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Bürgermeisterwahl in Stuttgart Ein „Brettlesbohrer“ will weitermachen

07.10.2004 ·  In Stuttgart geht es am Sonntag um die Frage, ob Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) an der Spitze der Schwaben-Metropole weiterarbeiten und an die Wahlerfolge und Amtszeiten seiner großen Vorgänger Rommel und Klett anknüpfen kann.

Von Dieter Wenz, Stuttgart
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In Stuttgart geht es am Sonntag um die Frage, ob Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) an der Spitze der Schwaben-Metropole weiterarbeiten und an die Wahlerfolge und Amtszeiten seiner großen Vorgänger Rommel und Klett anknüpfen kann.

Schusters Schaffenskraft wird rundum gerühmt, doch attestiert ihm mancher auch einen "Leitz-Ordner-Charme". Wer einen "Unterhaltungskünstler" wolle, "der sollte jemanden anderen wählen", winkte Schuster zuletzt im Kommunalwahlkampf ab. Er ist der dritte Rathauschef in der Nachkriegsgeschichte der Stadt.

„Gmäht's Wiesle“

Eigentlich müßte seine Wiederwahl ein "gmäht's Wiesle" sein, wie es im Schwäbischen heißt, eine sichere Sache, denn der 55 Jahre alte Jurist dürfte einer der erfolgreichsten Verwaltungsleiter Deutschlands sein. "Der Stadthaushalt 2004 ist auf einem guten und soliden Kurs", konnte sein Stuttgarter Kämmerer dieser Tage vermelden: Die Kommune nehme in diesem Jahr 25 Prozent mehr Gewerbesteuern ein als veranschlagt.

Die Arbeitslosenquote in der Stadt wurde in den letzten Jahren um ein Drittel gesenkt. Halbiert wurden die Schulden der Landeskapitale, die nunmehr die niedrigste Pro-Kopf-Verschuldung aller Großstädte Deutschlands hat. Die Kriminalitätsrate sank um 20 Prozent, die Wirtschaft am Ort wächst gegen den allgemeinen Trend. Mehrere Kommunalgebühren sollen abermals vermindert werden. Die Grund- und Gewerbesteuern sind bereits so niedrig wie in keiner anderen Großstadt der Republik.

„Phantasielosen Herumbetonierereien“

Was also läßt sich gegen einen Schultheißen sagen, dessen Gemeinwesen blüht und brummt? Daß er weniger fachhubernd daherkommen solle, "weil eine Stadt nicht nur eine Verwaltungsgröße ist", meint die Kandidatin der SPD, die 56 Jahre alte Bundestagsabgeordnete Ute Kumpf, die Stuttgart "menschlich gestalten" und die Bürger "mitnehmen" will.

"Schuster kann es nicht wirklich", moniert unterdessen jugendfrech der 32 Jahre alte grüne Landtagsabgeordnete Boris Palmer, der neben Frau Kumpf aussichtsreichste Kandidat und Herausforderer des Amtsinhabers. Er spricht von "phantasielosen Herumbetonierereien" des Rathausoberen.

Faktor Frau

Frau Kumpf ist kein politisches Leichtgewicht. Seit 2002 wirkt sie als Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion. Aufgewachsen ist sie im bayerischen Lenting in einem Gastwirts- und Metzgershaushalt, was sie geprägt hat; früh mußte sie sich "gegen Kerle und ihre Kraftmeiereien durchsetzen".

Sie studierte Volkswirtschaft in Heidelberg und Karlsruhe. Lange arbeitete sie bei der IG Metall und beim DGB. 1998 gewann sie als Stuttgarter SPD-Kreisvorsitzende ihr erstes Direktmandat für den Bundestag. Unterstützt wird sie von einer Initiative um den Autor Felix Huby, den Historiker Eberhard Jäckel und den früheren Daimler-Benz-Vorstandsvorsitzenden Edzard Reuter. Die tüchtige Frau mit dem mütterlichen Charme baut nicht zuletzt darauf, "daß die Frauen hier nicht nur eine Frau an der Spitze der Stadt wollen, sondern sie endlich auch dorthin wählen".

Politisches Talent

Boris Palmer, der Kandidat der Grünen, ist ein Sohn des als "Remstalrebell" bekannt gewordenen Landwirts und Obstbauphilosophen Helmut Palmer. Der hat den Obrigkeiten im Ländle und darüber hinaus manche Wahrheiten entgegengeschleudert, ist aber an eigenen Maßlosigkeiten immer wieder gescheitert. Er vermochte sich nicht zu beherrschen - ganz anders als sein Sohn, der Alkohol nicht zu sich nimmt, "einfach, weil ich die Kontrolle behalten will".

Er möchte Stuttgart "mit dem Auto versöhnen", die Stadt, die vom Auto lebt wie kaum eine andere und unter dem täglichen Innenstadtverkehr fast erstickt. Palmer, der in Tübingen lebt, wo er die Fächer Mathematik und Geschichte für das Lehramt studierte, schlägt Untertunnelungen vor, die durch eine Veräußerung der städtischen Anteile am Flughafen "durchaus zu finanzieren wären". Viele im Land, nicht nur unter den Grünen, sprechen von einem politischen Talent, "von dem noch zu hören sein wird".

