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Bülent Ucar im Gespräch : Für Mohammed war Krieg der Normalzustand

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Ein Gläubiger liest in der Al-Azhar-Moschee in Kairo im Koran. Bild: AFP

Der Religionspädagoge Bülent Ucar erklärt, welche Rolle Gewalt im Islam spielt, weshalb der Koran nicht wörtlich zu verstehen ist und warum die Demokratie auch für Muslime die beste aller Staatsformen ist.

          Warum berufen sich so viele Terroristen auf den Islam, Professor Ucar?

          Es gibt mehrere Gründe dafür, warum manche Muslime zu Terroristen werden. Das hat mit einem Gefühl der Ohnmacht in den internationalen Beziehungen zu tun, sicher auch mit sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Benachteiligung und Ausgrenzung. Außerdem sind Muslime religiöser als andere Menschen, auch wenn sie im Westen leben. Und unter diesen Muslimen gibt es wiederum Menschen, die sich auf problematische Textstellen in den Primärquellen des Islams und der Tradition beziehen, um im Namen des Islams Gewaltakte zu verüben.

          Sie meinen Passagen, in denen Mohammed seine Anhänger zum Krieg gegen die Ungläubigen aufruft?

          Man muss sich dafür zurückversetzen in die Verhältnisse auf der Arabischen Halbinsel im siebten Jahrhundert. Solange er in Mekka war, hat der Prophet vor allem Geduld und Frieden gepredigt. Zwei Drittel der Koranverse wurden dort offenbart. In Medina war die Situation anders. Die Muslime mussten auswandern, hatten ihren eigenen Stadtstaat gegründet und wurden angegriffen. Unter diesen Rahmenbedingungen haben sie zu den Waffen gegriffen, sich verteidigt und auch Präventivkriege geführt. Damals war Krieg der Normalzustand auf der Arabischen Halbinsel. Das schlägt sich in den Koranversen aus jener Zeit nieder.

          Gefragter Korangelehrter: der Islamwissenschaftler Bülent Ucar

          Und wie soll man als Theologe heute damit umgehen?

          Wir können diese Verse nicht wegradieren. Der Koran ist ein abgeschlossenes Schriftstück, man kann sich nicht einfach einen Koran basteln, der uns heute genehm ist. Das wäre bloß opportunistische Anbiederung. Diese Verse dürfen aber auch nicht für überzeitlich erklärt werden. Man versteht sie nur, wenn in der Auslegung die damaligen Rahmenbedingungen beachtet werden. Dass man religiöse Normen in ihrem historischen Kontext zu verstehen sucht, ist nichts Neues. Dieser Ansatz ist in den vergangenen Jahrzehnten aber verdrängt worden von einer Wortlautgläubigkeit, und zwar vor allem durch salafistische Strömungen. Darunter haben die islamische Theologie und Kultur enorm gelitten.

          Nennen Sie bitte ein Beispiel dafür, wie Sie vorgehen!

          Der Prophet fordert die Todesstrafe für Menschen, die sich vom Islam abkehren. Das ist heute noch herrschende Lesart der islamischen Rechtsschulen, egal ob sie sunnitisch, schiitisch oder salafistisch sind. Tatsächlich war es im historischen Kontext so: Damals sind fast alle Menschen, die sich vom Islam abwendeten, nach Mekka zurückgekehrt, um die Muslime zu bekämpfen. Deshalb galt die Abkehr vom Islam als Hochverrat im Krieg – und musste entsprechend bestraft werden. Darüber gibt es inzwischen wissenschaftliche Arbeiten.

          Man kann ja aber nicht von jedem Gläubigen verlangen, dass er erst Dissertationen liest.

          Deshalb bilden wir an unserem Institut Theologen und Religionslehrer aus, die das Wissen dann an Laien weitergeben. Wir sparen die heiklen Themen nicht aus, setzen uns mit der herrschenden Lehre auseinander und stellen die Vielfalt der Meinungen dar. So muss es auch in den Schulen sein. Wenn wir diese Themen nicht besprechen, würden wir das Feld den Extremisten, den Rattenfängern überlassen.

          Auch im Judentum und im Christentum wird Gewalt gerechtfertigt. Was ist anders im Islam?

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