen andere heftig abgewinkt haben, der erste, der das Amt als grundsätzlich reizvoll bezeichnete, wenn er selbst auch noch nicht entschieden sei. Jetzt hat ihn die Bundestags-Fraktionsvorsitzende Renate Künast am Wochenende gewissermaßen als ihren Kandidaten ausgerufen.

Özdemir: „Stehe zur Verfügung“

Prompt sprachen sich die Exponenten des „Realo“-Parteiflügels Boris Palmer, Antje Hermenau, Anja Hajduk und Tarek Al-Wazir für Cem Özdemir aus. Der Europaabgeordnete hatte zunächst zu denen gehört, die eine Kandidatur abgelehnt hatten. Am Montag aber teilte er mit, wenn die Partei das wolle, stehe er zur Verfügung.

Somit haben die Grünen nach Monaten, in denen ihr Spitzenposten neben der anderen Vorsitzenden Claudia Roth eher wie ein sibirisches Straflager erscheinen mochte, jetzt Aussichten auf einen echten Zweikampf. (Siehe auch: Özdemir kündigt Kandidatur für Parteivorsitz an)

Unruhe und kleine Bosheiten

Auch die kleinen, versteckten Bosheiten, die zu einem solchen Kräftemessen gehören, sind hier schon aufgetreten. Da ist über Özdemir zu hören, er sei nicht fleißig genug für dieses Amt, er habe Gremiensitzungen nicht gerade erfunden, und es werde nicht genügen, zwei, drei Interviews in der Woche abzuwerfen.

Auch dass er 2009 wieder in den Bundestag möchte, hat Unruhe erzeugt, vor allem in Baden-Württemberg, wo gute Listenplätze für Männer besonders umkämpft sind. Gegen Ratzmann wird andererseits ins Feld geführt, dass er kein in der Wolle gefärbter „Realo“ sei und somit in einer Führungstruppe mit Roth, Künast, Jürgen Trittin und, ach ja, Fritz Kuhn ein linkes Übergewicht entstünde. Auch ein gelegentlicher Hinweis auf seine Neigung, sich die Sonnenbrille ins Haar zu schieben, wenn er aus seinem Saab-Cabriolet aussteigt, fehlt nicht.

Ratzmann kommt in der Tat von der Linken her. Dabei hatte er sich nicht so sehr innerhalb der Partei betätigt, sondern war mehr als der „Demo-Rechtsanwalt“ in Erscheinung getreten. Erst vor etwa acht Jahren trat er auf die landespolitische Bühne – auf Anregung unter anderem von seiner Berliner Parteifreundin und Rechtsanwalt-Kollegin Renate Künast.

Die Stunde der Parteiflügel

Seit zwei Jahren an der Spitze der Abgeordnetenhausfraktion, macht er eine pragmatische Politik und scheut dabei – anders als die Grünen im Bund – gemeinsame Initiativen mit den anderen Oppositionsparteien nicht, nicht einmal mit der FDP. Durch gelegentliche Pasta-Treffen mit den Protagonisten von CDU und FDP hat er sich den Ruf erworben, von einer „Jamaika-Opposition“ in eine entsprechende Regierung zu streben. Jamaika sei keine Schimäre, sagte er einmal, habe aber „derzeit“ keinen Realitätsgehalt, wenn es ums Regieren gehe. Andererseits hat er zuletzt mit Heftigkeit (und gemeinsam mit Rot-Rot) die „bürgerliche“ Initiative für den Erhalt des Flughafens Tempelhof bekämpft.

Im Parteirat ist die Vorsitzendenfrage am Montag überhaupt nicht erwähnt worden. Stattdessen schlägt jetzt die Stunde der Parteiflügel, genauer: des Flügels der „Realos“, die neuerdings gerne „Reformer“ genannt werden wollen. Die Linken haben sich auf einem Treffen am Wochenende auf Abwarten verständigt – ihre Kandidatin Roth ist unangefochten. Ebenfalls am Wochenende fand ein besonders für Özdemir wichtiges Treffen der baden-württembergischen Realos in Stuttgart statt. Eine mögliche Ursache von Vorbehalten gegen sich beseitigte er dabei: Er machte klar, dass er für den Bundestag nicht auf einem Listenplatz gegen den derzeitigen Bundestagsabgeordenten Alexander Bonde antreten werde. Er wird also versuchen müssen, die Parteilinken Winfried Herrmann oder Gerhard Schick zu verdrängen.

Die Bundes-Realos trafen sich am Montag abend zu einer ersten Aussprache. In der zweiten Junihälfte wird man zu einem zweitägigen Treffen zusammenkommen. Dann wird klar sein, ob auf dem Parteitag im November zwei oder gar noch mehr Kandidaten um die Bütikofer-Nachfolge antreten, oder ob – was derzeit unwahrscheinlich erscheint – doch nur einer.

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Jahrgang 1968, politischer Korrespondent in Berlin.

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