Mehr Arbeiter als Verkäufer

Eigentlich wolle er "nur konzentriert und qualitätsvoll arbeiten", bekräftigt der Oberbürgermeister Schuster und sagt von sich, daß er "gewiß mehr ein Arbeiter als ein Verkäufer" sei. Im Alter von 25 Jahren wurde der Sohn eines katholischen Rechtsanwalts der jüngste Stadtrat in Ulm, mit 27 Jahren Mitarbeiter im baden-württembergischen Staatsministerium, mit 30 persönlicher Referent des Oberbürgermeisters Rommel und mit 36 Verwaltungschef in Schwäbisch Gmünd. 1993 holte Rommel seinen politischen Ziehsohn als Kulturbürgermeister nach Stuttgart zurück, bis Schuster drei Jahre darauf Rommel im Führungsamt der Stadt nachfolgte.

"In ernsten Zeiten brauchen wir einen ernsten Mann", wirbt jetzt eine Wahlinitiative für den Amtsinhaber. Sie wird auch von FDP-Leuten, Mitgliedern Freier Wählervereinigungen, Politikern wie dem früheren Außenminister Kinkel und Sportlern wie dem Stuttgarter Fußballidol Hansi Müller gestützt - nicht nur vom christlich-demokratischen Lager, wie es deshalb heißt, "sondern von einem breiten bürgerlichen Spektrum".

„Boomtown Stuttgart“

Wie schwer kann derlei wiegen, wenn die CDU schwächer wird? Bei der Kommunalwahl im vergangenen Juni jedenfalls verlor die Union deutlich an Zuspruch, und dies nicht nur in Universitätsstädten wie Freiburg und Heidelberg, sondern auch in der schwäbischsoliden Landeshauptstadt. In Stuttgarts Innenstadtbezirken siegten fast durchweg die Grünen, deren Stimmenanteil um fast die Hälfte wuchs; die SPD, die damals noch in einer tiefen Krise steckte, blieb nahezu stabil. Das macht auch Schuster nachdenklich. "Wir treffen nicht mehr das Lebensgefühl in den Städten", wird seit kurzem in seiner Partei gesagt. "Wir müssen mehr für die jungen Familien tun."

Die Grünen hätten schon fast einmal eine Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl gewonnen, vor acht Jahren bei der letzten Wahl. Damals unterlag für die Grünen der Bundestagsabgeordnete Rezzo Schlauch nur knapp gegen Schuster. Nun steht der Kandidat Palmer noch am Anfang seiner Laufbahn. Und was die diagnostizierten Familiendefizite angeht, müht sich die Gemeinde inzwischen um den Ruf einer besonders "kinderfreundlichen Stadt". Sie ist die siebtgrößte Metropole Deutschlands, ihr Umfeld das wirtschaftsstärkste in Europa. Die "Boomtown Stuttgart" zählt 589 395 Einwohner. "Sie rumpelt und wächst", jubeln die kommunalen Planer.

Als eine der Ursachen des Stuttgarter Bürgerstolzes gilt, daß die Stadt dennoch urban geblieben ist. "Wir können nicht nur Autoverkehr und Spätzle", witzelt ein technischer Angestellter auf dem Schloßplatz und deutet stolz auf "das Grün und die Weinberge ringsum". Es fällt das Wort von der "Liebe auf den zweiten Blick". "Ist doch gut, wenn er das Geld zusammenhält", sagt die Geschäftsfrau Erika Meinert vor dem Café Stöckle in der Johannesstraße und meint den "OB Schuster", der "unsere Straßen saubergehalten und noch ein Stück sicherer gemacht hat". Einen "Talkmaster", "einen Rudi Carrell" im Rathaus, so lautet das Urteil eines Damenstammtischs im Westen der Stadt, "des brauchet und wellet mer nit".

Zu reden ist vom spröden Charme altwürttembergischen Schaffens und von der Wahrscheinlichkeit, daß die Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl erst in gut zwei Wochen, in der Stichwahl, entschieden wird. Wenn nicht alles täuscht, werden die Stuttgarter noch einmal ihren nüchtern-trockenen Oberbürgermeister Schuster wählen, der sich, anders als der legendäre Rommel, keine lustigen Witze und keine Späßle merken kann. Er sei nur ein "schwäbischer Brettlesbohrer", sagt er manchmal.

Was läßt sich gegen einen Oberbürgermeister sagen, wenn es der Stadt gutgeht? Daß er zu nüchtern sei? "Wir können nicht nur Autoverkehr und Spätzle", heißt es in Stuttgart. Aber ein "Talkmaster" müsse es deshalb auch nicht sein.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2004, Nr. 233 / Seite 3
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Jahrgang 1947, Redakteur in der Politik.

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