Gespannt warten hundert Bürger im Erfurter Kaisersaal auf die Bundeskanzlerin, um mit ihr einen „Dialog über Deutschlands Zukunft“ zu führen. Es geht um die Frage „Wie wollen wir zusammen leben?“, und Frau Merkel bekommt ein Panorama lokaler Alltagssorgen und alltäglicher Erfahrungen geboten, als Empfehlung und Forderung für künftiges Regieren, für ein Deutschland, dessen Bewohner es weltpolitisch nicht in die Ferne zieht, die mit ihren Geschichten genug zu tun haben und die trotz allem stolz sind auf ihr Land.
Die Auswahl der Teilnehmer ist durchaus repräsentativ für Thüringen. Aber das Land gibt sich bei der Veranstaltung etwas weltläufiger, als es tatsächlich ist. Der Anteil junger, wortgewandter Frauen aus Einwandererfamilien ist hoch - aber nur zwei Prozent der Thüringer sind Ausländer. Dieser Anteil wäre schon erreicht durch den Einwanderer aus Angola, der unter der „Wertschätzungsproblematik“ leidet, und eine Frau asiatischer Herkunft, die klagt, sie fühle sich, obwohl sie Sprache und Kultur der neuen Heimat erlernt habe, noch immer als Fremde.
Kanzlerin Merkel, der die Mühen der Euro-Rettung und der Machtpoker in der Koalition um die Wulff-Nachfolge nicht anzumerken sind, verringert mit Witz und Ironie die Distanz zum Publikum, ohne sich gemein zu machen: „Soll ich mich dazwischen setzen, dann bin ich grad’ eine von Ihnen“?, fragt Frau Merkel zwei junge Frauen und verspricht den Versammelten „vertauschte Rollen“: „Ich bin heute Abend hier, um auf Sie zu hören.“
„Das Problem liegt in unseren Köpfen“
Also neunzig Minuten über „Generationen“, „Sicherheit“ und „Identität“. Die Thüringer, die in einem kleinen und kleinteiligen Land leben, das für sie selbst der Maßstab ist. Fragen zur Rolle Deutschlands in der Welt oder zur Euro-Krise, immerhin dem Großthema der aktuellen Politik, werden nicht gestellt. So eng ist die Binnensicht, dass ein schwedischer Journalist schon darüber grübelt, ob denn Fragen nach Griechenland verboten seien. Natürlich nicht. Aber darum geht es gar nicht. Die Thüringer halten sich an das Thema, und das sei die Frage nach dem Zusammenleben in Deutschland. Und so wird der Dialog auch zu einem Lehrstück über die Debattenkultur im Osten des Landes.
Keiner spricht ungefragt, niemand ruft dazwischen. Oft beginnen Wortbeiträge mit der Anrede „Sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin“. Die Thüringer - vor allem jene auf dem Lande - fürchten, zu kurz zu kommen. Vom ehemaligen „Roten Baron“ einer erfolgreichen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft bis zum „Ortsbürgermeisterlein“ von der CDU äußern viele Angst unterzugehen „in den Problemen großer Städte“. Langfristige Unterstützung wünschen sich die Träger von Projekten der Bildungs- und Sozialarbeit. Häufig fragen die Geladenen nach Mehrgenerationenhäusern, häufig nach einem Grundeinkommen, das aus Steuern zu finanzieren sei. Die Kanzlerin geht nicht auf jeden Wunsch ein, quittiert manchen mit „Hm, hm“ oder mit „Okay“. Nicht jedes Bildungsangebot könne staatliches Pflichtprogramm werden, und das Grundeinkommen koste viel Geld. Aber das Bürgerhaus für das Ehrenamt gehöre neben das Rathaus, ebenso das Mehrgenerationenhaus für den, der sich einsam fühle.
Die Sorge um die Kinder ist groß im Kaisersaal, und ebenso groß sind die Erwartungen an den Staat. Unter Beifall verlangt eine Schulleiterin, mehr in die Schulen zu investieren. Für die Eltern sei mehr Sicherheit zu schaffen, damit sie mehr Kinder bekämen. Keinen Beifall erhält ein Vater von vier Kindern, der sich darüber beklagt, dass der Staat sich zu viel einmische und deshalb finanziell überfordert sei. Auch eine junge Muslima kämmt gegen den Strich der Mehrheitsmeinung. Weit verbreitet sei die Furcht, dass Kinder Armut und Unfreiheit bedeuteten: „Aber das Problem liegt in unseren Köpfen.“
Wenig Zeit für das Unterthema „Identität“
“Sicherheit“ - das heißt im Moment auch in Thüringen Kampf gegen rechtsextremistische Gewalt. Eine Frau sagt, sie wisse zwar, dass es die Meinungsfreiheit gebe, aber die NPD gehöre verboten. Es müsse mehr Geld „gegen rechts“ ausgegeben werden. Ein Mann zweifelt daran, dass die Behörden rechtsextremistische Taten überhaupt bekämpften, denn dieses Gedankengut sei weit verbreitet in der Gesellschaft, um sogleich zu folgern, der sicherste Staat sei der mit den meisten Überwachungskameras.
Wenig Zeit bleibt für das Unterthema „Identität“. Ein junger Mann sagt, zur Identität der Deutschen gehöre seit mehr als sechzig Jahren die Demokratie. „Man sollte das wieder mehr aussprechen, darum setze ich große Hoffnung auf den neuen Bundespräsidenten.“ Die Auseinandersetzung in den Schulen mit dem Nationalsozialismus sei wichtig, aber den Schülern werde ein Schuldkomplex antrainiert: „Man sucht den Schuldigen, den man in der neuen Generation nicht sehen kann.“ Frau Merkel versichert: „Das nehme ich mit als Vorschlag.“ Und was noch? Zum Beispiel den Wunsch nach mehr Beteiligung der Bürger; den Ruf nach Würdigung derer, die im Ehrenamt tätig seien; oder „dass wir mehr für Toleranz tun müssen“.
Mit dem Schlusswort in einem Dialogversuch, den die Berliner Opposition schon unter Wahlkampfverdacht stellt, erntet die Kanzlerin großen Beifall. Es gelte das Land noch lebenswerter und gerechter zu machen, dieses Land, „das ja ein schönes Land ist“. Mit diesem Bekenntnis spricht die Ostdeutsche Merkel den Thüringern aus der Seele.
Welch rührende Volksnähe demonstriert die "Sehr verehrte
Frau Bundeskanzlerin"
Helga Zießler (Steuernagel34)
- 02.03.2012, 21:02 Uhr
“ Ist der Islam u. unsere Verfassung kein Theme?
Roman Gerhard Urbanek (romangerhard)
- 01.03.2012, 22:25 Uhr
Warum war des Islamm und unsere freiheitliche Verfassung kein Thema???
Roman Gerhard Urbanek (romangerhard)
- 01.03.2012, 21:21 Uhr