http://www.faz.net/-gpf-7j7gs

Bürgerentscheid über Olympia-Bewerbung : Fünf Ringe und der Hang zur Anarchie

  • -Aktualisiert am

Voralpen-Idylle Ruhpolding: Auf diesen Wiesen sollen sie (mit den Ski) laufen, wenn München die Winterspiele 2022 austrägt Bild: Finger, Stefan

Eine ganz große Koalition im Freistaat wünscht eine Bewerbung um die Winterspiele 2022. Millionen Bürger Münchens und Oberbayerns stimmen darüber am Sonntag ab. Olympischen Übereifer löst das jedoch nicht aus.

          Die Fülle der Demokratie dürfen die Bayern auskosten. Nach der Landtags- und der Bundestagswahl ist am Sonntag ein Teil des bayerischen Staatsvolks schon wieder in der Pflicht: In München und Garmisch-Partenkirchen sowie in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land wird in Bürgerentscheiden über eine Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2022 abgestimmt.

          Nach der parteipolitischen Arithmetik müsste es ein spannungsfreier Sonntag werden; im Landtag hat sich eine ganz große Koalition aus CSU, Freien Wählern und SPD zur Unterstützung formiert, nur die Grünen fordern olympische Abstinenz.

          Doch in Bayern ist der Hang zur Anarchie tief verwurzelt. Auch für den Bau einer dritten Start- und Landebahn am Flughafen Franz Josef Strauß warb eine ganz große Koalition; genutzt hat es beim Bürgerentscheid in München nichts. Die Obrigkeit mag ihre Wege gehen, die Bevölkerung geht ihre - niemand hat das mehr verinnerlicht als der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer, der mal Obrigkeit, mal Bevölkerung ist.

          So gesehen könnte es bei der olympischen Bewerbung sein, dass die Bürger auf die Anfeuerungsrufe kleiner und großer Funktionäre einfach mit Bewegungslosigkeit reagieren. Was schon das Ende olympischer Ambitionen bedeuten könnte, da für ein bindendes Bürgervotum eine Mindestzahl der Wahlberechtigten zustimmen muss - in München immerhin zehn Prozent.

          „Das Gesicht der Heimatschutzbewegung“: Axel Döring an der großen Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen

          Obrigkeit, der es zu widerstehen gilt, kann in Bayern auch hinter Schreibblöcken und Kameras vermutet werden. Es bedarf in Garmisch großer Überredungskünste, Axel Doering, den örtlichen Vorsitzenden des Bundes Naturschutz, zu bewegen, mit uns zur Olympiaschanze am Gudiberg zu fahren. Doering, ein pensionierter Förster, ist „das Gesicht der Heimatschutzbewegung“, wie ihn ein Mitstreiter vorstellt.

          Ein knorriger Mann, von dem man sich früher wohl besser nicht bei einer spontanen Akquise eines Weihnachtsbaums erwischen ließ. Er focht schon gegen die Bewerbung Münchens und Garmischs um die Olympischen Winterspiele 2018 - und ist auch dieses Mal bei den Gegnern ganz vorne dabei. Wir wollten mit Doering aus Sicht der Naturschützer neuralgische Punkte für Spiele 2022 im Garmisch erkunden - so war es telefonisch besprochen. Doch Doering hat mit dem Ausflug zur Schanze genug. Als wir zur Kandahar-Abfahrt wollen, kommt ein apodiktisches „Nicht mit mir!“.

          Es ist eine gute Einstimmung auf weitere olympische Begegnungen im Ort. An der Kandahar-Abfahrt stoßen wir auf einen Arbeiter der Bergbahn. Auf die Frage, wir oft er schon runtergefahren sei, sagt er: „I bin froh, wenn i amal ned auf Skiern steh.“ Er bevorzuge auf der Kandahar eine Pistenraupe als Fortbewegungsmittel. Angesichts des berühmten „Freien Falls“, eines Streckenabschnitts der Kandahar, der mit einem Gefälle von 92 Prozent einem Höllensturz gleicht, können wir das nachempfinden.

          Ein Teilabschnitt der Kandahar-Abfahrt (grüne kahlgeschlagene Fläche) in Garmisch-Partenkirchen

          Der Name der Abfahrt geht auf den britischen Feldherrn Frederick Sleigh Roberts zurück, der nach einer Schlacht um die afghanische Stadt im Jahr 1880 den Titel „Baron Roberts of Kandahar“ erhielt; die Erhebung in den Grafenstand folgte. Sein Faible für den Wintersport führte dazu, dass sein Name Skirennen und -strecken in mehreren Alpenorten schmückt.

          Allzu „nachhaltig“ erwiesen sich die britischen Siege in Afghanistan übrigens nicht; nicht nur in Bayern haben Bergvölker ihren eigenen Kopf. Als wir dem Arbeiter die Garmischer Gretchenfrage - „Wie halten Sie es mit Olympia?“ - stellen wollen, hat er schon das Weite gesucht. Und andere Garmischer, die wir fragen, sagen: „Olympia? Habe ich keine Meinung!“

          Ohne olympischen Übereifer

          Niemand kann den Garmischern olympischen Übereifer vorwerfen - weder den Befürwortern noch den Gegnern. Ein Grund mag der Schatten sein, der immer noch über der olympischen Vergangenheit der Gemeinde liegt; die Winterspiele 1936 wurden von den nationalsozialistischen Machthabern als Propagandakulisse missbraucht.

          Weitere Themen

          Wann kommt endlich der Tag?

          Russlands stille Hoffnung : Wann kommt endlich der Tag?

          Das russische Volk schwankt auf der Suche nach einer nicht ganz unerträglichen Obrigkeit. Und Wladimir Putin beginnt Fehler zu machen. Fehler, die eine junge Generation bemerkt und als Signale des Wandels deutet. Ein Gastbeitrag.

          „Regierungsbeteiligung ist möglich“ Video-Seite öffnen

          Janine Wissler : „Regierungsbeteiligung ist möglich“

          Da CDU und SPD nach den letzten Umfragen nicht besonders gut aussehen, könnten die Linken das Zünglein an der Waage spielen. Eine Woche vor der Landtagswahl in Hessen schätzt Spitzenkandidatin Janine Wissler die Chancen ihrer Partei gut ein.

          Topmeldungen

          Der Niedergang als Chance? Jeder Zweite begreift die Verluste von SPD und der Union als Chance für die Demokratie.

          Emnid-Umfrage : Jeder dritte Deutsche könnte auf SPD verzichten

          Jeder zweite Deutsche sieht den Niedergang der Volksparteien als Chance für die Demokratie. Besonders die SPD scheint immer mehr Wählern entbehrlich, wie eine Umfrage zeigt. Profitieren können davon zur Zeit vor allem die Grünen.
          Luigi Di Maio (Mitte) verkündet am 27. September 2018 vom Balkon des Palazzo Chigi den „Haushalt des Volkes“.

          FAZ Plus Artikel: Haushaltspolitik in Italien : Volk ohne Geld

          Italiens neue Regierung ruft die „Abschaffung der Armut“ aus, macht Front gegen den „Terror der Märkte“ und bereitet die Zerstörung der EU vor. Warum geht sie nicht zuerst gegen das Privatvermögen der eigenen Leute vor?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.